Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Helmina von Chézy. Bayreuth, 8. Dezember 1812.

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Baireuth d. 8 Dec. 1812
304,15

„Freundin!“ Wenn ich Sie noch so nennen darf, so sind Sie es
in hohem Grade, denn ich habe große Sünden an Ihren Tugenden
begangen und Ihr Schreibtisch muß mein Beichtstuhl werden. —
Ehe ich Ihre Gedichte gelesen, hatt’ ich Sie zwar lieb und dieß
sehr; nun aber nachdem ich sie gelesen, hab’ ich Sie — fast zu lieb304,20
und es ist gut, daß ich Sie nicht noch dazu gar sehe. Ihre Herr
schaft über die Dichtformen, Ihre trefflichen Legenden oder Holz
schnitte — wovon besonders die Unterredung eines alten Ritters
mit einer heutigen Frau eine den Weibern sonst selten gelingende
komische Kraft beweiset — und die herzlichen, milden, lyrischen Er304,25
güsse — besonders der meisterhafte „an den Großherzog an
einem Frühlingsmorgen
“ — und so viele andere — denn ich
zitiere die zwei weggeliehenen Bändchen aus dem Gedächtnis und
Herzen — kurz dieser ganze Blumenstrauß an Ihrer deutschen Brust
hat mich unendlich erquickt. Beinahe hätt’ ich Sie öffentlich rezen304,30
siert d. h. gelobt, hätt’ ich nicht das allgemeine Urtheil zu deutlich
wiederholen müssen. Ich vermeide aber alle Wiederholungen, aus
genommen in der Liebe, wiewol dieses Blättchen ja eine ist und
zugleich die Ausnahme bestätigt; denn ich liebe Sie herzlich, wenn Sie
so sind wie Sie mir erscheinen, und so blieben wie Sie mir erschienen.304,35


Es geh’ Ihnen wol in dieser närrischen Wechsel-Welt. Und will305,1
das Gehen nicht gehen, so haben Sie ja außer den Füßen noch
etwas Seltneres, zwei Flügel der Muse!



Ihr
Jean Paul Fr. Richter
305,5
Zitierhinweis

Von Jean Paul an Helmina von Chézy. Bayreuth, 8. Dezember 1812. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=VI_706


XML/TEI-Dokument

Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 6. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1952. Briefnr.: 708. Seite(n): 304-305 (Brieftext) und 548 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

K: Helmine Chézy Aschaff. 8 Dec. *J: Denkw. 3, 249. A: IV. Abt., VI, Nr. 212. 304,17 an Ihren Tugenden] fehlt K 21 Ihre bis 30 erquickt.] fehlt K 305,3 Seltneres] davor gestr. Besseres K

Vgl. Nr. 569, 668, 704. Der 1. Teil der „Gedichte der Enkelin der Karschin“ (1812) enthält S. 15ff. „Legenden“, S. 37 einen „Morgen gruß an den Großherzog von Frankfurt“, S. 87ff. „Holzschnitte“, darunter S. 104 „Alte Zeit und neue Zeit“.