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76,1
Giebichenstein d. 18 Jul. 98 [Mittwoch].

Seit Montags treib’ ich hier mein Gast- und Reiseleben; und laufe
morgen, wenn mir Gleims Zuhausesein geschrieben wird, nach Halber-
stadt,
um da diesen Brief auszumachen und ganz spät fortzuschicken.76,5
Ihr solt alle, des Epistolierens wegen, nicht eher wissen daß ich fortbin
als bis ich zurük bin.

Ich lebe hier sehr froh, von den Gaben der Humanität und der
botanischen Natur und der Tonkunst umgeben. Reichard hat ein ganzes
Töchter-Orchester, das so schön singt als lebt (obwohl nicht so schön 76,10
aussieht, die vor-kleinste ausgenommen, deren Madonnengesicht von
7 Jahren er für mich ernstlich für den 2ten Band des Titans kopieren
lässet, damit die Welt sieht, wie eine der liebl[ichsten] Aktrizen meines
Titans im 7ten Jahre ausgesehen). Sein Bergthalgarten zertheilt
sich in lauter Schönheiten; und er selber in lauter Gefälligkeiten und76,15
Aufmerksamkeiten; und ich habe so viel Freiheit als jedem andern
genug ist, mich ausgenommen. Er erzählt mir, daß in Berlin das alte
Unwesen, durch die Soufleurs der alten Regierung wieder angehe.
Die unnöthige Furcht der Revoluzion thut gerade so viel Schlimmes
als vorher Gutes: ein ganzes Spionen-Departement ist öffentlich76,20
errichtet auf dem alten Pariser Fus, das unter allen Verkleidungen
Hör- und Sehröhre ansezt und den Staat zu einem Schalgewölbe
macht. Wer dem Abbé Sieyes nur nachsieht, der wird angegeben; so
wie auf eine niedrige Weise Stände und der König unter dem Huldi-
gungsschwure blos auf den Franzosen sahen. — Was ich aus Stapfers 76,25
Briefen über die moralische Atonie der Pariser, besonders der Trauer-
spiel-Direktoren höre, macht, daß man diese Stadt, die bekantlich ganz
auf einem unterhöhlten Boden steht, in ihr Souterrain hinabwünscht. —

In Halle werd’ ich mit vieler Liebe empfangen. Gestern assen wir
bei Lafontaine. Er ist ein runder, treuherziger, frohlauniger, menschen- 76,30
und tugendliebender fester heller Man, ohne das Bauch-Vorgebürge
und Kin-Kap, worauf ich rechnete. Er wohnt mit seiner kinderlosen
Frau auf einem Thurm von Hause. Da er vom König eine Präbende
von 600 fl. (denk’ ich) bekam und er sich bald gar unabhängig und aus
seinem Predigerdienste schreiben wird: so wird dan seine Fruchtbarkeit76,35
sich mässigen. Dem Faktor der Vossischen Druckerei erlaubt er, seinen
Schriften ab- und zuzuthun was er wil und fragt nichts nach weg
gestrichnen oder eingekindschafteten Seiten. — Er liebt mich sehr. —77,1
Und so auch die Niemeierschen, wovon ich die Frau wegen ihrer gut-
müthigen gesprächigen Ausbildung besonders aushebe. Ich sol so
abends in Halle herumessen. Aus zu heben ist auch die Frau des
Sprengels, bei der ich war; und Sprengel als Grobian und Säufer 77,5
(er war nicht da).
Halberstadt d. 23 Jul. [Montag]

Meine Personalien sind vorerst die: Reichard (von dem ich bei dem
ersten Sehen in Hof nicht ein Kopf- sondern Kniestük verfertigt und in
mir aufgehangen habe) strikte mich bis Freitags mit Schlus- und77,10
Blumenketten fest. Zum Sorites gehörte, daß er mir die Anwesenheit
Gleims zweifelhaft machte und mich die Antwort von Klamer Schmidt
zu erwarten zwang, an den ich in Leipzig anfragend geschrieben hatte.
Das Schmidt-Ja kam Freitags und ab lief ich, d. h. nach dem Früh
stük das bei Reichard in Wein und Butterbrod etc. um 12 Uhr besteht. 77,15
Nach Cönnern (3½ Meilen) gieng ich zu Fusse; fuhr nach Aschersleben
mit Extrapost, die in einem von unten auf rädernden Bret mit
4 Rädern besteht. Sonabends gieng ich mit einem angesessenen, nicht
angerittenen Wolf, in 6 Stunden (10 rechnet man) nach Halberstadt.
Hier war ein Wirth zu meinem Empfang beordert, der mich sogleich77,20
Gleim denunzieren solte. Ich hielt aber 2 Raststunden. Nach dem er-
statteten Bericht kam der Bediente Gleims mit seinen requisitorialibus
und brachte mich an das beste alte Herz. Gleim stand unter der Thüre:
so herzlich wurd’ ich noch von keinem Gelehrten empfangen, weil keiner
ein solcher Teutschmeister ist wie Gleim. Sez’ ihn dir aus Feuer und77,25
Offenheit und Redlichkeit und Muth und preussischem Vaterlands-
eifer — ach wie wohl thut einem jezt ein Mensch, der an kein Stief
vaterland glaubt — und Sin für jede erhöhte Regung zusammen und
gieb ihm noch zum breitesten litterarischen Spielraum einen eben so
weiten politischen: so hast du ihn neben dir. Wie hebt diesen biedern77,30
Borussianer, der vor lauter Feuerflammen nie die rechte Gesichtsfarbe
anderer Menschen sehen kan, mein Herz über die ästhetischen Gaukler
in Weimar und Jena und Berlin, die für keine Seele eine haben, vor
denen alle Karaktere nur beschauet, nicht ergriffen, wie die Karaktere
die von 5 bis 8 Uhr auf der Bühne dauern, vorüberwehen! Ich denk77,35
auch an Reichard, der zwar wie Antäus auf der Familien-Erde
wieder Stärkung einsaugt, der aber doch jeden zu sehr im rechten
— Lichte sieht, d. h. der mit der Götheschen Lorgnette Gute und 78,1
Schlimme, theilnamlos obwohl unpartheiisch, lobend aber nicht
liebend, tadelnd aber nicht hassend, als Dramaturg über das Theater
laufen sieht. —

Ich wohne bei Gleim. D. h. ich habe die schönste Stube mit einem78,5
Luxus, der grösser ist als mein Lexikon davon, zwischen lauter Bücher
zimmern in Besiz — und gegenwärtiges wird da gemacht. Seine
Niece (von 18 oder 20 Jahren) gefält mir wegen ihres Frohsins,
Gefühls, wegen ihrer Ausbildung und weiblichen Leichtigkeit so sehr
als der beste Bücherschrank hart an mir. —78,10

Lieber Otto, 10 Tausend Dinge und Personalien gehen unbeschrieben
verloren: ich wolt’ du ständest dabei. —

Vermischte Nachrichten

Halberstadt ist sehr schön, und auch die weiblichen Wesen darin;
der Brocken wendet sein Riesenhaupt hieher — 78,15
Leipzig d. 30 Jul. [Montag]

Heute kam ich an. 1000 etc. Dinge sizen auf meiner Zunge; ich geh
aber chronologisch und topographisch und sage ein Paar.

Gleim und die Halberstädter und Halberstadt und die Nachbarschaft
des Harzes gefallen mir zu sehr. Gleim macht von 4 bis 6 Uhr 78,20
Morgens Verse, deren Erscheinung ihm gleichgilt (seine opera omnia
sind ohne seinen Willen da). Er hat das Feuer und die Blindheit eines
Jünglings; ich lieb’ ihn unsäglich und wir weinten beide beim Trennen.
Den 27ten Jul. ris ich mich ab; muste in Aschersleben beim Pastor
Görte bleiben (dem Stiefvater der Niece); und abends wurde eine 78,25
meiner erschriebenen Brüdergemeinde[n besucht], die aus einem Kon-
sistorialrath, Rektor (Sangerhausen), Subrektor, Bürgermeister,
Syndikus, Doktor bestand, die mich sämtlich sehr — ansahen und den
andern Tag für ein 2tes Konzilium der Gegend aufheben wolten.
Diese Gewisheit, daß meine Dinte sich durch alle Amtskleider etc.78,30
frisset, erfreuet mich sehr und oft; aber nicht blos einige Moralität,
sondern auch viel Freiheit geht auf solchen Zier-Prangern zum Teufel.
Ach ich finde keinen Menschen für mein Herz, zwar Menschen, deren
Schüler, aber nicht deren Freund ich sein kan! Und ich mus so den Be
strebungen, mich zu loben und zu lieben und zu errathen, mit zusehen!78,35
— Den 28ten kam ich nach Giebichenstein. Ich muste den Sontag
bleiben, um ein Souper bei D. Niemayer, wozu ich mich 8 Tage 79,1
vorher versprochen, mitaufzuessen. Es war alles herlich und — kriege
risch (denn ich disputiere überal), und die Niemeyer hab ich recht innig
lieb. —

Heute fuhr Reichard mit mir in 4 Stunden hieher. Seine Gefälligkeit 79,5
für mich übersteigt meine Hofnung und Erwiederung. Seine Frau hat
die schönste stilste Seele und die schönste Nase, die mir noch vorgekom
men. — Ausser Halle must ich blos das Albinos Bier (den Broyhahn)
trinken. — Die Berlepsch ist in Eger. Ich reise nie mehr mit einer
Dame; die 6 Ld’or, — die Reise-rata, die ich ihr zahlte, abgerechnet79,10
die eingebüßten [!] geliehenen rtl. und Groschen — hätt’ ich mit besserer
und ökonom[ischerer] Wahl der Freude verreisen können. —
d. 1 August.

So mus ich den ganzen Kalender zum Brief-Datum machen. Ich
kan dir vor lauter Zerstreuungen, da ich fast jeden Tag irgend anderswo79,15
esse oder size, sie nicht malen.

Schreibe mir etwas von Wernlein. Sage unserer Amöne, daß mein
nächster Brief nach Hof an sie ist. — Hier hast du einen vom Ren-
danten, der mich sehr erweicht hat ob ich gleich den Brief nicht dazu
brauchte. —79,20

Thümmel wolte mich mit Weisse besuchen, er komt aber in 8 Tagen
wieder.

Von meinen Palingenesien kanst du 1. Band haben, wenn du ihn
ohne den 2ten wilst.

Lebe wohl mein Treuer! Meine Seele bleibt wahrscheinlich bis79,25
November aus vielen Gründen in wundreibender Bewegung.

R.

Frankiere den Brief an Gotlieb nicht, er hat bei dem Mönchberger
Postmeister das Recht des R[eichs]Hofraths.

Reichard komt vielleicht im August mit einer Kommission nach Hof. 79,30
Dein Bruder korrespondiert mit ihm. Wenn du aus dieser Note etwas
für Herold ziehen oder thun kanst: so thu es aber mit Verschweigen
der Quelle. Ich und R[eichard] sind weltpolen-weit aus einander, mir
kan nur sein Erzählen und ihm von mir mein Zuhören gefallen. Über
Künste und Menschen und Empfindungen sind wir ewig getrent.79,35

H: Berlin JP. 16 S. 8°; Otto hat überall zu den Daten den Wochentag gesetzt, 77,10 zu dem Wochentag (Freitag) das Datum (20. Juli). K: Otto 18 Jul. bis 1 Aug. J 1: Otto 2,269×. J 2: Nerrlich Nr. 41. A: IV. Abt., III.1, Nr. 73. 76,2 Giebichenstein] aus Halle H 11f. von 7 Jahren] nachtr. H 18 durch die] aus der alten H 33 auf] davor gestr. mehr H 34 gar] nachtr. H 77,7 Halberstadt] nachtr. H 14f. Frühstrük H 21 Gleim denunzieren] aus zu Gleim gefänglich abführen H 2] aus eine H 25 Teutschmeister] aus Deutschmeister H, Deutschmeister K 26 preussischem] nachtr. H 27 einem jezt] nachtr. H 78,2 obwohl] aus und H 6 zwischen] aus neben H 13 Nach richten] aus Schriften H 25 wurde eine] aus wurd’ ich in eine H 32 auf] aus unter H Zier-Prangern] danach der Zelebrität K 79,1 D.] nachtr. H 3 Niemeyer] davor gestr. D. H 7 stilste] nachtr. H 11 eingebüßten] aus eingebüßeten H 25 bleibt] aus ist H 26 November] davor gestr. Weih [nachten] H 34 mein Zuhören] aus sein E[cho?] H 35 Empfindungen] aus Her[zen] H
Otto erhielt den Brief am 7. August. Wahrscheinlich lag ihm das Gedicht von Gleim bei, das K. Klyber in den Jean-Paul-Blättern, 4. Jg. (1929), S. 69, mitgeteilt hat; Jean Paul wird darin „unser Hannß Paul Richter“ genannt, wozu er die Fußnote gesetzt hat: So sol ich mich nennen; u. nur früher hätte mans wissen sollen. 76 , 11 —14 Reichardts „vor-kleinste“ Tochter, Friederike, die spätere Gattin Karl v. Raumers, sollte wohl als Vorbild für Liane dienen; vgl. I. Abt., VIII, 101,26f.; Ernst Förster, Aus der Jugendzeit (1887), S. 240f. 23 Abbé Sieyès (1748—1836), damals französischer Gesandter in Berlin. 25f. Stapfers Briefe: an die Ber lepsch, vgl. 46,24 †. 77,1 Über Lafontaines Liebe täuschte sich Jean Paul, vgl. Persönl. Nr. 47. 2f. August Hermann Niemeyer (1754—1828), Professor der Theologie und Pädagogik in Halle, auch geistlicher Dichter, seit 1787 verheiratet mit Agnes Wilhelmine, geb. von Köpken aus Magde- burg. 5 Matthias Christian Sprengel (1746—1803), Professor der Geo graphie, Polyhistor, bekannt für seine Grobheit, vgl. R. Köpkes Tieck Biographie, Leipzig 1855, 1. Bd., S. 135f. 12–14 Klamer Schmidts Antwort s. IV. Abt. (Br. an J. P.), III.1, Nr. 69. 78,1 –4 Vgl. I. Abt., VIII, 9,27–30 (Ce sara). 6 Luxus-Lexikon: ein von Jean Paul angelegtes, im Nachlaß erhaltenes Verzeichnis von Luxusgegenständen aller Art, das ihm zu Dar stellungen der vornehmen Welt diente. 8 Gleims Niece: Luise Ahrends, s. Nr. 115†. 21 opera omnia: Gleims Sämtliche Schriften, Altona 1798—1800, 3 Bände. 27 Christoph Friedrich Sangerhausen (1740 bis 1802), Rektor in Aschersleben, auch Dichter. 79,30 –32 Reichardt war Salzinspektor (s. Bd. II, Nr. 400†), Herold senior Obersalzfaktor.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

113. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 76-79 (Brieftext); 415-416 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Giebichenstein bei Halle, Halberstadt und Leipzig, 18. Juli 1798 bis 1. August 1798. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_113 >


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