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Leipzig d. 8 Aug. 1798 .
80,2
Mein guter theuerer Vater! Es wird lange, bis dieses warme Wort
über so viele Stazionen zu Ihnen gelangt, und ich möchte lieber es
an Ihrem Tische sagen als an meinem. —80,5

Dieses Blat wurde nur durch die für die „Ruhestunden“ bestimte
Satire verspätet, die ich stat an H. Nachtigal an Sie geschicket hätte,
wenn ich Ihrer Anwesenheit gewis gewesen wäre. Fodern Sie sie von
ihm zum Durchblättern, weil ich gegen den ästhetischen Kopfabschneider
Schlegel, der im 2ten Stük des Athenäums auch an meinen die Bein- 80,10
säge wüthend ansezte, in einer Note einige Fingerspizen vol Fliegen-
und Wanzentod ausgesäet habe.

Der 2te Band der Palingenesien ist noch nicht volendet: doch
möcht’ ich Ihr Urtheil über den ersten.

Erst nach meiner ganz nahen Reise nach Weimar und Gotha weis 80,15
ich über meine künftige nach Halberstadt den Willen des Geschiks.

Ach ich war sehr glüklich an Ihrem warmen ganzen festen Herzen,
guter Gleim! Meine höchsten Entzückungen bei Menschen werden
immer zu sehr durch moralische Mistöne gestört; aber bei Ihnen
wurden sie blos von der reinen Melodie reiner Seelen begleitet! Sie80,20
sind tief und fest in meinem Herzen mit Ihrem feurigen, geliebter
Vater! Und Ihr neuester Freund trägt und bewahrt Sie darin so
warm, wie Ihr ältester!

— — Sonderbar! In dieser Zeile komt Ihr liebes Briefgen. Ich
danke für Ihre Fragen: ich kam froh und trocken unter den Wolken80,25
hinweg, die mir stat des Wassers nur Schatten herunterwarfen; und
nach 2 Nächten in Giebichenstein fuhr Reichard mit mir hieher.

Ihr Oeser schikt Ihnen Dank und Grüsse. Ihn drükt noch der Verlust
des Sohnes und der Frau.

Der Himmel umringe Sie mit seinen schönsten Sternen und in80,30
Ihrer dichtenden Seele spiegle sich nur Frühling und Freude!

Fr. Richter


H: Gleimhaus, Halberstadt. 4 S. 4°. K: Gleim 8 Aug. J: Körte. (Danach wiederabgedr. Denkw. 3,38×.) B: IV. Abt., III.1, Nr. 72. 80 , 11 wüthend] nachtr. H 12 Wanzentod] aus Wanzentodt H ausgesäet] gestreut K 26 her unterwarfen] herabwarfen K 30 sie H K
80 , 6 –12 Die für die Zeitschrift „Ruhestunden“ (s. Bd. II, Nr. 694†) bestimmte Satire „Beschreibung der öffentlichen und Privatbibliotheken des Pfarrdorfes Hukelum“ erschien erst 1800 im Komischen Anhang zum 1. Band des Titan (I. Abt., VIII, 255—273); die zugehörige Note wurde in abgeänderter Fassung in den Clavis Fichtiana verpflanzt (I. Abt., IX, 476†), s. Euphorion XX (1913), 83—86. Das hauptsächlich von Friedrich Schlegel herrührende Fragment über Jean Paul im Athenäum (I, 131) war übrigens gar nicht so böse gemeint gewesen. 25 Fragen: Gleim erkundigte sich in B, ob Richter wohlbehalten in Leipzig angekommen sei; man habe es in Halberstadt sehr bereut, daß man ihn zu Fuß habe nach Aschersleben gehen lassen. Nach Körtes Bericht (Persönl. Nr. 50) war Jean Paul auf dem Wege heftig durchgeregnet: „Aber Gleim sollte beruhigt und nebenbei auch wohl der Wetter-Prophet gerettet werden!“ 28 Adam Friedrich Oeser (1717—99), der Direktor der Leipziger Kunstakademie, hatte 1791 seinen ältesten Sohn, den Maler Johann Friedrich Ludwig Oeser, 1794 seine Frau verloren.

Textgrundlage:

114. An Gleim in Halberstadt. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 80 (Brieftext); 416 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Leipzig, 8. August 1798. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_114 >


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