Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Amöne Herold. Leipzig, 12. August 1798 bis 17. August 1798.

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81,24
Leipzig d. 12 Aug. 98 .
81,25

Meine gute Amöne! Ich danke Ihnen, daß Sie über Briefe keine
scharfe Rechnung mit mir halten; Sie bleiben da immer die Gläubi
gerin. Ich wolte Sie fänden hierin Nachahmer und Nachahmerinnen.

Ihrem W ..... zer hab’ ich immer nur die geniessende raubende,
aber liebende Rohheit des Jünglings zugetraut, nicht den berechnenden,81,30
merkantilischen, harten Egoismus von ........

Ueber W. Enschlüsse freu’ ich mich hier in der Ferne leichter; aber
nun rükt die Stunde oder das Jahr immer gewaltiger heran, das die
Blütenzeiten abstreift und aus der Vergangenheit der Jugend einen82,1
weiten Traum macht. Bald sind wir alle verändert. O wenn der
Mensch doch in der jugendlichen Minute es sich immer sagte: fasse sie,
zieh sie in dein Herz, sie entflattert so bald und wendet sich nie mehr
um! — Ach was hat nicht jede Seele versäumt? —82,5

Als ich bei Aschersleben — ungefähr 25 Meilen von Ihnen
— Abends mit meiner Postchaise auf der Fähre über die Saale
gerudert wurde, und an ihre Wellen einsam und bewegt hinunter sah,
so sagte ich mir: alle diese Wellen sind durch Hof und vor Ihrem
Gartenhause und vor meinen lieben Menschen vorbeigeflossen! Wie82,10
sehnsüchtig und vertraut und so nahe euch allen blikt’ ich jedem Wasser
ring und dem langen fliehenden Zuge nach, und ich hätte gerne die
liebe Fluth fassen und trinken mögen.

d. 17 Aug.

Ich habe Ihren lezten lieben Brief in der Hand; meine Sehnsucht82,15
nach Hof ist zu gros im Verhältnis meiner Zeit und Vernunft; ihre
Befriedigung wird durch meine Weimarsche Reise entschieden. Für
Ihre Neuigkeiten geb’ ich auch welche.

Der Graf Moltke aus dem Holsteinischen, der Reisebegleiter von
Baggesen und der Bekante von Jakobi, kam von Weimar auf 3 Tage 82,20
mit Frau und Schwägerin hieher meinetwegen, wir assen täglich
beisammen. Die Frau, die unter dem Anschauen sich verschönt, ge
wöhnte sich an unser Beisammenleben und Disputieren. Sie waren bei
mir, schenkten mir eine blaue Tasse, und ich that in die blauen Augen
der Weiber ein Paar Tropfen durch mein Klavierspielen. Sie mochten82,25
kaum aus der häuslichen Stube.

Ich zeigte ihnen im herlichen Park Abends die rührende Aussicht
vom künstlichen Berg auf eine schöne wankende Welt von Pappel
Alleen, Hängeweiden und einem breiten Wasser an Ruinen. Ich muste
am lezten Abend nach den Fehlschlagungen aller ausweichenden Künste82,30
aus dem Titan vorlesen; und die liebe, weiche Gräfin (die es noch mehr
durch die Nähe ihrer Niederkunft wird) war mir recht gut mit Hand
und Auge. Da ich vollends am Morgen des Abschieds darauf die drei
Stambuchblätter mit den Inskripzionen, die auf jeden berechnet waren,
wiederbrachte — und mir neben den nassen Augen und langsamen82,35
Zurüstungen zu bange wurde — und ich recht warm und beredt von
den weiblichen Seelen (der Graf pakte unten mit ein) schied und wieder
schied und ihre Hände auf mein Herz legte und nicht fortkonte: so83,1
gieng ich endlich und die Gräfin begleitete mich und sah mir mit dem
wärmsten Auge ins Gesicht und ich wagte — wider meine Gewohnheit
nichts — aber bei dem lezten Worte fiel mir die liebe Seele umarmend
ans Herz. — Reise glüklich, du liebe Seele und ein Genius reiche dir83,5
dein Kind und er lasse der Natur keine Schmerzen zu! —

Liebe Amöne! wo bin ich? Ich dachte, die Historie wäre kürzer.
Hier sind meine Palingenesien oder Auferweckungen. Wie passet
dieser Titel zu dem 22 August, den Sie einen Tag nach dem Empfang
dieses feiern werden. Am lezten Tag Ihres Jahrs wird dies Blat in83,10
Ihre Hände fallen.

Ach ich möchte die Wünsche selber bringen! O ich solt’ es einmal
berechnen und an einem Geburtstage kommen und mein gefültes Herz
sogleich in die neugeborne Seele ausschütten. Ich sage nichts; aber wo
ich am 22 August auch stehe, ich werde irgend eine stille Minute vor der83,15
untergehenden Sonne suchen und vor ihr denken: o beleuchte sanft
Ihren ersten Tag und alle Ihre Tage und deine Stralen sollen Ihr
Auge troknen und Ihr Leben wärmen! Lebe wohl, Amöne, das ist
mein Wunsch an jedem Tage.


R.

Zitierhinweis

Von Jean Paul an Amöne Herold. Leipzig, 12. August 1798 bis 17. August 1798. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_118


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Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959. Briefnr.: 120. Seite(n): 81-83 (Brieftext) und 417 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

K (nach Nr. 119): Amöne 12—17 Aug. * J: Otto 4,262. 82,11 euch] so K, auch J 12 langen] so K, lange J 21 hierher J 25 paar J 83,6 er lasse der Natur keine Schmerzen zu] so K, lindre dir die kleinen NaturSchmerzen J 17 Ihr] dein K

Zu Amönens Geburtstag (22. Aug.). 81,32 Wernlein? Es könnte seinEntschluß, Friederike Otto zu heiraten, gemeint sein, vgl. 86,24 †. 82,6 –13 Vgl. I. Abt., VII, 501,20ff. (Konjekturalbiographie, 7. Epistel). 83,15 f.Vgl. Bd. II, 222,18ff.