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88,27
Jena d. 22 Aug. 98 [Mittwoch]
um 4½ Uhr.

Eh’ ich mit Schiller und dem Balbier mich anastomasiere, wil ich 88,30
dir schreiben. Vor 2 oder 3 Jahren schrieb ich dir auch, aber aus dem
Gasthof zur häslich dunklen „Sonne“; jezt aus dem zum lichten 89,1
½ „Mond“ (an Metaphern ist da nicht zu denken.) In dieser Stunde
wirst du mit deiner und meiner Amöne in Hofek auf einen lichten
abtheilenden Punkt des Lebens blicken, weil ihr Geburtstag ist; und
der Ferne feiert ihn warlich stil und erinnernd und vol Sehnsucht mit.89,5
Ich kehrte mich heute auf meinem Wege von Naumburg oft nach dem
klaren Süd-Ost um zumal neben der in belaubten Schatten ziehenden
Saale, die keine Welle hat, die nicht an mein Herz anspühlt.

Auf dem Weg hab ich mir einen neuen hölzernen Wegweiser ge
schnizt, der nach Hof zeigt und treibt; nämlich — caeteris paribus 89,10
ich gehe rükwärts gerade von hier nach Hof und erspare 26 Meilen.
Es giebt anno 1799 für mich keine leichtere Art nach H. zu kommen
als von hier aus. — Lieber Otto, ich wolt’ ich dürfte empfindsam sein
wie andere Leute; mein Inneres ist tiefer bewegt als die obersten
Wellen verrathen — aber da jede wieder gleich ein Strudel wird, so89,15
hab ich gar nicht den Muth, nur eine über das Ufer schlagen zu
lassen. Ach wenn du mich jezt so oft das Schnupftuch hättest nehmen
sehen — blos bei meinen Gedanken des Schreibens über die Sache —
wegen meiner Reise-Gedanken, Reise-Ermattungen, Reisefreuden,
eben jezt von singenden Alumnen umgeben, im Spiel der Abendlüfte,89,20
im Wiederschein Eueres heutigen Wiederscheins, vor lauter elenden
Kupferstichen von 70 und 80, die aber meinem Lebens-Mai zugehören
und ihn nachbilden — Nein, meine Seele ist zu weich, und doch wird sie
von andern nichterrathen und nicht erweicht. —
Weimar d. 23 Aug.
89,25
Ich schriebe am liebsten vor dem Vorhang, der bis auf die Diele
niederhängt; jezt seh ich doch unten halb hindurch; Herder hat schon
seit drei Tagen nach meiner Erscheinung inquiriert und sie heute zum
Essen verlangt — aber eben das Gesagte, das Leben dicht am Vorhange
eines Orts, ist am schönsten. — Heute wolt ich dir kaum die gestrigen89,30
Seiten lassen und schicken wegen des tollen Parenthyrsus meines Innern.
Ich gieng gestern zu Schüze (Schiller sagte sich krank an) und mit
diesem in den Mitwochs-Konvent. Mit seiner Frau gieng [ich] viel und
dum spazieren; sie gehört unter die gemeinsten Koketten, denen man
den Bal nicht richtiger zurükwirft als durch spielende Persiflage. Sie90,1
geleitete inzwischen in der Abendluft noch den Verfasser des Hesperus
auf die schönste Höhe (um selber eine zu sein) und schön ist ihr Gesicht
und am schönsten ihr Kleopatra’s Auge: daher ich immer zu ihr sagte:
„ich glaubte ihr kein Wort, ausser wenn sie mich ansähe“ —90,5
d. 24 Aug.

Am gelehrten Mitwochs-souper assen Loder, Batsch, der jüngere
Hufeland, Fichte, die andern weis ich nicht. Fichte ist klein (ich dachte
mir ihn lang) bescheiden und bestimt, aber ohne genialische Auszeich
nung. Er hat fast die Physiognomie von Schreiner in Leipzig. Ich 90,10
werde überal liebend behandelt, besonders von Schüze. Ach ich rede
bei den Leuten zu sehr in den Tag hinein und scheere mich um zu wenig.
Meine freundlichen Tischreden in Dresden zur Schlegel sollen wie
Herder erzählt, die Gebrüder Schlegel zur Umarbeitung ja sogar zum
Umdruk ihres Urtheils über mich genöthigt haben. —90,15

Die Herder sind noch liebender gegen mich als sonst. Er hatte meine
Palingenesien in einigen Tagen gelesen, deren leichter Wechsel ihn
für sie besticht. Ich solte bei ihm logieren. — Wir fuhren gestern nach
Tieffurth zur Herzogin Mutter.
Weimar Donnerstags 30 Aug.
90,20
„Ich schreibe hier in Wielands weiten Mantel vor Kälte ein-
gewickelt, den mir seine Frau mitgegeben, an meinen Fatis für dich
weiter“ — so wolt’ ich vor mehrerern [!] Tagen schreiben; denn ich
reise schon zum 2ten mal mit nichts anderem versehen aus als mit
gar — nichts; blos im Sommerrok und mit Taschen vol Schuhen und90,25
Wäsche, ohne Mantelsak und ohne alles.

Gegenwärtige Türkisch-Papier-Färberei hab’ ich mit Kaffée zu
Stande gebracht.

Ich wil wieder zurükgehen, einiges von Jena nachholen und so
hieherkommen.90,30

Indes von Jena hab ich nichts mehr übrig als meine Dumheit, im
Mitwochs Souper vor Schüze und Hufeland zu sagen, daß die
Litt[eratur] Zeitung keinem Künstler etwas helfe, und darüber zu
streiten. Schlegel, gegen den Fichte und alle sprachen — wie hier und
welches Gebrüder Wieland die Dioskuren nach der Heinsischen Über- 90,35
sezung nent, nämlich die Götterbuben, oft sagt er Zwillingsbuben,
weil sie ihn nur einen ästhetischen Oekonomen nennen — ist philo
logischer Redakteur der L[itteratur] Zeitung und darum trit aus diesem91,1
Wetterhäusgen kein anzeigendes Wettermängen, das ansagte, was
ich gemacht oder neuerdings Herder, dessen Briefe über die Humanität
und a[ndere] S[achen] ziemlich liegen; daher Wieland mich wegen
meines Lesezirkels oder Lese-Ellypse bat, ein Buch vol Lobreden, be91,5
sonders auf jene, zu schreiben. —

Ich wil jezt an der chronologischen Leine durch meine hiesige Historie
gehen: Gott gebe mir eine seelige — Erinnerung.

Donnerstags Nachmittags fuhren wir wie gesagt zur Herzogin —
tout comme alors — Abends Essen und Lachen und Merkel bei 91,10
Herder. Seine Tochter gefält mir ich weis nicht warum, wiewohl sie
sehr schön ist, nur aber blöde. Überhaupt seinen Schwiegertöchtern
und Söhnen entgeht selten ein Laut.

Freitags Mittags Essen bei H[erder]. — (Wie das alles so seelig
klänge, wenn ichs so intonierte und z. B. dazu notierte, daß ich91,15
Dienstags von Leipzig über Lindenau (⅓ Stunde) reisete, wo ich von
dem zu weichen und zu sehr und zum erstenmale liebenden Herzen der
Mdm. Hähnel und vom Rausche der Empfindung und fast des Weins
in den blauen Himmel und in die grüne Welt hineintanzte und nachher
in Weissenfels einen vortreflichen H. v. Hardenberg hätte sehen 91,20
können und in Naumburg eine Fräul. v. Kamingsky ohne viel Be-
deutung gesehen habe; aber was ist dieses Treiben und Trommeten
gegen Eine sanfte Minute, wo man zum Fenster im Novemb. hinaus
und sein Holz unten abladen sieht und dabei denkt: das sol dir an
knarrenden lichten schneeweissen Winterabenden sehr zu Passe91,25
kommen) ——:

Abends Essen bei der verehelichten jungen Berlepsch. Das Ehepaar
hat einen Himmel um und in sich; sie ist weicher, fester, schwärme
rischer, häuslicher, liebender geworden durch und für den Man, den
ich troz seines aristokratischen bornierten leeren Sinnes, wegen seiner 91,30
Herzlichkeit und Gutmüthigkeit und wegen seiner ehelichen Liebe recht
liebe. Ach wie ein Mädgen alles wird und kan, wenn sie nur
einen zu lieben hat, wofür sie etwas wird und thut. Es war ausser der
Frl. v. Oertel die Fr. v. Wolzogen, die Agnes v. Lilien mitgebeten. Ihr
Aeusseres ist in Dicke und Physiognomie der Abgus von meiner Kalb, 91,35
die leider jezt auf ihrem Landgut ihre höchste myopische Blindheit mit
Ergeben trägt und zu meiner Freude den hiesigen Winter mitfeiert.
Die Wolzogen ist klar, unbefangen, nicht-preziös, unschriftstellerisch, 92,1
kurz man liebt sie.

Sonabends solt ich Mittags wieder bei dem Paare essen, gieng aber
zu Wieland nach Osmanstädt. Aus dem Gasthofe schrieb ich ihm ein
Billet, seines liegt bei. W. ist ein schlanker aufgerichteter mit einer92,5
rothen Schärpe und einem Kopftuch umbundner, sich und andere
mässigender Nestor, viel von sich sprechend aber nicht stolz — ein
wenig aristippisch und nachsichtig gegen sich wie gegen andere — vol
Vater- und Gattenliebe — aber von den Musen betäubt, daß ihm ein-
mal seine Frau den Tod eines Kindes 10 Tage sol verborgen haben — 92,10
inzwischen nicht genialisch über diese Reichsstadt-Welt erhoben, nicht
tief eingreifend wie etwan Herder — vortreflich im Urtheil über die
bürgerlichen, und weniger im Urtheilen über die menschlichen Ver
hältnisse.

Mir gab er Palmen, um mehrere Zol länger, als seine, besonders92,15
über meine Träume und Naturblätter — und mehrte meinen äussern
Stolz (den innern nie), der ohnehin schon wächst, um vieles — und
unterordnete sich zu sehr und war zu begierig nach meinem Lobe seiner
Sachen — Warlich mein Otto, wenn diese Erde so lumpig und so unter
allen meinen Erwartungen ist, daß ich eine erfülle und etwas bin: so92,20
kan mich über den Verlust der angebornen gehoften erschmachteten
Ideale nichts trösten als die Gewisheit, daß diese Leute mehr sind als
das was sie loben, weil sie für Natur halten — da es ihre ist — was
nur (wenigstens zur Hälfte) Mechanik und Fleis geboren hat. Ach man
hat nur die Wahl der Scham, entweder über die menschliche Natur92,25
oder über die eigne.

„Aber fort!“
Weimar 2 Sept. [Sonntag]

Die 2 lezten Wort[e] kan ich hier gar nicht zu mir sagen — ich wolte
heute — dan morgen — jezt erst übermorgen.92,30

Ich wil wieder in die obige Chronologie zurük. Bei Wieland must’
ich wegen meines weitgegitterten Sommerornats in der häslichen
Kälte seinen Rok anziehen — den mir beim 2ten Dortsein der gute
Patriarch sogleich selber brachte, heute fuhr ich mit ihm zurük — und
seine rothe Nabelgurt umschnüren und gieng wie der Alte im Haus92,35
herum. Gott schenke jedem Dichter eine so anstellige, weich-anfassende,
feste, nachsehende und nachlaufende, biedere, klare Frau. Da im Reichs- 93,1
anzeiger über die Ruhr von Erkältung gelesen wurde: brachte sie mir
warme Strümpfe aus Angst. Wieland stürbe an ihrem, wie sie an
seinem Tode. Er hat mir seine Liebesgeschichten erzählt und also auch
die lezte. Ach was hätt ich nicht alles vor dein Ohr und Herz zu bringen?93,5
In seinen Cölibats- und Witwen-Töchtern liegen schöne Herzen, aber
mit den Gesichtern wils nicht fort. Und doch — Aber anders: nämlich
sie sagte ihm Mittags den Vorschlag (und er behauptete ihn schon am
Morgen gedacht zu haben) daß ich im entgegengesezten Hause wohnen
(von Leipzig wegziehen) und bei ihnen essen solte (für Geld) — er sagte, 93,10
er bekomme neues Leben durch mich — und alle liebten mich; — natür
lich weil ich sie immer lachen mache und weil man die ganze Familie
lieben mus. Ich verhies, in Weimar nachzusinnen. Allein das geht
nicht, weil zwei Dichter nicht ewig zusammenpassen — weil ich keine
Kette, und wäre sie aus Duft an der blassen Mondsgluth geschmiedet,93,15
anhaben wil — und weil ich gewis weis, daß ich in der Einsamkeit und
in der Geselschaft darauf am Ende eine von seinen Töchtern heirathen
würde, welches gegen meinen Plan ist. —

Ich wolte nach Gotha reisen, es wurde mir von mir und andern
ausgeredet.93,20

Ich durfte Sonabends nicht fort, war schon auf den Sontag beredet,
als Merkel kam und mich im Wagen mitnahm. Bei Herder Sontags
abends sah ich Falk — lang, schlank, mit wenig gebogner Nase, fest-
sprechend, mehr mit den Personalien der Erde befangen, und angenehm
— und Professor Meier, den tiefen Maler und Kunstkenner, aussen- 93,25
und als Mensch unbedeutend. — Am Sontage der Abwesenheit solt’
ich bei der Herzogin und bei der Wohlzogen essen. — Montags
Mittags diner bei Lichtenberg — abends bei Herder — Dienstags
Mittags hoff ich hier. — Aber jezt lässet meine Memorie nach; kurz
ich as nur 2mal im Gasthof und jeden Abend bei Herder, 2 ausgenom- 93,30
men, den am Donnerstag bei der Wohlzogen, wo es einen Puntsch
ohne Gleichen gab, weil Rum stat Arrak seine Seele war und wo die
Herren bei jeder Bowle sich zu einer neuen entschlossen. —

— — Ich komme eben wieder vom diner bei Herder und sas
mehrere Stunden mit ihm allein in einer Laube. O lieber Otto, wie sol93,35
ich dir diesen grossen Geist auf der rechten Anhöhe zeigen, vor dem
mein kleiner sich spanisch und türkisch beugt — diesen durchgötterten
Menschen, der den Fus auf dieser Welt, und Kopf und Brust in der94,1
andern hat — sein Wiegen der Arme, wenn ihn Gesang und Musik
auflösen, und sein trunknes schwimmendes Auge — sein Erfassen aller
Zweige des Baumes der Erkentnis — wiewohl er nur Massen, nicht
Theile ergreift und stat des Baumes den Boden schüttelt, worauf94,5
dieser steht. Ich habe schon oft abends mit Thränen Abschied ge
nommen; und er liebt mich gewis. — Er schreibt nächstens eine
Metakritik Kants, der sich, wie er sagt, vor Haman tief gebogen haben
sol.

Apropos ich war auch bei Goethe, der mich mit ganz stärkerer Ver- 94,10
bindlichkeit und Freundlichkeit aufnahm als das erstemal: ich war dafür
freier, kühner und weniger vol Liebe und darum in mich gegründeter.
Er fragte mich nach der Art meiner Arbeiten, weil es völlig seinen
Kreis überschreite, — wie mir Fichte gefallen. Auf lezteres: „es ist
der gröste neue Scholastiker — zum Poeten wird man geboren, aber 94,15
zum Philosophen kan man sich machen, wenn man irgend eine Idee
zur transzendenten fixen macht — die Neuern machen das Licht zum
Gegenstand, den es doch nur zeigen sol“ — Er wird nach 4 Monaten
den Faust volenden; er sagt, „er könne 6 Monate seine Arbeit vor-
„aussagen, weil er sich zu einer solchen Stimmung der Stimmung94,20
„durch geistliche und leibliche Diätetik vorbereite.“ — Schiller säuft
6 Loth Kaffee auf 1 Tasse und braucht Malaga und alles — nicht
jeder ist in Kaffee so mässig als ich.

Auch bei der schönen, malenden und malerischen und dichterischen
Imhof war ich, so bei Corona Schroeter — Bei der Herzogin Mutter 94,25
as ich einmal Mittags, die unbefangen ist und macht. Sie und
ihre Hofdamen lesen meine Sachen; ich machte viel Spas über
Schlegel und sie hätte gern, daß ich ernsthaft gegen ihn schriebe. —

Morgen ess ich bei dem zurükgekehrten Böttiger. Ich war bei
Wieland das zweitemal und liebte sein leichtes spielendes, bescheidenes 94,30
und doch selbstrühmendes Wesen immer mehr und sagte ihm die Ant
wort: ich würde nämlich im Winter, oft in 14 Tagen 1mal zu ihm
kommen.

„Wie, was, wenn?“ sagst du. Ich ziehe nämlich hieher, im Oktober.
Daher besah ich Gotha gar nicht. Ich müste des Teufels und des 94,35
Henkers sein, wenn ich in der plat getretenen Leipziger Gegend und
unter sonst lieben Menschen, worunter ich aber bei keinem eine An
spannung oder ein Verständnis hatte wie jeden Tag bei Herder, 95,1
bleiben wolte, (und unter den abgegriffenen Krämern) da ich hier
lauter ofne Häuser und fast Herzen vor mir habe — die beste Musik —
den Adel — den Wechsel — ein Ansehen und einen bestimten Rang ohne
Adreskalender — einen ewigen Sporn — und den Park — und meine 95,5
Lust. Ach mehr! — Etwas thut dazu, daß mir mein sonst treflicher Haus-
herr ausbot, weil seine histerische Frau nach meiner Stube lechzete —
und weil mein Bruder mir alles erleichtert, den ich jezt, wil er studieren,
nach Jena schicken kan. — Ach ich habe 100 Gründe! Auch hätten
gewisse Blumenketten in Leipzig in meine Brusthaut eingesägt, aus 95,10
denen ich jezt mit verleztem Herzen treten werde .. Siehst du, diese Un
gewisheit des Orts und Bleibens (daher ich Halberstadt besah)
quälte mich in der Leipziger bruderlosen Klause. Auch der Ort ist
kleiner und am Herzen näher. In Halberstadt verhies ich, nach
Halberstadt zu gehen. — Corona Schroeter und Einsiedel und 95,15
Böttiger besorgen mein Quartier.

Eia, wären wir da!

Aber dan liebes Geschik, treibe mich nicht wieder aus, binde mich an
meine Frau und an meinen Stuhl und führe mich in die Ruhe, die ich
sonst so mied. — Sieh mein guter Otto, wie ich ohne dein Mitwissen95,20
nicht leben kan, und mach’ es auch so und lasse dein Leben nicht durch
sichtig vor mir vorüberstreichen und entsühne meine Kleinigkeiten
durch deine.

Die halbblinde Kalb ist leider nicht hier; aber der Winter bringt
uns an einander. — Mit hoher heiterer Stille erduldet sie ihre lange95,25
Nacht; aber oft auf einmal bricht nach Herders Versicherung, aus
dieser bedekten Seele ein breiter glühender Strom.

Als einen Begrif der höhern Libertinage führ’ ich folgendes an:
der H. v. Wolzogen (der gegen die Pohlen diente, wovon ich 1000
Anekdoten hörte und vergas) sagte in Beisein der Verfasserin der 95,30
Agnes v. Lilien: „die Hetären in Frankreich fodern sogleich nach der
Befriedigung ihres Temperaments ihr Geld (sein Ausdruk) — hin
gegen die Italienerinnen küssen einen darauf noch sehr — und die
Engl[änderinnen] passen phlegmatisch auf den Lohn.“ — Er gehörte in
Paris zum corps diplomatique. Auf die Verfasserin der Agnes macht’ 95,35
es keinen Effekt.

Auf der einen Seite bin ich euch allen jezt näher (ich brauche nur
Einen längsten Tag zur Reise); auf der andern ferner, wegen des96,1
☞längern Laufs der Briefe, wiewohl deine nie einen sonderlich-schnellen
nach Leipzig hatten und ich also durch Weimar nichts verliere als den
Datum. — Nach Hof komm ich so diesen Herbst schwerlich — im
Frühling gewis — im Winter vielleicht. —96,5

Montags früh. Eben komm ich aus meinem schönen gemietheten
Logis für 50 rtl. mit Meublen und Betten, auf dem Markte.

Meinem Bruder werd’ ich, fals er am Parnas seinen Weinberg
anlegen wil, jährlich etwas Festes auf 3 Jahre aussezen und keinen
Dreier darüber. Ist er schlecht: zieh ich die Pension ein, die man z. B.96,10
Herder hier nicht französisch <pangsion> sondern lateinisch aus-
spricht, so wie Orch<g>ester, Projekt.

Eben empfang ich von meinem pastor fido Thieriot deine und andere
Briefe. O dieses Verpflanzen nach Hof mitten in der Fremde quilt wie
laue Frühlingsluft ins Herz! — Alle meine Standhaftigkeit, und alle96,15
meine Liebe für den Schreibtisch gehört dazu, daß ich Euch entbehre in
dieser Nähe.

Dein Kontra-Aviso ist treflich, wizig und recht; obwohl zu hart
gegen den unschuldigen Verfasser.

Oertel hat unter seinem Namen etwas gegen Schlegel in den 96,20
Merkur für mich eingesandt, das der alles duldende Böttiger (der
Unter-Redakteur des Merkurs) nicht recht haben wolte, das er aber auf
Wielands Befehl einrücken mus, dem es sehr gefiel und der mirs vorlas.

Lieber Otto! Wie schreibst du mir so wenig, zumal von dir? Mit
welchem Rechte oder Lohne geb ich dir meine Personalien wenns nicht96,25
die Hofnung auf die deinigen ist? Schreibe mir bald das was dich so
ruhig macht, nämlich „die neu entdekte unversiegliche Quelle“. Erräth es
denn niemand, daß es für einen fernen sehnsüchtigen Freund eine Gabe
ist, wenn man ihm schreibt, wie oft man nieset, gähnt, lacht und weint?
— Du hältst mich in Rüksicht der Ansichten und der Menschenliebe für96,30
veränderter als ich bin; ich bin der Alte in neuen Lagen; und bin den
Menschen so gut wie sonst und ich habe nichts verloren als einige —
Hofnungen oder Träume.

Ich kam eben von Falk; wir können einander in die Fenster sehen
und wir werden denk ich einander lieben.96,35

Es ist eine Schwelgerei des Herzens, daß ich durchaus diesen Brief
als den ersten jezt schon an dich endige — wiewohl ich ihn in meinen
Schuhen nach Leipzig trage — Grüsse deinen Albrecht, deinen lieben 97,1
herzlichen Albrecht und deine Schwester und alle — und die Kranke,
wenn sie nicht bleich ist — und dich. Wie komt es, daß ich Euch alle
immer mehr liebe, je besser ich es habe und je mehr ich andere Liebende
und Geliebte finde?97,5
Naumburg Dienstags abends.

Morgen bin ich in Leipzig. Ich mag dir gern von jeder Stazion
schreiben. Es wil mir nicht beifallen, daß du es je auf deinen Reisen
eben so gemacht. — Es ist als ob sich in dir meine ganze Vergangen
heit und meine ganze Verwandschaft konzentrierte; darum mus ich97,10
dir, oft im Aerger über deinen horror litterarum, schreiben.

Beiliegende Note gegen Schlegel steht in einer umgearbeiteten
Satire: Beschreibung der öffentlichen und Privatbibliotheken im
Pfardorf Volranz. Der Zusammenhang ist: ich klage über die deutsche
Vernachlässigung der Makulatur — frische Morhofs guten Rath 97,15
wieder auf, daß man jede vor dem Verbrauch der Orts Obrigkeit solte
zeigen müssen — führe selber den Schwanz an, der an einem papiernen
Drachen aus meinen eignen Teufels Papieren gepappet war — und
komme auf Schlegel.

Ich hätte dir freilich noch 100 Anekdoten zu erzählen; aber das mus97,20
in deiner Stube geschehen.

Gieb allen meinen lieben Ladenschwestern der „Bundeslade“ Grüsse
und Dank. Ich danke dir für die zu gute Sorgfalt und Mühe gegen
Hennings.

Adieu! und nun nim die Feder! Dein nächster Brief wird lang aus97,25
fallen; aber es wird nichts sein als was ich erwarte.

R.

Daß die Berlepsch nach Schotland geht: hat sie aller Welt gesagt;
also ist mein Schweigen vorbei und deines auch; und nun frage die
Leute, ob sie glauben, daß die Stollen unsers Ehebettes von Weimar 97,30
bis nach den Hebriden reichen.
Leipzig d. 6 Sep.

Ich kam doch erst heute an, weil die Hardenberg[sche] Familie in
Weissenfels mich gestern bei den Mittags- und Abendsessen behielt.
Der Alte war nicht da, er ist Salinendirektor; aber das schadete seiner 97,35

Frau und den 2 Töchtern nichts, wovon die eine der Gräfin Moltke 98,1
ähnlich sieht und die andere etwas unbeschreiblich Poetisches im Leben
und im Auge hat, das wie Herman seines, mit gesenktem Kopfe,
sinnend und verdekt aufblikt und welches meine Werke oft nas
gemacht. Alle Salzherren, — z. B. Salinendirektoren, Salzdirektoren98,5
(wie Reichard) Salzfaktoren und Salzrevisoren — haben ihr Schönes.

Bringe der guten Brüningk ein Bouquet vol Wünsche und meinen
Dank für ihren Brief.

Ach ich trete gerade von jeder Reise beklommen in meine leere Stube,
aus der ich schon, wegen dieser isolierenden Empfindung allein, aus98,10
ziehen müste nach Weimar. Was mein guter Gotlieb schreibt, thut
mir sehr weh. Der Verlassene und der Verlorne, der mich so wenig
kent und der nicht erräth, daß ich bei seiner Ankunft mehr wär’ er
schüttert worden als er selber, komt vor mich in jedem Traum — o
wenn er wüste, wie leicht seine harte Zukunft umzuändern wäre.98,15


H: Berlin JP. 8 S. 8°, 16 S. 4° u. 4 S. 8°. Die einzelnen Blätter sind von Jean Paul mit A bis G bezeichnet, mit Ausnahme des letzten vom 6. Sept., dessen Zugehörigkeit aber durch K gesichert ist. K (nach Nr. 118): Otto 22 August. Jena und später Weimar 30 Aug. J 1: Otto 2,297×. J 2: Nord und Süd XLVI (1888), S. 360×. J 3: Nerrlich Nr. 43 u. 44 ×. B: IV. Abt., III.1, Nr. 75. A: IV. Abt., III.1, Nr. 83. 89 , 6 auf] aus von H 12 anno] nachtr. H 1799] aus 1798[?] H 14 Inneres] Innerstes darüber (o quid?? huc[?] scribendam) K obersten] äussersten K 20 umgeben] aus umzinge[lt] H 21 Eueres] aus eueres H, eueres K 24 von andern] nachtr. H 26 schreibe K 34 ge meinsten] aus gemeinen H 90 , 5 ausser wenn sie mich] aus wenn sie mich nicht H 12 bei den Leuten] nachtr. H 18 für sie] aus dafür H 20 Weimar] nachtr. H 21 schreibe] aus schrieb H 24 anderem versehen] nachtr. H 27 Türkisch-] nachtr. H 35 Heinsischen] aus Heinzischen H 91,10 tout] vielleicht tous H 11 Töchter H 12 sehr] aus fast H 15 klänge] aus klingt H 16 über] aus nach H 17 sehr und zum erstenmale] nachtr. H 19 grüne] blaue K 23 Eine] aus eine H Novemb.] aus Ok[tober] H 24 denkt] aus sich sagt H an] in K 33 einen] aus etwas H etwas] davor gestr. es H 92 , 7 viel] davor gestr. eitel, ab H 9 von] aus über H 11 Reichsstadt-] Reichstags- K 16 meinen] aus den H 23 für Natur halten] aus das von Natur sind H 29 zu mir] nachtr. H 33 den] danach nachtr. er H (versehentl. nicht gestr.) der bis 34 brachte] nachtr. H 35 wie] davor gestr. lang H 93,7 Aber] davor gestr. — da er — H 10 von Leipzig wegziehen] unterstr., aber wohl von fremder Hand H 15 an der blassen] und K 23 wenig] nachtr. H 25 tiefen] nachtr. H 30 nur 2 mal im Gast hof und] nachtr. H 32 seine Seele war] aus ihn bes[eelte] H 94,5 schüttelt] aus erschütte[rt] H 10 stärkerer] aus anderer H 12 in mich] nachtr. H 18 4] aus 6 H 24 und dichterischen] nachtr. H 95,7 histerische] davor gestr. kränkliche H 9 hätten] aus würden H 10 Brusthaut] Haut K 11 treten] aus weichen H 21f. durchsichtig] aus transparent H, durchsichtig (unerzählt) K 37f. nur Einen] aus den H 96,3 ich ... verliere] aus du ... verlierst H 9 auf 3 Jahre] nachtr. H 22 Unter-] nachtr. H 32 einige] nachtr. H 97,7 von] aus an H 12 umgearbeiteten] nachtr. H 22 Gieb] aus Gebe H (vgl. Bd. II, Nr. 55) „Bundeslade“] briefl. Bundeslade K 31 bis nach] zu K 98,7 Bringe] aus Sage H 10 allein] nachtr. H
Otto erhielt den Brief am 9. Sept. 88,31 Vor zwei Jahren: Bd. II, Nr. 335. 89,32 ff. Schütz (vgl. Bd. II, Nr. 120†) war verheiratet mit Anna Henriette, geb. Danovius (gest. 1823). 90,7 ff. Über dies Souper vgl. Persönl. Nr. 52. Justus Chr. Loder (1753—1832), Professor der Anatomie. August Johann Georg Karl Batsch (1761—1802), Professor der Natur geschichte. Der jüngere Hufeland ist der Mediziner Christoph Wilhelm (1762—1817); nach 90,32 scheint es sich aber doch um den Juristen Gott lieb H. (1760—1817) zu handeln, den Mitherausgeber der Jenaischen Allg. Literaturzeitung. 10 Schreiner: richtig Schreinert, s. Bd. I, Nr. 272†. 27f. Auf dem Briefpapier ist ein brauner Fleck. 35 Diosku ren: vgl. Böttiger, „Literarische Zustände“ (1838), 2. Bd., S. 180. 91,11 f. Herders Tochter: Luise, s. Nr. 395†; Schwiegertöchter: verheiratet war damals nur der älteste Sohn, Gottfried, vgl. Nr. 310. 18 Mdm. Hähnel: s. Nr. 146 und IV. Abt. (Br. an J. P.), III.1, Nr. 82. 20 Hardenberg: es ist wohl der Vater gemeint, vgl. 97,35 . 21 Wahrscheinlich die Dichterin Karoline Friederike von Kamienska (1755—1813), eine Freundin der Berlepsch. 27 Luise Charlotte von Berlepsch, geb. 1771, war seit 9. April 1798 mit dem Leutnant August Ernst von Lichtenberg ver heiratet. 34 Frl. von Oertel: s. Bd. II, zu Nr. 211. 92,8 Aristipp war Wielands Lieblingsphilosoph, dem er einen vierbändigen Roman widmete (1800/01). 93,1 f. Reichsanzeiger vom 31. Aug. 1798, Nr. 201. 3f. Wieland überlebte seine Frau um elf Jahre. 6 Witwen-Töchter: s. zu Nr. 135. 23 Falk: s. Bd. II, 288,10†. 25 Professor Meier: Heinrich Meyer (1760—1832), Goethes Kunstfreund. 94,3 –6 Vgl. I. Abt., VII, 448,31–34. 15–18 Vgl. I. Abt., IX, 498,29f.; VIII, 173,8. 19–23 Vgl. Goethe an Schiller, 6. Sept. 1798 (Persönl. Nr. 54). 95,6 f. Hausherr: Rüger, s. 64,4 . 10 Blumenketten in Leipzig: bezieht sich wohl nicht auf die Berlepsch, sondern auf Frau Hänel, vgl. Nr. 146†. 29 Wilhelm Friedrich Ernst von Wolzogen (1762—1809), Kammerherr, Schillers Schwager. 96,6 f. Logis: s zu Nr. 136. 18 Kontra-Aviso: Ottos Berichtigung von Hennings’ Anzeige (s. 86,811†) im Intelligenzblatt der Jenaischen Allg. Literaturzeitung, 15. Sept. 1798, Nr. 133. 20–23 Fried rich von Oertel im Neuen Teutschen Merkur, Okt. 1798, S. 174; vgl. Karoline an Friedrich Schlegel, 14. Okt. 1798; Heinrich Meyer an Goethe, 28. Nov. 1798; Wieland an Böttiger, 1. Sept. 1798 (H: Dresden): „Ich habe den kleinen Aufsatz des Hrn. v. Ö. (der hiemit zurückkommt) mit vielem Vergnügen gelesen; ich finde ihn, bis auf die Schlußzeile, bescheiden und gelassen genug, wenn ich ihn als eine von den bewußten literarischen Hyperbolos zehnfach verdiente Rüge seiner an Richtern begangenen Blasfemien betrachte, und ich wünsche ihn im Merkur gedruckt zu sehen. Dieser soll darum kein Tummelplatz werden; und wenn Sie auch, m. l. Fr., des lieben Friedens wegen, ungern daran giengen, dem übermüthigen Menschen einen kleinen Verdruß im Merkur machen zu lassen, so nehmen Sie das Opfer, so Sie mir und Richtern — der, zwischen Wachen und Schlaf, 100 solche homunciones wie Schlegel niederwiegt — durch Ihre Nachgiebigkeit bringen, als eine kleine Züchtigung der Nemesis für das empfehlende éloge, das das 2te Stück des Athenäums im Moden-Journal, August, S. 469, erhalten hat, mit Geduld und Ergebung auf, und basta!“ 27 Einer „neuentdeckten und unversieglichen Quelle seiner Beruhigung“ hatte Otto in B Erwähnung getan, ohne dieselbe näher an zugeben; s. zu Nr. 135. 30–33 Otto hatte mit Bezug auf Jean Pauls Bemerkungen 78,33 –35 und 79,25 f. sowie in der Vorrede des 1. Teils der Palingenesien die Besorgnis geäußert, Jean Pauls jetziger höherer Stand punkt habe ihm zwar eine klare Übersicht gegeben, aber dafür manchen alten trostreichen Glauben genommen. 34 Falk wohnte am Markt, gegenüber vom „Erbprinz“, in dem Jean Paul logierte (vgl. Bd. II, Nr. 335, 205,11). 97,2 die Kranke: Luise Taucher (s. Bd. I, Nr. 444) war tödlich an der Ruhr erkrankt, blieb aber am Leben. 28–31 Vgl. Nr. 67†; Otto hatte am 9. August geschrieben, die Hofer Noblesse lasse es sich nicht ausreden, daß Jean Paul die Berlepsch heiraten werde, zumal da deren Verwandten in Weimar sich bei der Plotho (s. Bd. II, Nr. 622†) bedeutend nach ihm erkundigt hätten. 33ff. Heinrich Ulrich Erasmus Freiherr von Harden berg (1738—1814), Novalis’ Vater, hatte aus seiner zweiten Ehe mit Auguste Bernardine, geb. von Bölzig, elf Kinder; hier sind wohl die beiden ältesten Töchter gemeint, Karoline, geb. 1771, die sich 1799 mit F. von Rechenberg verheiratete, und Sidonie (vgl. 104,29 ), die Freundin der Luise Brachmann; beide starben früh. Jean Paul gedenkt der „Familie voll elterlicher und kindlicher Liebe“ in der letzten Epistel seiner Kon jekturalbiographie (I. Abt., VII, 501,19). 98,3 Hermann: Richters Jugendfreund.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen
Werke Jean Pauls
Werke

Textgrundlage:

125. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 88-98 (Brieftext); 419-422 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Jena, Weimar, Naumburg und Leipzig, 22. August 1798 bis 6. September 1798. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_125 >


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