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L[eipzig] d. 21. Sept. 98.
99,17
Lieber Otto! Nicht du, sondern ich habe Entschuldigung nöthig,
weil du die Schmerzen zugleich theilen und mittheilen must. — Vor
gestern an einem himmelblauen Tag, woran ich eine seit Jahren ge99,20
suchte, meinen Titan um die ½ verbessernde Aufgabe lösete und den
ich arkadisch auf dem Lande bei einer Freundin zubrachte, sagt’ ich zu
dieser meine alte Prophezeiung; und gestern als ich den 1ten Theil des
Titans abends beschlossen hatte, kam dein Brief. Gräslich wie ein
böser Genius trit mir jezt dieses Wesen nach. Ergrimt und erschüttert 99,25
las ich die Mishandlung der Todten — es ist eine unbeschreibliche Kälte
und Frechheit im Brief an Gotlieb.

Sie scheint mir aber eine Freiheit des Geistes zu beweisen, die nicht
zur schlimsten Lage passet. Natürlich hast du im Ganzen recht; aber
warum wartete er bei einer in 4 Wochen erfressenen Schuld von99,30
80 fl. erst auf neuen Verlust? Wahrscheinlich ist er zugleich mit seinen
hinhaltenden Briefen — abgegangen. Wie ich sol für eine Zukunft, für
künftige Meinige gar nichts sparen, ewig mich anstrengen, und mir100,1
versagen, damit er schwelge? — Er hat mir, da er sich eine Uhr gekauft
worauf er 3 Car. (auf der andern Seite steht 2) bekam, mithin mehr
mitgenommen als 200 rtl. — Ich finde viele Unwahrscheinlichkeiten
und Widersprüche. Er könte ja eben mit dem Kaufman sich verabredet 100,5
haben. Lies, frankiere und siegle den Brief. Du kanst es sagen wem du
wilst. Nim aber sonst keinen handelnden Antheil daran. Ich bin fest zu
dem bestimt, was ich ihm hier schreibe.

Aus deinem Schweigen schlos ich dein Verreisen.

R.
100,10
Schicke den Brief kurz vor Abgang der Post hin, weil er sonst ge-
lesen wird.

H: Berlin JP. 4 S. 4°. B: IV. Abt., III.1, Nr. 81. A: IV. Abt., III.1, Nr. 83. 99 , 31 Wahrscheinlich] aus Warlich 100 , 2 damit] aus daß
Otto erhielt den Brief am 25. Sept. Er hatte von Gottlieb Richter zwei Briefe Samuels vom 10. Sept. aus Frankfurt a. M. erhalten und an Jean Paul geschickt. Der eine war an Gottlieb gerichtet, der andere trug die Aufschrift „meiner lieben Mutter“! Samuel bat darin um Geld zur Be zahlung von Schulden an einen Frankfurter Kaufmann (Böhm, s. Nr. 137) und zur Rückkehr. Otto hatte dazu die Vermutung geäußert, Samuel habe seinen Gläubiger damit vertröstet, daß seine Verwandten, darunter auch seine Mutter, für ihn zahlen würden, und ihm, um ihn davon zu überzeugen, jene Briefe gewiesen und zur Bestellung auf die Post gegeben. Otto hatte sich dabei entschuldigt, daß er Richters liebevolle Briefe mit so unan genehmen Nachrichten vergelte; er wolle eventuell durch Herold in Frankfurt Erkundigungen einziehen lassen, habe diesem aber ohne Richters Genehmigung bisher nichts sagen mögen. 99,21 Titan: vgl. I. Abt., VIII, Einl. S. LVf. 22 Freundin: Frau Hänel, s. IV. Abt. (Br. an J. P.), III.1, Nr. 80. 100,9 Verreisen: nach Bayreuth, wohin Otto aber erst Ende September reiste. 11f. Jean Paul fürchtet die Neugier des Postmeisters Wirth, vgl. Bd. I, Nr. 170, 210,33 und 278,14, oben zu Nr. 74.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

130. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 99-100 (Brieftext); 423 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Leipzig, 21. September 1798. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_130 >


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