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Weimar d. [13.] Nov. 98.
116,4
Mein guter Oertel! Die Stimme deiner Liebe kam zu mir wie ein116,5
Nachtigallenschlag hernieder in meinen kleinen Frühling; und deine
Besorgnisse sind mir lieber als fremde Glükwünsche. Ich habe so recht
mitten in der Furche des Zuckerfelds mein Nest. Sogar mein Zimmer,
und die vortrefliche Hausfrau, die mit Muttersorge mir nicht die
kleinste Fracht des Lebens lässet und bei der ich zum ersten male die116,10
volendete aisance geniesse, halten mich durch Lust an den Lesetisch
gekettet, damit ich keine fernere suchen solle. Ich thu’ es aber nicht
und finde hier unter allen meinen Bekanten recht grosse; und ich werde
immer mehr geliebt, zumal da ich jezt in meine ofne und warme Brust
zuweilen wie Polyphem, ein Aug’ einseze. Den ersten Abend wurd’ 116,15
ich in der Retude von der Herz[ogin] Amalie zum nächsten Mittags-
essen geladen. Das neue Schauspielhaus umfässet uns alle wie eine
Familie — nicht eben santa — mit reinen reichen Formen; und die
Musik ist Ein Ton, Eine lyrische Seele. — In Herders Herz zieh ich
immer tiefer hinein; und er in meines, wenns noch möglich ist. — Ich116,20
sprach mit dem Erbprinzen; die Blumengöttin gab ihm die Rosen der
Jugend, die schlanke Länge; und die Idyllen-Unschuld. — Auch die
regierende Herzogin, die mich zu sich rufen lies, trägt ein jungfräu-
liches und mütterliches Herz hinter einer mänlichen Brust. — Ich war
hier bei Goethe, in Jena bei Schiller, der in 3 Monaten seinen Wallen- 116,25
stein ausgeschaffen haben wird; an „W[allensteins] Lager“ ist wenig
so wie an Sternbalds 2. Theil. Ich kritisiere nur überhaupt jezt
selten, weil ich Verzicht auf ausfüllende Genüsse gethan: sonst hätt
ich es schon beim 1ten aber weniger stark als bei dem 2ten gesagt, daß
es, gewisse herliche bowling-greens abgerechnet, keine historische oder116,30
psychologische Entwickelung habe — keine Szenen — keinen Stof
— keine Karaktere — und lauter Dakapo’s etc. — und oft keinen Sin.
— Ach h. Richardson und Fielding bittet für uns! —

Auch Herder lobt deinen Fehdehandschuh für mich. — Du sprichst
von meiner harten Einsamkeit: ach! die hab’ ich nur verlassen, 116,35
aber nicht gefunden. Ich werde sobald keine Lobrede auf Leipzig
ausfertigen. — Herders und Böttigers Bibliothek sind mein geistiger 117,1
Freitisch. — Jezt hab’ ich doch ein Herzens-Ziel meiner Reisen mehr,
worauf ich mich einen langen Winter durch zu freuen habe! Leb wohl
mit deiner geliebten Liebenden!

H: Berlin JP. 4 S. 8°. K: Oertel 13 Nov. J: Denkw. 1,371× (die Nachschrift gehört zu Bd. II, Nr. 448). 116,4 für den Monatstag hat Jean Paul, wie er zu tun pflegte, zunächst Platz freigelassen und dann ver gessen, ihn auszufüllen H 7 mir lieber] aus schöner H 12 damit] aus daß H 22 schlanke] nachtr. H 24 mänlichen] aus festen H 25 hier] nachtr. H 29 es] nachtr. H beim] davor gestr. früher gefragt, und jezt mehr, H stark] nachtr. H 30f. oder psychologische] nachtr. H 32 und oft keinen Sin. —] nachtr. H
116 , 14 f. Polyphems Auge: vgl. I. Abt., IX, 464,13†. 21 Erbprinz: Carl Friedrich, vgl. Bd. VI, Nr. 189f. 34 Fehdehandschuh: s. 96 , 20 †.

Textgrundlage:

155. An Friedrich von Oertel in Belgershain. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 116-117 (Brieftext); 431 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Weimar, 13. November 1798. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_155 >


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