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164,15
Weimar d. 1. März 99.

Mein guter lieber Otto! Ich wolte, ich hätte meinen wilden Brief
noch im — Kopfe. 1) Dich anlangend, so ist in meiner ganzen Seele
nicht ein Gedanke, in meinem Herzen kein Blutstropfen, der nicht mit
deinetwegen warm wäre. Ich bitte dich, lasse von deiner dir zu ge164,20
wöhnlichen Zeichendeuterei ab, die nie bei mir eintrift. Und weist
du nicht, daß ich dir alles geradezu, auf einmal sage? Ich gebe dir,
aber nicht du mir moralische, wenn auch nicht freundschaftliche
Blösen. Aber unsere Freundschaft hat hoff ich einen Boden, dem Erd
stösse nichts thun. Es schmerzet mich, Bruder, daß meine Unbesonnen164,25
heit dich so verwundet hat. — Auch die Hiobsklage über das Leben
ist nur leider mit meinen biographischen Farbenkleksen hingeworfen.
Du irrest dich über meine Gegenwart, die eben und hel ist; ich klagte
vielmehr über die zertretene Vergangenheit; der Gedanke des Kriegs,
meines Bruders, der jezigen Frechheit trat noch dazu. Begegnet ist mir 164,30
gar nichts jezt als ein zu gutes Leben. — Hätt’ ich nur eine Frau: so
fragt’ ich nach dem Essen, nach dem Gelde und nach 100 andern Dingen
etwas. — Das übrige mündlich! In dich schneidet leider jeder Spinnen
faden zu tief ein; ich habe einen Kallus und bliebe sogar heiter, hätt’
ich jene seltene Brief-Minute den ganzen Tag. —164,35

Du wirst jezt die 2 Blätter von der Kalb empfangen haben. — Fährst 165,1
du der Titanide entgegen: so schlag ihr die deiner Briefe ab, die ich
ihr verweigert und die sie eben betreffen; ich hab ihr erzählt, daß ich
dir das Meiste erzählt. — Mit der Corday warte bis ich komme;
Gentz mus mir die nöthigen Bücher aufschreiben und der Verleger 165,5
senden.

Durch die Kalb bring ich meinen Bruder vielleicht als Sekretair
unter — bei Seckendorf in Anspach oder in München.
d. 14 März.

Eben jezt um 10 Uhr fälts mir ein nach Gotha zu gehen; ich hätte 165,10
dir mehr geschrieben. Ich bleibe wenige Tage aus.

Dan ist meine erste Reise nach Hof. Die Titanide lässet die Ehe-
scheidung wieder fahren.

Leb wohl, mein Guter, dein Brief hat mich beschämt. Glaub immer
an mich und dich! Du weist noch immer nicht wie ich dich liebe.165,15

R.

Morgen geht dieser Brief ab.

H: Berlin JP. 3¾ S. 8°. J 1: Otto 3,53×. J 2: Nerrlich Nr. 55. B: IV. Abt., III.1, Nr. 152. 164 , 31 jezt] nachtr. 33 In dich schneidet] aus Dich tastet 34 ein] danach *) ohne zugehörige Fußnote 165 , 3 und die sie eben betreffen] nachtr.
Otto hatte aus Jean Pauls Brief Nr. 217 allgemeinen Lebensüberdruß (vgl. 160,25 ff.) und auch Unzufriedenheit mit sich (Otto) herausgelesen und nach den Ursachen gefragt. 165,5 Gentz, der an dem Taschenbuch mit arbeitete, hat in der Tat Material zu dem Corday-Aufsatz geliefert, s. 206,4 f. und I. Abt., XIII, S. LXXXI. 8 Christoph Albrecht Freiherr v. Seckendorff-Aberdar (1748—1834), Geh. Regierungsrat in Ansbach, Bruder eines Schwagers der Kalb, Vater von Leopold v. Seckendorff (s. Nr. 242a).

Textgrundlage:

224. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 164-165 (Brieftext); 448 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Weimar, 1. März 1799 bis 14. März 1799. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_224 >


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