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[ Weimar, 21. (?) März 1799 ]
167,31
Ich wolte, Sie machten die Reise um die Welt auf dem gelehrten
Weltmeer aus Dinte. Seine zufälligen Venussterne treten zu einem
Sternbild zusammen.
[Beilage] 168,1
Hymne an die Sonne. Der Dichter hat von mehre ren Kritiken auf einmal weiter nichts als daß seine eigne irre wird. — Und doch merk’ ich folgendes an:
[Von Thümmel] Quell aller Thätigkeiten!„Thätigkeiten“ scheint, beson ders für den Anfang und in Ver bindung mit „Quelle“ und „lei ten“ zu abstrakt. Vom Ewigen bestimmt Der Welten Heer zu leiten, Das auf dem Strom der Zeiten Um deine Sphäre schwimmt. [186] Seit du der Nacht entsunkenGarve irret gegen Sie; denn selber unsere Astronomie, die doch um ein Jahrtausend jünger zu sein scheint als die Sonne, sah Sterne verschwinden. Dein Licht von Ihm geholt, Sah’st du von allen Funken, Die in dem Raume prunken, Schon manchen Stern verkohlt. Doch dein Gestirn verwaltet Noch stets sein Mittleramt Gleich rein, gleich unveraltet Als es aus Nichts gestaltet„Als es aus Nichts“ Einsylbige S-Härten. — „Aus Nichts ge staltet“ — gestaltet sezt Stof voraus.
Dein Schöpfer angeflammt. Zum Wohlthun auserkohren, An seiner Hand, streust du Den Weisen wie den Thoren Bey jedem Schwung der Horen„Bei jedem“ „Genus und Freu den“ nicht solarisch-poetisch ge nug.
Genuß und Freuden zu. Nie lenken unsre Psalmen Die Kräfte deines Strahls, Doch reifest du die PalmenIch finde, gegen Garve, alles klar; nur wollen die Palmen wärmere Berge. Der Alpen wie die Halmen Des tiefgebückten Thals. Juwel in Gottes Kranze Und Erstling seines Hauchs, Dein Schimmer schmückt das Ganze, Eins fehlt nur deinem Glanze: Bewußtseyn des Gebrauchs. So viel dir Kräft’ entquillen,„entquillen“ stat „entquellen“. 169,1
Fehlt unsre dir allein Aus Wahl, aus freyem Willen Den heißen Trieb zu stillen Der Erde Freund zu seyn. Wenn dich in deinem Gleise Das Joch der Allmacht hält, So bildet sich der Weise In seinem Wirkungskreise Selbst seine Sonn und Welt.„Selbst seine Sonn’“ — Dan komt das harte Selbst noch 2 mal hinter einander.
In seiner Geistes-Würde, Die ihn der Zukunft naht, Trotzt er des Lebens Bürde Und hält in niedrer Hürde Selbst mit der Gottheit Rath. Er wägt sich selbst nach Thaten Und achtet keine Last, Wenn sie das Wohl der Staaten„Wohl der Staaten und Saaten“ Hier ist das Eigentliche und Uneigentliche zu hart hinter ein ander, und stat „Wohl“ müste auch eine Metapher reden. „Eine die Saaten umfassende Last“ giebt kein Bild.
Und hoffnungsvolle Saaten Für Brüderglück umfaßt. Daß ich mein Daseyn lenke,Diese Strophe scheint zumal mit der 2ten Zeile ausser dem Fokus des Sonnenbrenspiegel-Feuers des Vorigen zu fallen. 169,15
Wie es mein Herz bedacht,Daß ich Gott fühl’ und denke,Sind schönere GeschenkeAls aller Sonnen Pracht. Weit über sie erhoben Schwingt mich der Flug der Zeit„Ein Flug, der einen andern erhoben über etwas schwingt“ Von diesem niedern Globen Zu höhern Geistesproben In die Unsterblichkeit. Durch diesen Blick ins Freie Erhell ich meine Bahn. Die Stunden fliehn — Ich weihe Der Hoffnung sie und reihe Sie meiner Zukunft an. Daß, wenn zu höhern SphärenIn dieser schönsten Strophe find’ ich troz Garve nicht die kleinste Dunkelheit; und ihre schönen Schwestern sind die Brautführerinnen zu diesem lez ten Altar des Menschen.
Ich fröhlich übergeh’, Der Fruchtstaub meiner Ähren Noch in dem Thal der Zähren Um meinen Hügel weh’.
— Ungeachtet dieser Erinnerungen hat Apollo unter dem Inkognito
der Sonne, dieses Selbstlob soufliert.

K (nur der Brief): Thümel. H (nur Beilage): Univ. Bibl. Bonn, 3 S. 2°; die linke Spalte von Thümmels Hand, rechts Jean Pauls und Weißes Noten. J (nur Beilage): Thümmels Leben von J. E. Gruner, Leipzig 1819, S. 375 (vgl. Bd. VIII, Nr. 201†). 167 , 32 sie
Nach Gruners Angabe hatte Jean Paul bei seinem Besuch in Gotha auf seinen Wunsch von Thümmel die damals fertigen neun Bogen des 6. Teils der „Reise in die mittäglichen Provinzen von Frankreich“ im Manuskript erhalten und zugleich eine Abschrift der (später in abgeänderter Fassung im 7. Teil, S. 231, abgedruckten) Hymne an die Sonne, unter der Be dingung, daß er seine Kritik darüber abgebe. Nach der Stellung von K (hinter Nr. 226) ist anzunehmen, daß er Brief und Noten nicht schon in Gotha, sondern erst nach der Rückkehr in Weimar geschrieben hat. Die mit seinen Noten versehene Abschrift sandte Thümmel an Weiße, der die seinigen hinzufügte (in unserm Abdruck weggelassen). Die Garvesche Kritik, auf die Jean Paul mehrfach Bezug nimmt, fand sich in einem Brief Garves an Thümmel vom 2. Okt. 1798 (s. Briefe von Chr. Garve an Chr. F. Weiße u. einige andere Freunde, 2. Bd., Breslau 1803, S. 305), der also Jean Paul auch mitgeteilt worden war. Garve, dem übrigens, was Jean Paul nicht beachtet, eine andere Fassung der Hymne vorgelegen hatte, hatte u. a. zu der zweiten Strophe bemerkt, Thümmel würde Mühe haben, die Hypothese zu beweisen, daß unsere Sonne schon viele andere habe ver löschen sehen; in der fünften Strophe sei es undeutlich ausgedrückt, daß die Sonne den Palmen der Alpen wie den Halmen des Thals winke; in der letzten sei die Idee allerliebst, aber nur mehr angedeutet als vollkommen ausgedrückt. Thümmel hat die von Jean Paul beanstandeten Stellen sämtlich geändert, so z. B. in der fünften Strophe die Palmen der Alpen durch Palmen des Athos ersetzt.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

227. An M. A. von Thümmel in Gotha. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 167-170 (Brieftext); 449 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Moritz August von Thümmel. Weimar, 21. März 1799. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_227 >


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