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186,11
W[eimar] d. 25 Ap. 99 .

Gott segne dich, Lieber, für die heilende Freude, die mir dein Brief
zubrachte. Ich bin jezt an meine Erupzionen so gewöhnt, daß mir alles
darin altäglich vorkomt, die breitesten ausgenommen — blos der ganz186,15
spiralmässig in sich kehrende Plan erfreuete mich wie eine lange Rech-
nung — auch dringt mir der hohe Albano ordentlich wie eine Rührung,
eine zu ernste Manier auf — Kurz ich [ große Lücke ]

Liane sol dir künftig wie Blütengeist ins Herz ziehen — Und doch
hab’ ich noch 2 andere, nie gezeichnete hohe Weiber. 186,20

Jeder Karakter sol eine Geschichte für sich formieren 〈z. B.
Roquairol, Schoppe etc.〉, die aber in der Hauptgeschichte nur ein
Kronrad, kein Zifferblatsrad wird; dieses Ineinanderschieben der Ge
schichten macht alles so schwer.

Was du von Einschieb[ Lücke ] sagst [ große Lücke ] 186,25

kleinliche Idee vom Helden giebt. Wenn das vornen Dunkle nur
einigen Werth hat, so ists genug; daß es mit mehr Vortheil hinter
der Erziehung stände, ändert nichts; sonst müst ich überhaupt das lezte
Buch zuerst geben, weil dadurch jedes andere gewänne. Beim Him
mel! es sol sich eben erst vor der 2ten Lesung aufthun.186,30

Rüge streng und [ große Lücke ]

[Mein Publikum macht jedem Menschen Ehre.]

Du hattest nur da Unrecht, wo du — nichts sagtest.

Über vieles erwart’ ich deinen 2ten Brief nach den 2 lezten Kapiteln,187,1
und unsere mündliche Rüksprache, die ich absichtlich der schönsten
Frühlingszeit aufhebe.

Apropos: Roquairol ist zwar Kammerrath; aber eine Militair-
stelle passet für ihn besser; allein er [ große Lücke ] 187,5
d. 28 Apr.

Obgleich alles erst den 8 Mai fortkomt: wil ich doch heute noch
vorausschreiben. Den deutschen Hern nant’ ich früher Couchey;
er heisset aber Bouverot; du must es dir aus der häslichen Hand des
Lehnprobstes erklären, um so mehr da er alles verziffert, welches mir 187,10
Mühe genug macht.

Das lezte Kapitel ist das einzige, das ganz erst jezt aus meiner
Seele flos. — (die lezte Apostrophe ausgenommen, der 45. Zykel
heute d. 7 Mai)

Amöne möchte, daß ich mit [ihr und?] dir nach Hof gienge; aber 187,15
[ Lücke ] gekehrt — und bei dir [ Lücke ] korrigi[ Lücke ] wil ich
[ Lücke ] holen [ große Lücke ]
[6. Mai?]

[Sie gefiel] auch der Berlepsch, andern überhaupt sehr; sie betrug
sich hier sehr gut und fest. Ihr Herz kanst du in die pontinischen Sümpfe 187,20
von Paris tauchen: du ziehest es diamant-rein wieder heraus. Diese
weibliche Festigkeit, die unsern guten Einflüssen widersteht, beschirmt
diese Wesen dafür gegen schlimme. Ein Man wirkt (syllogistisch) auf
den Man mehr als auf ein Weib. Wir sahen uns wenig; ich bekam
sogar (sie kan nicht ganz dafür) meine [al]ten Höfer Vapeurs gegen 187,25
[sie] und ich sah, daß — wenn [ Lücke ] ausnähme — ich in Hof [ Lücke ]
die kalte Dumpfheit [ Lücke ] überkommen [ Lücke ] in mir auf, [ Lücke ]
Ort und die Zeit denke. [ Lücke ] must’ [ große Lücke ]

vollends von (eigentlich überal unrechten) Besuchen. Denn welche hat
denn ein Recht, sich blos durch ihre Moralität vom Zeremonialgesez187,30
zu dispensieren, was sie der andern absprechen wolte, die ja eben so gut
eigne Richterin sein kan? — Mit der Schröder war sie einmal bei mir,
und ohne jene auch einmal; aber es war am lezten Abend, wir sehnten
uns beide; darauf [giengen] wir zu Herder; auch wars [am] Tage;
und ein Mädgen wohnet [ Lücke ] mir; und einmal ist k[einmal.] 187,35
d. 7 [Mai.]

Ich endige [ Lücke ] das Bu[ große Lücke ]

[Der holde Tag, die freudigen Zufälle machten, daß nicht blos der188,1
Merkur durch die Sonne gieng, sondern auch Endes Unterschriebner.]

Meine innern Gestalten trösten mich über die äussern, nur ergreifen
sie mich stärker als diese und zu stark.

Göthe und Schiller waren das leztemal ganz frostig gegen mich; 188,5
blos — wie man dort beim Thee sagte — weil ich an der Herderschen
Metakritik schuld sein und sogar Hand darin haben sol und Schiller
hoft, unsere 〈Herder und meine〉 Freundschaft werde dadurch brechen.

Samuel gieng zur Messe nach Leipzig, mich wie Gotlieb sich aus-
drücket, „anzuschmieren und bei meinen Buchhändlern zu borgen [und] 188,10
nach Amerika zu gehen.“ 8 Tage vorher eh es Gotlieb schrieb, ver-
muthete ichs und schrieb daher an Matzdorf etc. Als er bei diesem
[ Lücke Ld’or wolte: gab ers nicht; [ Lücke ] Morus etc. Böhm schreibt
mir, er [habe ihm] 5 Carolin zur Reise etc. gelassen.

[ Lücke ] nach Hild[burghausen zu einer] lieben Freundin. 188,15

[Deine lezten Briefe an mich, die in Couverts bestehen, habe richtig
erhalten, aber es lieset sie unterwegs jeder Nar; du soltest die
Couverts an mich einschlagen in fremde.] [ Lücke ]

Melde mir die Ankunft des Mspt bald.

H: Berlin JP. 8 S. 8° (die untere Hälfte durch Mäusefraß zerstört). K: Otto den 8[!] Mai. J 1: Otto 3,77×. J 2: Nerrlich Nr. 59×. B: IV. Abt., III.1, Nr. 187. A: IV. Abt., III.1, Nr. 216. 186 , 14 alles bis 15 ausgenommen] nur die breitesten gefallen K 17 dringt] aus nimt H 18 zu] nachtr. H 20 hohe] nachtr. H 27 daß] davor gestr. aus der Vermehrung desselben H 29 Buch] aus Kapitel H 30 vor] aus bei H, bei K 32 aus K 187 , 5 ihn] aus alles H 13f. die Paren these nachtr. H 19 andern überhaupt sehr] nachtr. H 22 weibliche] nachtr. H 23 Ein bis 24 Weib.] nachtr. nach 32 kan? — H 25 nicht ganz] aus wenig H 35 ein Mädgen wohnet] aus Mädgen wohnen H 188,1 f. aus K 6 — wie bis sagte —] nachtr. H 9 zur Messe] nachtr. H 16–18 aus K
Mit Übersendung der 7. und 8. Jobelperiode des Titan. 186 , 25 –30 Otto hatte die Stellung von Albanos Jugendgeschichte nach den Szenen auf Isola bella beanstandet, weil dadurch zwar die großen Charaktere gleich herausgehoben würden, aber dafür im Anfang, wenigstens beim ersten Lesen, manches etwas dunkel bleibe. Die Lücke ist dem Sinne nach etwa so zu ergänzen: Was du von Einschiebung der Jugendgeschichte sagst, ist richtig, sie war aber nötig, weil die Voranstellung eine zu kleinliche Idee vom Helden gibt. 34 Das Blättchen enthielt vielleicht die Auflösung der Verwicklungen des Romans, vgl. 175,8 –10, 290,28 –33. 187,4 f. Vgl. I. Abt., VIII, 141,12f. 16 Vgl. 161,31 f. 26–28 ist etwa zu ergänzen: daß — wenn ich dich ausnähme — ich in Hof wieder die kalte Dumpfheit wie ehemals überkommen würde; sie steigt jedesmal in mir auf, wenn ich an den Ort und die Zeit denke. 29–35 Vgl. 162,34 f. 188,5 –8 An Goethes und Schillers Kälte war schwerlich Jean Pauls Mitarbeit an der Meta kritik schuld; Goethes Tagebuch v. 15. April 1799 notiert: „Abends bey Frau v. Wolzogen. Zudringlichkeit Richters.“ Vermutlich handelt es sich dabei um das Vorkommnis, das Goethe später einmal Schelling erzählte, s. Persönl. Nr. 74. Am 16. April war bei Goethe Teegesellschaft, an der u. a. Schiller und Charlotte v. Kalb teilnahmen; vielleicht bezieht sich hierauf Charlottens Bemerkung im IV. Abt. (Br. an J.P.), III.1, Nr. 185: „Gestern waren Wol zogens bei mir; ich begreife nun mehr das Gespräch zwischen S. und G., und somit hat es auch eine ganz andere Auslegung.“ 13 Morus: ein Bekannter der Feinds (erwähnt im Brief an J.P. IV. Abt., III.1, Nr. 46). Böhm: s. FB Nr. 26. 15 Vgl. Nr. 267.

Textgrundlage:

256. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 186-188 (Brieftext); 456-457 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Weimar, 25. April 1799 bis 7. Mai 1799. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_256 >


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