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Weimar d. 8 Mai 99.
188,21
In der Sonderbarkeit Ihres Wunsches, liebe Unbekanten, liegt
zugleich dessen Rechtfertigung, nämlich Ihr reines Vertrauen. Das
Sonderbare ist die Voraussezung, daß im 18ten Jahrhundert 99 ein
Mensch ein neues Linderungsöhl für eine Wunde habe, die den Heil188,25
mitteln der andern Jahrhunderte widerstand; aber in der Heilkunde
macht das Vertrauen den Arzt und das Ach eines theilnehmenden
Wesens tröstet oft mehr als die Trostpredigt eines kalten.

So sehr oft Menschen sich des Antheils am Tode geliebter Seelen
anklagen: so sehen Sie doch aus der immer gleichen Zahl derer, die188,30
an dieser oder jener Krankheit sterben, daß nur ein höheres Gesez uns
alle abruft. Nun ist es sonderbar, daß wir in der unendlichen Welt
maschine, worin die Erde kaum ein Rad und wir kaum die Zähne des
Rades sind, über uns die Maschine vergessen, für die wir etwas opfern
müssen, da sie so viel für uns opferte. Gott sendet den Luther und den 188,35
Rousseau zur rechten Zeit; wissen wir, wie er in die künftige Welt seine 189,1
Geister aus dieser schicken mus? — Unserer kleinen Freuden und Ab
sichten wegen auf dem Erden-Körngen sol der grosse Bau umgebauet
werden? Und wir wollen den Lauf der Natur, dem wir ja eben alle
Güter verdanken und den wir ehren, wenn er giebt, umgekehret haben,189,5
wenn er nehmen mus. — Nur das Veränderliche oder Seltene — d. h.
das scheinbare, weil das Seltene so nothwendig ist als das Gewöhn
liche — wird uns zu ertragen schwer, nicht das Unveränderliche — als
wären nicht beide eins — und ein kalter Sommertag ärgert mehr als
ein Wintertag, obgleich die Nothwendigkeit dieselbe ist; stürbe jeder189,10
z. B. im 30ten Jahr, wir erduldeten es nicht viel schwerer als den
Winter.

Wie, der Unendliche hat im Körper des Wurms jede Ader und jeden
Ring berechnet; nur ein ganzes Menschenleben brächt’ er nicht in
Rechnung? Ich gab auf mein und auf fremdes Leben Acht und fand189,15
darin die Hand eines unendlichen Geistes, der nicht Ein Wesen sondern
Millionen Einem Ziel zutreibt. Geben Sie z. B. nur auf den immer
wiederkehrenden Wechsel von grossem Glük und Schmerz, auf die
Nemesis Acht!

Die Menschheit geht jezt durch ein rothes Blutmeer — vielleicht 189,20
mehr als ein Jahrhundert lang — ihrem gelobten Land entgegen; —
und unsere frühere Geburt erspart uns Wunden: wissen Sie, ob das
weich-organisierte Wesen nicht zu sehr wäre von den blutigen Wellen
erschüttert worden, die schon in unserer Zukunft rauschen? — Unser
Leben ist ein Abend und vol Dämmerung und wir können unsichtbare189,25
Wesen verlezen ohne es zu wissen; und darum spricht das Gewissen
in uns als Ruf in der Nacht: können Sie wissen, welche schmerzliche
Verbindung Ihr ewiger Gram mit der Geisterwelt und sogar mit dem
geliebten Wesen habe? Und noch dazu ist in Ihrem Schmerze eigentlich
eine auflösende Süssigkeit, die eben seinen Abschied so verzögert, ich189,30
möchte sagen ein Luxus der Wehmuth — Und da eine Person von
Ihnen dadurch früher sich zerstöret als die andere: hat sie dan in der
lezten Minute einen Trost, wenn das weinende Auge in das brechende
blikt, und wenn sie sich sagen mus: diese frühe Scheidung, diese tiefe
Wunde ist ja blos meine Schuld? —189,35

Allerdings kan man nicht die Ankunft eines Leichen-Gedanken
verwehren; aber sein Bleiben und seine Geselschaft steht in unserer
Gewalt; und man braucht oft nur die Trauer-Idee nicht träumerisch190,1
zu verfolgen, nicht zu dekorieren. Wer sich trösten wil: er wird bald
getröstet; aber wir sagen oft, wir können nicht, da wir nur nicht
wollen.

Nehmen Sie, liebe Seelen, diese eiligen Worte so auf wie sie190,5
gegeben werden; aber verhehlen Sie sie auch andern.

Ihre Antwort und Ihre nähere Kentnis wird meinem Herzen
wilkommen sein; aber geben Sie mein Schweigen darauf blos der
Menge meiner Arbeiten und Briefe schuld.

Leben Sie wohl — was Sie leicht können, da Sie sich lieben. Wie,190,10
der Himmel beschied Ihnen ein so seltenes Glük und Sie klagen so
bitter über die Unterbrechung eines andern, dessen Wiederholung in
seinem Vermögen ist? —

Jean Paul Fr. Richter

[Adr.] An den Bewusten abzugeben.
190,15

H: ehem. Lessingsche Autogr.-Slg. Nr. 2790. 6 S. 8°; Adr. auf beiliegendem Umschlag. K (nach Nr. 261): Ehepaar in Königsberg 11[!] Mai. i: Wahrheit 6,88. J 1: Preuß. Ostseeblätter, 27. Febr. 1832. J 2: Carl Robert Lessings Bücher- u. Handschriftensammlung, hgb. von Gotthold Lessing, 2. Bd., Berlin 1915, S. 247. 188,25 f. Heilmitteln] aus Arzeneimitteln H 31 nur] nachtr. H 32 alle] nachtr. H 189 , 3 Erden sandkörngen K 5 verdanken] danken K 6 oder Seltene] nachtr. H 8 Un veränderliche] aus Unabänderliche H 9 wären nicht beide eins] aus wär’ es etwas anders H 11 nicht viel schwerer als] wie K 17f. den .. Wechsel] aus die .. Folge H 18 auf die] aus diese H 23 weich-organisierte] verstorbne K 28 ewiger] aus unrechter H 29 habe] aus hat H 34 wenn sie sich sagen mus] aus mus es sich nicht sagen H 37 Bleiben] aus Dasein H
Samuel Wulff Friedlaender (1764—1837), Kaufmann in Königsberg, ein Neffe von Mendelssohns Freund David Friedlaender, und dessen Frau Rebekka, geb. Friedlaender (1770—1838) hatten sich nach dem Tod eines Töchterchens anonym an Jean Paul gewandt mit der Bitte um Trost gründe. Vgl. Nr. 371. 189,9 f. Vgl. I. Abt., VI, 180,6ff., II. Abt., IV, 3,5ff. 20f. Vgl. I. Abt., IX, 225,24f. 29f. Vgl. 14,28 f.

Textgrundlage:

257. An das Ehepaar Friedlaender in Königsberg. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 188-190 (Brieftext); 457 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Rebekka und Samuel Wulff Friedlaender. Weimar, 8. Mai 1799. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_257 >


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