Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



211,29
Weimar d. 10 Jul. 99.
211,30
Ich werde ein eigentlicher 3facher Sünder durch deine 3 Briefe und
meine Sünde verjährt durch die Zeit nicht, sondern bejährt sich immer.
Aber mein guter geliebter Oertel, wie bring ich den Ozean meiner
Nachrichten in das Bächlein eines Oktavbriefgens? — Eben diese
Unmöglichkeit, dir soviel mitzutheilen als lehnt’ ich mich an die212,1
Blätter deiner Laube, d. h. alles, macht mich immer stum.

Zuerst deine Briefe! Gegen deinen ersten, der meine Klagen über
deine briefliche Karthause beantwortete, hatt’ ich viele Einwendungen,
die mir jezt nicht geziemen, da du mich durch Thaten, d. h. 3 Briefe212,5
beantwortest. — Dein Diethelm komme nur bald in meine Stube, er
wird mich erquicken wie dein Eintrit — deine Briefe haben soviel
Stärke, Phantasie und Besonnenheit, daß ich so lange schon gewünscht,
du möchtest diesen Brautschmuk einer Muse geben. Dein trefliches
Urtheil über die Lucinde und Metakritik hat Herder eben so treflich 212,10
gefunden; wiewohl ich dir die volendete Konsequenz eines irrigen
Systems anfechte; denn blos an der Konsequenz erkennen wir die
Wahrheit; — ferner eine logische — d. h. eine Nominalverknüpfung —
ist keine reelle — endlich kan eine ganze feste Kette an einem lockern
Haken d. h. Prinzip hängen. Du findest in meinem Briefe über die 212,15
Philosophie nicht das, was ich doch hineinlegte; — wie du überhaupt
deine Partheilichkeit gegen meine ältern und neuen Werke in ungleichen
Porzionen austheilst.

II ter Brief. Dein Zuruf wie an Philippus, aber zu einem philan-
thropischern Zwecke: gedenke daß du ein Mensch bist oder vielmehr212,20
sein solst —, dein Geniuszeigefinger, der mir zwischen den litterarischen
Schlachtfeldern den sanften grünenden Weg der Liebe anweiset, ist
mir wilkommen und nöthig, obwohl mein Herz immer dasselbe zu
ruft. — Doch, würde das Schulgebäude des Hasses gar ausgebauet
und Herder und das Gefühl zu sehr daraus beschossen: so würd’ 212,25
ich kühn mit aller mir beistehenden Satire die ganze Sekte auf einmal
ohne namentliche 〈Namen-〉 Schonung anfallen. —

Dem Himmel sei Dank, daß ich über deine Hofnung nicht meine
herzliche Freude ergossen — ich sage dir nichts darüber als die Erinne
rung an die medizinischen Jahrbücher, die 10, 20jährige unfruchtbare212,30
Ehen am Ende als fruchtbare aufführen. Warum verzagst du nach
2 Nieten, da hier überal mehr Treffer sind als Nieten? —

III. Brief. Ich bin der Ehe — ich könte sagen den Ehen —
näher als du vermuthest; über das übrige wie überhaupt über die
Ströme und Sümpfe und Katarakten des Lebens fühl’ ich mich212,35
muthig und kek. Das halbe Leben ist Lumperei und also nur Lumpen
und Lumpenpapier sind zu risquieren —

O lies, da mirs eben einfält, die 3 Bände der Mélanges de Mdme 213,1
de Necker,
einer Göttin unter den Franzosen, sogar unter den Schrift-
stellerinnen.

— Ach mir thut und that schon längst ehe du mir schriebest, das Ver
gessen Deiner in den poetischen Episteln recht wehe. Was mich tröstet, 213,5
ist, 1) daß im poetischen Feuer das Auge nur 1 Punkt und kein Ge
dächtnis hat (dasmal Leipzig) und den allernächsten übersieht 2) daß
ich ja alles hier erst schrieb; denn in Leipzig hätten mich die
Stacheln des Abschieds doch daran erinnert. Ach ich hätte dich und
unsere Freundschaft ohnehin so gern der Welt — d. h. meiner wärmern213,10
— genant! Aber vornen, siehst du wohl, bist du mir mit deinem Glük
und Haus beinahe gesessen. — Das von Amoene erfuhr ich erst
selber von der — Schroeder, die in Hof gewesen. Sage mir nichts
mehr von Amoene; sie ist meinem Innersten zuwider durch Eitelkeit
und Egoismus und Stolz. Ich kan nie ein Nachbar meines Otto 213,15
werden, blos weil ich nie sie ertragen kan. — Welche lange lange
andern Weibergeschichten hätt’ ich in dein Herz zu schütten!

Das edelste weibliche Wesen, das ich noch gefunden, ein Fräulein
von Feuchtersleben, lernt’ ich in Hildburghausen kennen; du solst
ihre Briefe mit einer ganzen brieflichen Alpe von Otto, und dieser sie 213,20
bald von mir bekommen. In Hildburghausen wurd ich für immer an
den Hof gebeten und fand da meine 3 schönsten Leserinnen, die Herzogin,
die Fürstin von Taxis, die von Solms; und ich solte da die schönste
Schwester erwarten, die Königin. Die Männer (der Herzog und der
Prinzipalkommissarius) waren anfangs kalt, aber zulezt recht herzlich 213,25
warm, sowie ich auch ohne Hofkünste den gothaischen Herzog ge-
wonnen habe. Ich habe in H. eine grosse Lese-Propaganda. Hier
wolte mich die Königin in der Komödie sich vorstellen lassen, aber ich
war nicht darin; am Morgen der Abreise verlangte sie es vom Herzog
(wie mir die Taxis sagte) aber der — vergas es. Ihrem weichen 213,30
schönen zarten edeln Bruder (Erbprinzen von Meklenburg Streliz)
könt ich meine Freundschaft geben; und er mir seine auch. — In
zwischen hatten doch alle diese gekrönten Urtheile über mich — wozu
noch gothaische kamen — den Erfolg, daß unsere in Aristokratie ein-
geschnürte Herzogin mich, da ich vorvorgestern im Park vorüberschos, 214,1
eigenhändig zurükrief und viel mit mir sprach und viel zu gnädig. —

Zu Ostern komt gewis 1 dicker Band vom Titan und ein Neben-
bändgen Extrablätter — zu Neujahr im historischen berl[iner] Kalen-
der ein begeisterter Aufsaz über Charlotte Corday. 214,5
d. 11. Jul.

Emanuel komt morgen hieher. —

Im Herderschen Hause bin ich der Vertraute, fast der Sohn; sie
die Mutter wählt und kauft mir meine Kleider. Aus dem Hause des
D. Herder bekomm’ ich mein Essen. — Von deinem Bruder hört ich, 214,10
er werde sehr geliebt und gesucht in R[egenspurg]. — Wolzogen
negoziierte eine Heirath zwischen unserm Dauphin und einer russischen
13jährigen Dauphine.

Lebe wohl, mein alter geliebter Oertel, an dessen Hals ich mich so
sehnlich wünsche. Küsse deine liebe freundliche Freundin! Ich denke 214,15
mit innigen brüderlichen Wünschen an euer Glük.

R.


H: Berlin JP. 9½ S. 8°. K: Oertel 11. Jul. J: Denkw. 1,377×. A: IV. Abt., III.2, Nr. 237. 211,33 f. den Ozean meiner Nachrichten] aus meinen Ozean H 212 , 6 in meine Stube] nachtr. H 7 haben] aus tragen H 12 Systems] aus Irthums H blos] nachtr. H 16 wie bis 18 austheilst] nachtr. H 17 Werken H 24 das Schulgebäude] aus die Schule H Hasses] davor systemat. K 25 Gefühl] aus Herz H 26 ganze] nachtr. H auf einmal] nachtr. H 213 , 4 ehe] aus eh H 6f. und kein Gedächtnis] nachtr. H 12 und Haus] nachtr. H 16 blos] nachtr. H 17 andern] nachtr., vielleicht andere H 18 das ich noch gefunden] nachtr. H 27 Lese-] nachtr. H 32 seine] nachtr. H 33 über mich] nachtr. H 35 durch die Weltgeschichte] nachtr. H 214 , 1 vorvorgestern] nachtr. H im] aus auf dem H 12 negoziierte] aus nego zierte H
212 , 6 Diethelm: s. Nr. 373†. 36f. Vgl. I. Abt., VIII, 213,27. 213,1 f. „Mélanges extraits des manuscrits de Mme de Necker“ (Mutter der Mme de Staël), Paris 1798; vgl. FB Nr. 42, IV. Abt. (Br. an J. P.), III.2, Nr. 246. 4ff. Oertel war offenbar gekränkt darüber, daß Jean Paul in der letzten Epistel der Konjekturalbiographie, wo er beim Abschied von Leipzig Thieriots und Weißes gedenkt (I. Abt., VII, 499), ihn nicht erwähnt hatte. 12f. Vgl. 210,21 f. 25 Prinzipalkommissarius: Titel des Fürsten Karl Alexander von Thurn und Taxis (1770—1827). 28f. Komödie: Wallensteins Tod am 2. Juli 1799. Das preußische Königspaar reiste am 3. Juli ab, die Fürstin von Thurn und Taxis am 7. Juli 214,7 Emanuel hatte sich mit einem (nicht erhaltenen) von Knebel spedierten Brief an gemeldet, vgl. Von und an Herder, 3. Bd., Leipzig 1862, S. 139 (wo das Datum 2. Juli statt 2. April heißen muß). 10 Dr. Herder: Herders ältester Sohn, Gottfried (1774—1806), Arzt. Oertels Bruder: s. Bd. II, Nr. 355†.

Textgrundlage:

292. An Friedrich von Oertel in Belgershain. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 211-214 (Brieftext); 466 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Weimar, 10. Juli 1799 bis 11. Juli 1799. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_292 >


Zum XML/TEI-file des Briefes