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Korrespondenz

Von Jean Paul an Friedrich Benedikt von Oertel. Weimar, 10. Juli 1799 bis 11. Juli 1799.

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Weimar d. 10 Jul. 99.

Ich werde ein eigentlicher 3facher Sünder durch deine 3 Briefe und meine Sünde verjährt durch die Zeit nicht, sondern bejährt sich immer. Aber mein guter geliebter Oertel, wie bring ich den Ozean meiner Nachrichten in das Bächlein eines Oktavbriefgens? — Eben diese Unmöglichkeit, dir soviel mitzutheilen als lehnt’ ich mich an die Blätter deiner Laube, d. h. alles, macht mich immer stum.

Zuerst deine Briefe! Gegen deinen ersten, der meine Klagen über deine briefliche Karthause beantwortete, hatt’ ich viele Einwendungen, die mir jezt nicht geziemen, da du mich durch Thaten, d. h. 3 Briefe beantwortest. — Dein Diethelm komme nur bald in meine Stube, er wird mich erquicken wie dein Eintrit — deine Briefe haben soviel Stärke, Phantasie und Besonnenheit, daß ich so lange schon gewünscht, du möchtest diesen Brautschmuk einer Muse geben. Dein trefliches Urtheil über die Lucinde und Metakritik hat Herder eben so treflich gefunden; wiewohl ich dir die volendete Konsequenz eines irrigen Systems anfechte; denn blos an der Konsequenz erkennen wir die Wahrheit; — ferner eine logische — d. h. eine Nominalverknüpfung — ist keine reelle — endlich kan eine ganze feste Kette an einem lockern Haken d. h. Prinzip hängen. Du findest in meinem Briefe über die Philosophie nicht das, was ich doch hineinlegte; — wie du überhaupt deine Partheilichkeit gegen meine ältern und neuen Werke in ungleichen Porzionen austheilst.

II ter Brief. Dein Zuruf wie an Philippus, aber zu einem philan thropischern Zwecke: gedenke daß du ein Mensch bist oder vielmehr sein solst —, dein Geniuszeigefinger, der mir zwischen den litterarischen Schlachtfeldern den sanften grünenden Weg der Liebe anweiset, ist mir wilkommen und nöthig, obwohl mein Herz immer dasselbe zuruft. — Doch, würde das Schulgebäude des Hasses gar ausgebauet und Herder und das Gefühl zu sehr daraus beschossen: so würd’ ich kühn mit aller mir beistehenden Satire die ganze Sekte auf einmal ohne namentliche 〈Namen-〉 Schonung anfallen. —

Dem Himmel sei Dank, daß ich über deine Hofnung nicht meine herzliche Freude ergossen — ich sage dir nichts darüber als die Erinnerung an die medizinischen Jahrbücher, die 10, 20jährige unfruchtbare Ehen am Ende als fruchtbare aufführen. Warum verzagst du nach 2 Nieten, da hier überal mehr Treffer sind als Nieten? —

III. Brief. Ich bin der Ehe — ich könte sagen den Ehen — näher als du vermuthest; über das übrige wie überhaupt über die Ströme und Sümpfe und Katarakten des Lebens fühl’ ich mich muthig und kek. Das halbe Leben ist Lumperei und also nur Lumpen und Lumpenpapier sind zu risquieren —

O lies, da mirs eben einfält, die 3 Bände der Mélanges de Mdme de Necker, einer Göttin unter den Franzosen, sogar unter den Schrift stellerinnen.

— Ach mir thut und that schon längst ehe du mir schriebest, das Vergessen Deiner in den poetischen Episteln recht wehe. Was mich tröstet, ist, 1) daß im poetischen Feuer das Auge nur 1 Punkt und kein Gedächtnis hat (dasmal Leipzig) und den allernächsten übersieht 2) daß ich ja alles hier erst schrieb; denn in Leipzig hätten mich die Stacheln des Abschieds doch daran erinnert. Ach ich hätte dich und unsere Freundschaft ohnehin so gern der Welt — d. h. meiner wärmern — genant! Aber vornen, siehst du wohl, bist du mir mit deinem Glük und Haus beinahe gesessen. — Das von Amoene erfuhr ich erst selber von der — Schroeder, die in Hof gewesen. Sage mir nichts mehr von Amoene; sie ist meinem Innersten zuwider durch Eitelkeit und Egoismus und Stolz. Ich kan nie ein Nachbar meines Otto werden, blos weil ich nie sie ertragen kan. — Welche lange lange andern Weibergeschichten hätt’ ich in dein Herz zu schütten!

Das edelste weibliche Wesen, das ich noch gefunden, ein Fräulein von Feuchtersleben, lernt’ ich in Hildburghausen kennen; du solst ihre Briefe mit einer ganzen brieflichen Alpe von Otto, und dieser sie bald von mir bekommen. In Hildburghausen wurd ich für immer an den Hof gebeten und fand da meine 3 schönsten Leserinnen, die Herzogin, die Fürstin von Taxis, die von Solms; und ich solte da die schönste Schwester erwarten, die Königin. Die Männer (der Herzog und der Prinzipalkommissarius) waren anfangs kalt, aber zulezt recht herzlich warmDie Nachwelt wird es vielleicht erfahren durch die Weltgeschichte, daß mir der Herzog einen Kus gab und auch Hirschkolben, welche leztere mir ganz neu. , sowie ich auch ohne Hofkünste den gothaischen Herzog ge wonnen habe. Ich habe in H. eine grosse Lese-Propaganda. Hier wolte mich die Königin in der Komödie sich vorstellen lassen, aber ich war nicht darin; am Morgen der Abreise verlangte sie es vom Herzog (wie mir die Taxis sagte) aber der — vergas es. Ihrem weichen schönen zarten edeln Bruder (Erbprinzen von Meklenburg Streliz) könt ich meine Freundschaft geben; und er mir seine auch. — Inzwischen hatten doch alle diese gekrönten Urtheile über mich — wozu noch gothaische kamen — den Erfolg, daß unsere in Aristokratie ein geschnürte Herzogin mich, da ich vorvorgestern im Park vorüberschos, eigenhändig zurükrief und viel mit mir sprach und viel zu gnädig. —

Zu Ostern komt gewis 1 dicker Band vom Titan und ein Neben bändgen Extrablätter — zu Neujahr im historischen berl[iner] Kalen der ein begeisterter Aufsaz über Charlotte Corday.

d. 11. Jul.

Emanuel komt morgen hieher. —

Im Herderschen Hause bin ich der Vertraute, fast der Sohn; sie die Mutter wählt und kauft mir meine Kleider. Aus dem Hause des D. Herder bekomm’ ich mein Essen. — Von deinem Bruder hört ich, er werde sehr geliebt und gesucht in R[egenspurg]. — Wolzogen negoziierte eine Heirath zwischen unserm Dauphin und einer russischen 13jährigen Dauphine.

Lebe wohl, mein alter geliebter Oertel, an dessen Hals ich mich so sehnlich wünsche. Küsse deine liebe freundliche Freundin! Ich denke mit innigen brüderlichen Wünschen an euer Glük.


R.
Zitierhinweis

Von Jean Paul an Friedrich Benedikt von Oertel. Weimar, 10. Juli 1799 bis 11. Juli 1799. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_292


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Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959. Briefnr.: 296. Seite(n): 211-214 (Brieftext) und 466 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: Berlin JP. 9½ S. 8°. K: Oertel 11. Jul. J: Denkw. 1,377×. A: IV. Abt., III.2, Nr. 237. 211, 33 f. den Ozean meiner Nachrichten] aus meinen Ozean H 212,6 in meine Stube] nachtr. H 7 haben] aus tragen H 12 Systems] aus Irthums H blos] nachtr. H 16 wie bis 18 austheilst] nachtr. H 17 Werken H 24 das Schulgebäude] aus die Schule H Hasses] davor systemat. K 25 Gefühl] aus Herz H 26 ganze] nachtr. H auf einmal] nachtr. H 213,4 ehe] aus eh H 6f. und kein Gedächtnis] nachtr. H 12 und Haus] nachtr. H 16 blos] nachtr. H 17 andern] nachtr., vielleicht andere H 18 das ich noch gefunden] nachtr. H 27 Lese-] nachtr. H 32 seine] nachtr. H 33 über mich] nachtr. H 35 durch die Weltgeschichte] nachtr. H 214,1 vorvorgestern] nachtr. H im] aus auf dem H 12 negoziierte] aus negozierte H

212,6 Diethelm: s. Nr. 373†. 36f. Vgl. I. Abt., VIII, 213,27. 213, 1 f. „ Mélanges extraits des manuscrits de Mme de Necker“ (Mutter der Mme de Staël), Paris 1798; vgl. FB Nr. 42, IV. Abt. (Br. an J. P.), III.2, Nr. 246. 4ff. Oertel war offenbar gekränkt darüber, daß Jean Paul in der letzten Epistel der Konjekturalbiographie, wo er beim Abschied von Leipzig Thieriots und Weißes gedenkt (I. Abt., VII, 499), ihn nicht erwähnt hatte. 12f. Vgl. 210, 21 f. 25 Prinzipalkommissarius: Titel des Fürsten Karl Alexander von Thurn und Taxis (1770—1827). 28f. Komödie: Wallensteins Tod am 2. Juli 1799. Das preußische Königspaar reiste am 3. Juli ab, die Fürstin von Thurn und Taxis am 7. Juli 214, 7 Emanuel hatte sich mit einem (nicht erhaltenen) von Knebel spedierten Brief angemeldet, vgl. Von und an Herder, 3. Bd., Leipzig 1862, S. 139 (wo das Datum 2. Juli statt 2. April heißen muß). 10 Dr. Herder: Herders ältester Sohn, Gottfried (1774—1806), Arzt. Oertels Bruder: s. Bd. II, Nr. 355†.