Edition Briefe von Jean Paul Korrespondenz

Von Jean Paul an Christian Otto. Weimar, 28. September 1799.

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Weimar d. 28 Sept. 99 .
232,27

Der längere Herder vor dir ist ein Kaufman und komt aus Ham-
burg;
der kürzere ist der Oekonom. Schreibe für beide an Amoene,
damit Herold ihnen seine[n] merkant[ilischen] Apparat vorzeigt. Der 232,30
Vater dankt dir voraus. — Der Oekonom verstekt hinter dem Schleier
seiner Blödigkeit Talente und Kentnisse.

In der Danna [?] blieb ich eine Nacht, in Schleiz eine, in Jena eine.
Häslich warfen sich die Wolken auf meinen ofnen Postwagen (ein
bedekter war nicht zu bekommen). Indes bracht’ ich mehr Gesundheit232,35
zurük als ich mitgenommen. Aber was hab ich denn eigentlich bei dir233,1
gethan, d. h. gesagt? Welche dumpfe Vergeslichkeit rükte mir alle
Objekte unter die 2te Halbkugel, so daß ich jezt erst weis was ich sagen
wollen? Und warum warst du kein Katechet? Und warum verjagte
nicht der äussere Sonnenschein diesen innern Dunst? So bin ich also233,5
wieder für mein Einfallen ins Rad der Umstände gezüchtigt, das ent
weder rädert oder zieht; nur 8 Tage später hätt ich kommen sollen.

Künftig lass’ ich dich zu mir und — meiner Frau abholen; dan ist ein
Wort zu reden.

Lies von der F[euchtersleben] zuerst das kleine, dan das grosse Blat. 233,10
O die Gute, warum war ich so? — Hildburghausen ist meine lezte
Reise anno 99.

Schiller zieht hieher in Kalbs Logis. — Ein herlicher rechtlicher
gewandter Mensch, Namens Michel, der Feleisenreiter in Neustadt,
für den ich stehe, geht am Neujahr, wenn ihn der Postmeister in seine 233,15
Dienste nehmen wil, gern darein: überrede! — Die Bleibtreu aus
Braunschweig hat mir eine kostbare porzellanene Urne mit Blüten
geschikt. — Thiek (dessen Zerbino lies!) und Hardenberg waren bei
mir in der Abwesenheit und Schlegel lies mich durch sie zu sich ein-
laden. Höre, berechne doch die Grade, wenn die Toleranz in 1000 etc.233,20
Jahren so zunimt wie es die Algemeinheit und Freiheit des Geistes er
zwingt wer wird noch alsdan intolerant übrig bleiben? — Gott höchstens
gegen den Teufel. — Ich trage den Gedanken umher, meinen Titan
Fürstinnen — am liebsten jenen 4 auf einmal — zu dedizieren (denn
ich mache keine Vorrede); warum sol ich muthwillig alle Springstäbe233,25
und Steigeisen des Fortkommens wegwerfen? Aber beleidigt sie der
Titan nicht? Und ist nicht schon diese Frage ein Kerker des Schwungs?
Rede! —

Grüsse meinen Albrecht und meine geliebte Friedrike, deren Tag-
und Seelenbuch du kapern soltest wie ich that. Grüsse meine Sophie —233,30
in ihre rothe Schreibtafel bin ich wie in eine Aurora verliebt — und da
ein Lob hinter dem Rücken süsser ist, so wird es auch ein Grus hinter
dem Rücken sein und ich sez’ ihn hieher: „mein ganzes Herz grüsset
deines, redliche Sophie, und in meiner Erinnerung blühen unsere
Minuten fort und du must immer, immer glüklich sein, du Gute!“ —233,35

Und du! — Ach wenn wir uns nur recht gehabt hätten! Warum
haben wir beide denn so fleissig gelesen, als wär’ ich nur zu Büchern
so weit und schlecht gereiset? — Jacobi hat mir gut geschrieben und 234,1
verheissen, in 14 Tagen erst — recht zu schreiben.

Ich nehme dich an mein Herz und behalte dich daran! Habe Dank
für die Vergangenheit! —


R.
234,5
Zitierhinweis

Von Jean Paul an Christian Otto. Weimar, 28. September 1799. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_320


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Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959. Briefnr.: 320. Seite(n): 232-234 (Brieftext) und 473 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: Berlin JP. 4 S. 8°. K (nach Nr. 321): Otto 28 Sept. J 1: Otto3,158. J 2: Nerrlich Nr. 68. A: IV. Abt., III.1, Nr. 259. 232,30 vorzeigt] danachgestr. und bitte deinen Christoph H 33 Danna] vielleicht Denna oder Donna H 233,5 äussere] nachtr. H 22 alsdan] aus als H höchstens] nachtr. H 24 auf einmal] nachtr. H

232,33 Danna: wohl für Tanna (südl. von Schleiz). 233,13 Schiller zog Anfang Dezember 1799 von Jena nach Weimar. 14 Neustadt a. d.Orla. 15 Postmeister: Wirth in Hof; s. Otto 3,168. 18 Hardenberg: Novalis. 19 Friedrich Schlegel. 31 Schreibtafel: s. IV. Abt. (Br. an J. P.), III.2, Nr. 231. 234,1 Jacobis Brief ist nicht erhalten.