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W[eimar] d. 28 Sept. 99 .
234,7
Mein Alter! Guten Abend, denn jezt schreib ich. — Über Amoene
hast du 2 Irthümer; 1. sie ist und war nur verlobt, 2) sie wird gewis
verehelicht, wenn und da im Frühling O[ttos] Schwester es wird. 234,10
Ich war den ganzen Sept. in Hof und gieng kalt von A. und kam kalt
zu ihr. Überhaupt traf ich im Heroldschen Hause und Kreise eine
neblichte Dumpfheit an, die immer aus einem widernatürlichen Be
stande lyrischer und eiliger Verhältnisse (der Liebe) aufsteigt.

Mein Oertel, warum ekelt mich Leipzig so sehr? Sonst wär’ ich 234,15
längst an dir. — Der berühmte Mahlman und Leipziger ist hier noch
nicht einmal bekant. — Der Herzog von Hildburghausen hat mich
zum Legazionsrath gemacht. — Ich schreibe alles durch einander; und
nur die Striche sind mein Altargeländer. —

Ich war seitdem in Gotha, Eisenach und der Ruhl. In Eisenach 234,20
sol ich mich mit einem schönen Mädgen verlobet haben, wie man mich
algemein versichert; mir wil die Sage nicht ein, ich glaube eher, daß
ichs mit einem edeln Wesen (einem Fräulein v. Feuchtersleben) in
Hildburghausen thue, wohin ich wieder reise. — Ein ganzer Post-
wagen ist mit fremden Briefen für dich volgeladen; könte nur eine234,25
Kronwache ihn beschirmt zu dir geleiten. — Schiller zieht in das
Logis der F. v. Kalb, die nicht wiederkomt. — Dein Verhältnis mit
Goeze muste so schliessen wie jedes, das nicht die Neigung sondern zu-
fällige resignierende Nebenzwecke knüpfen. Ach das Herz wird überal
bestraft und verlassen, wo es kein Herz sucht. Überal werden bei dir234,30
Verhältnisse, die du dir nur abzwingst, so ausgehen. — Müller ist ein
Markzieher Fisch; in Leipzig giebts nur Markzieher. — Ahlefeld
schreibt mir nicht, ich ihm nicht. — — Auf der Bahn nach Hof gieng
ich durch Rudolstadt, wo mir die Magie der Gegend, die Fürstin,
der Fürst (der mich nach Schwarzburg führte), die Stadt, die Men- 234,35
schen so wohl gefielen, daß ich in der Ehe Weimar dagegen austausche.
— Ich habe mich hier wohl mehr in mein Dickicht zurükgeschoben;235,1
aber meine alten Freunde sind es noch. Den Herderschen bracht’ ich
jezt sogar einen Sohn (den Oekonomen) bei Emanuel an, und aus der
Herzoglichen Wilkühr weg. — Die Berlepsch wird von zögernden
Winden in Cuxhaven eingespert; sie schikte mir 2 Tagebücher. Ihre 235,5
Seele fühlt weinend das Trennen vom alten Vaterland. —

Jacobi lässet seinen Brief an Fichte drucken. — Was sind denn alle
diese öden Nouvellen? Nicht einmal eine Kapitelüberschrift zu meiner
Lebensgeschichte ist damit gegeben; und auf dem innern Wesen liegt
Schatten und Hülle. Ach nur tägliches Beisammenleben ist Leben und235,10
Lieben; und wir brauchen eine andere Welt und Lage, fast schon darum,
damit nicht alles einander nur in so abgetrenten Inseln im Strome der
Zeit erblicke und entbehre. —

Leb froh, mein Geliebter! Warlich mein herzlichster Wunsch wäre,
die Feder nicht wegzulegen — ich darbe mehr wie du — aber ich mus.235,15
Ach die Ewigkeit braucht den Menschen nichts zu geben als Gegen
wart, dan ist alles gut. — Grüsse, küsse, umarme deine geliebte Sophie
für mich. Lebt wohl!

Richter


H: Berlin JP. 4 S. 8°. K (nach Nr. 319): Oertel 28 Sept. J: Denkw. 1,381×. B: IV. Abt., III.1, Nr. 237. 234 , 9 und war] nachtr. H 10 und da] nachtr. H 12 zu ihr] nachtr. H 13 widernatürlichen] aus zu langen H 16 hier] nachtr. H 25 fremden] nachtr. H 29 resignierende] nachtr. H 235,8 einmal] nachtr. H
234 , 28 Vielleicht Johann Georg Friedrich Goetze (1768—1803), seit 1796 Pastor in Oelzschau, vorher Privatdozent in Leipzig. 31 Wohl Methusalem Müller, s. Bd. II, Nr. 470†. 32 Markzieher Fisch: vgl. 1,14 f. und I. Abt., VII, 394, Fußnote. 34 Fürstin: Karoline Luise, geb. Prinzessin von Hessen-Homburg (1771—1854); s. Nr. 313†. 235,5 Von den Tagebüchern der Berlepsch ist nur eines erhalten, s. IV. Abt. (Br. an J. P.) , III.2, Nr. 232 und 250.

Textgrundlage:

321. An Friedrich von Oertel in Belgershain. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 234-235 (Brieftext); 473 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Weimar, 28. September 1799. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_321 >


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