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245,26
Weimar d. 2. Nov. 99.

Gott gebe, daß ich nichts vergesse. Ich wil aber an deinem Brief
meinen anspuhlen und aufwinden. — Meine Mundsperre magst du
auch dem Wetter, den Krankheiten und noch einigen Dingen schuld245,30
geben. Ich meines Orts kam als der Alte. Hab’ ich nur meine C.:
dan sol das erste, was wir uns anschaffen, du sein auf mehrere Wochen.246,1
Neben dieser Seele wird dich bei meiner eine freiere Luft anwehen;
beim Himmel, sie ist von der poetischen Hermine blos in der Festigkeit
verschieden, die diese mehr haben solte. Lies besonders die mit be
zeichneten Briefe; doch kanst du aus ihren nicht immer meine ziehen,246,5
da sie mich zuweilen anders auslegt. Herder ist, seit meinen kurzen
und Augustens längern Schilderungen von ihr, und seit der Lesung
der Geschichte ihres Vaters, ihr Sonnen-, Mond- und Sternen-
Anbeter. Ich erschrecke, wenn ich jezt zu den ausgebranten Ehe
Kratern hinübersehe, in die ich so oft zu fallen im Begrif war, wenn246,10
keine fremde Hand mich gehalten hätte. In Jena, in Leipzig, Eisenach,
Gotha (denn ich habe dir nicht alles schreiben können) Hof etc. hieng
alles nur an einem Haar, so hieng ich selber im Haar als elender
Schneusvogel. In ihr schlingen sich so vielerlei moralische Staubfäden
und Farben zusammen, wovon du keine einzige nehmen kanst, ohne den246,15
Kunstgärtner — mich — zu verderben. — Der Tieffurter hab’ ich
nicht das leiseste Zeichen der Neigung gegeben, weil ich selber noch auf
diese 〈meine〉 warten muste; ich erschien — das war alles. Von
meiner Hofnung auf Unterordnung sprich nicht viel; gerade sie, die
den Autor nicht ganz faste und liebte, hätte den Menschen von einer246,20
Hand in die andere geworfen, indes meine C. durch eine zu liebende
Verschmelzung beider dem Man
d. 4.

dessen Szepter ohnehin lang genug ist, noch den Schaft des Autors
dazu giebt... So darf ich nicht fortfahren; ich habe keine Zeit,246,25
deren Mangel du wohl oft für den der Gründe und Wider
legungen genommen hast. — Auguste hab’ ich von der Pensions-
Direktrice weg- und auf ein Jahr zu Herders gethan, die sie unendlich
lieben. — Der Pegasus und die Nachtigal haben oft zu kleinliche
politische Rüksichten; und nicht Muth genug; das sah ich neulich beim246,30
Geburtstags Lever des h. Geistes; ich habe den meisten hier, aber
auch weiter nichts, keine Pension und Frau. — Mir unerwartet, macht
mich meine durch C. befriedigte Seele härter urthelnd über alle
Weiber. — „Jugendliche Wünsche“ gewisse hat freilich der Teufel
geholt, aber schon vor 7 Jahren; andere leben mit mir fort bis ans246,35
Sargseil hinan. — Ich studiere schon lange Fichte, mit Bewunderung 247,1
und wachsendem — Unglauben an ihn. Erst in Weimar warf meine
Seele die schwersten Ketten ab. — Lies die „Zauberlaterne“ von
Spangenberg; auf \nicefrac{1}{1000} Seite ist mehr Wiz als im dummen Bier
Roman von Kiesling; pack’ ihn ein, und piche die Adresse darauf. 247,5
— Es ist entsezlich wie die junge Welt jezt fliegt und blikt, die poetische
und philosophische; Gott sei Dank, daß ich noch zu ihr gehöre und
mein eignes Empyräum habe. — Hier mach ich dir mit der Imhofs
Epopee schon jezt ein ansehnliches Geburtstag-Geschenk, damit mirs
niemand wegkauft; alles fält nur 1 Urtheil des Lobs, sogar der alte247,10
sie anfeindende Pegasus muste.Herder wil dir zu dem triden-
tinischen Konzilium alle seine Bücher leihen, besonders das beste, einen
H. v. Hardt; er legt mit dir einstimmig denselben Werth auf das
tri- —— es war Spas — auf das kostnizer Konzilium so wie aufs
klermonter besonders. Er sagte mir viel, was ich dir ein andermal 247,15
sagen wil. — Entschuldige mein abgeprestes Schweigen bei Sophie und
Friderike. — Wonsiedel ist besser — durch gute Menschen — als
das Bayreuth mit seinen falschen schmaruzenden. Das Nächstemal
werd ich in Hof nichts thun als durchgehen mit dir nach W., was ich
so liebe wie ich (noch immer) Hof und der Nachbarschaft gram bin.247,20
— Die Sydow sandte mir Ihr grosses Bild; und ich erstaunte über die
französische Jugend Schönheit; der C. schikt’ ich ihre Briefe. — In
die Dresdner Lotterie hab ich aus Galanterie gegen die Sc[hr]oeder
mit eingesezt und 60 rtl. gewonnen. —
d. 6 N.
247,25
Hier ist das Pestizer Wochenblat, schick’ es bald mit allen Briefen
wieder. Sol ich noch den Aufsaz p. 165 in den Teufelspapieren dazu
thun, nämlich neu glasiert? — Es beträgt kaum 9 Bogen. Jezt fahr
ich mit vollen Segeln und ein Paar Stürmen hinterdrein in den 2. B.
des Titans und in seine Frühlinge. — Ich bin sehr gesund und das 247,30
Schreiben flekt. —

Gestern hab’ ich bei Herder, da mich jede mit einem Lichte hinaus-
begleitete, drei Mädgen geküst, die junge, schöne H[erder], W[eber]
und Auguste, die zwei ersten zum ersten Male. — Mein Bruder hat
jezt auf 2¼ Jahr Pension weg. Die rauhe Seele nimt alles hin, ohne248,1
zu bitten und zu danken. Es ist hart, etwas aus Vernunft zu thun, was
man aus Liebe thun möchte. Seine Existenz bei Meier ist mir schon
wegen der Nähe deines Fensters lieber. Indes schäm’ ich mich fast, daß
ein solcher Kopf der Kopist und Taschenspiegel schlechterer sein mus.248,5

Sogar der furchtsame Herder und Böttiger sind für das Dedi-
zieren; die Satiren gehen noch dazu die Fürstinnen nichts an — (nur
Fürsten). Ich bitte die Hildburghäuser Fürstin, die andern zu fragen.
Die Dedikazion bestände dan in dem veränderten Traum auf die vier.
Ich nenne sie nur bei den Taufnamen: die vier schönen und guten 248,10
Schwestern auf dem Thron, Luise etc. Die alte B[e]k hat mir eine
schöne Tasse geschikt, wo wieder mein und C. Name sich verschlingen.

Und fahre wohl! an einem Ufer dahin, wo ein Hafen am andern
sei. Grüsse meinen Albrecht und Friederiken.

R.
248,15
d. 7 Nov.

Herder lieset jezt meine Mumien unausgesezt. Seiner Seele stehen,
wenn er nichts gegen den Autor hat, alle Seelen und Manieren offen;
sie wohnt ganz in meiner. Wie abgeschabt stehen daneben die Rezen
senten vor mir. — Dato hab’ ich noch keine Zinsen von Altenburg 248,20
gesehen; das Stehenlassen thut doch nichts? — Die edle B[erlep]sch,
deren zwei dicke Tagebücher ich dir einmal schicken werde, schrieb mir
heut aus Edinburg, daß sie — verzweifelt. Macdonald hat alles Edle
und Feste, aber keine Liebe. Ich kenne die Narben dieses so oft zer
schlagenen Herzens, und das Schiksal führte mit meiner eignen Hand248,25
das vorlezte Schwert; daher kan ich sagen, daß nie ein gutes Wesen
herber lit, länger blutete und unheilbarer war.

Ach könt’ ich ihr einmal durch meine C. und mich wenigstens ein
Paar Blätter ihres nebligten Herbstes bunt färben! C. würde sie
lieben, und sie jene. —248,30

Auf meinen Brief mit der Geschichte und den Gedichten von C. hast
du mir noch nicht geantwortet.

H: Berlin JP (der Schluß von 247,32 an fehlt). K (nach Nr. 340): Otto 8 [!] Nov. J 1: Otto 3,183. J 2: Nerrlich Nr. 70. B: IV. Abt., III.2, Nr. 259. A: IV. Abt., III.1, Nr. 278. 246 , 2 bei] aus neben aus in H 4 die bis solte] nachtr. H; die freigelassene Lücke hat J.P. auszufüllen vergessen 8 der] aus ihrer H 12f. hieng alles] aus kam es H 14 vielerlei] aus viele H 15f. den .. mich] aus dem .. mir H 19 viel] nachtr. H 27 genommen hast] aus nehmen kont[est] H 29 kleinliche] nachtr. H 31 habe] aus hatte H 247,8Imhofs H 9 schon jezt] nachtr. H ansehnliches] nachtr. H damit bis 10 wegkauft] nachtr. H 10 des Lobs] nachtr. H 19 was] aus das H 20 Nachbarschaft] aus Gegend H 22 französische Jugend] nachtr. H 31 flekt. —] danach gestr. Johanniter Bier? — H 32 von hier ab nach J 1 248 , 7 „Die Satiren J 1
Mit dem Manuskript des Titan-Anhangs; angekommen 15. Nov. 245,29 Mundsperre: s. 233,1 ff. 246,8 Geschichte ihres Vaters: vgl. IV. Abt. (Br. an J. P.), III.2, Nr. 268. 11 Jena: Sophie Mereau? vgl. 125,31 †. 12 Gotha: vgl. 378,16 . 16ff. Tieffurter: s. Nr. 291†; Otto hatte geschrieben, er habe gegen diese Verbindung (von der ihm Jean Paul in Hof erzählt hatte) gleich Bedenken gehabt: „es kam mir vor, als ob — die Anweisung der Knebel un- und abgerechnet — eine zu große Unterordnung und von deiner Seite sogar das Gefühl derselben, das der gerechten, geschweige denn der erhebenden Achtung zu sehr Eintrag thut, vorhanden sei.“ 31 Der Geburtstag der Herzogin-Mutter war am 24. Oktober. 34f. Otto hatte seinen Glückwunsch zur Verlobung durch eine Äußerung seines „Miß trauens gegen das Erlangen jugendlicher Wünsche“ eingeschränkt. 36 Karoline Liebmann. 247,3 f. „Die Zauberlaterne oder der Wanderer aus der Hölle“, Leipzig u. Gera (Heinsius) 1799, von Heinrich von Spangen berg (s. Bd. I, zu Nr. 240; Zeitschrift für Bücherfreunde, 1912/13, S. 380). 8–11 „Die Schwestern von Lesbos“ von Amalie von Imhoff in Schillers Musenalmanach auf 1800; die Heldin des Epos heißt Simaitha. 13 Hermanni von der Hardt Rerum Concilii Constantiensis oecumen. Tom. I—VI, Frankf. 1700 (s. den Katalog der Herderschen Bibliothek, Nr. 8—10); vgl. zu Nr. 39. 14 Mit tri-schließt die Briefseite. 17f. Wern lein war zum Rektor in Wunsiedel ernannt worden; die Pfarre St. Johannis bei Bayreuth, auf die er gehofft hatte (vgl. 207,18 †), war Ellrodt zugefallen. 27f. Es handelt sich um den Aufsatz „Meine vielen und er heblichen Rollen usw.“ (I. Abt., I, 332—341), der aber trotz Ottos Zuraten nicht in den Titan-Anhang aufgenommen wurde. 33 Weber: s. 178 , 25 †. 34 f. Samuel war beim Kommerzienrat Maier in Hof (s. Bd. I, Nr. 173†) als Schreiber untergekommen; Otto hatte geraten, wenn Samuel Gehalt bekomme, solle Jean Paul seine Unterstützung einziehen. 248,6 ff. Otto hatte Bedenken gegen das Dedizieren des Titan an die vier fürstlichen Schwestern geäußert, da die Solms seit ihrer zweiten Verheiratung in einer Art Verbannung vom Berliner Hof lebe, und da die satirischen Wochenblätter des Anhangs vielleicht Anstößiges enthielten; Richter solle vorher in Hildburghausen anfragen (vgl. Nr. 344). 12 wieder: vgl. 57,35 . — Nach A scheint im letzten Teil des Briefs im Druck eine Stelle ausgelassen zu sein, wo Jean Paul den von Otto in B im Namen Emanuels geäußerten Wunsch, er möge dem jüdischen Ehepaar (s. Nr. 257†) noch einmal schreiben, als schwer erfüllbar bezeichnete (s. aber Nr. 371).

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

(*) 339. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 245-248 (Brieftext); 477-478 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Weimar, 2. November 1799 bis 7. November 1799. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_339 >


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