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281,31
Weimar d. 27. Jenn. 1800.

Guter Bruder! Den angenehmsten Brief für dieses Jahr hab’ ich
wahrscheinlich schon erhalten, den deinen. Für jedes Wort bring’ ich282,1
dir einen Dank — und zugleich die Antwort erstlich auf den weissen,
dan auf den grünen.

1. Der Clavis wird besonders und vermehrt und erhellet gedrukt,
aber nur einmal. Besorge keine Verschiebung des Gebäudes. Ich282,5
kont’ es mir nicht abgewinnen, dasselbe Kind dem Publikum zugleich
als bekehrten Schächer und als unbusfertigen zu schicken. — Mit
Frühlings-Freude gebähr’ ich den Clavis wieder, da ich darin philoso
phieren und spassen zugleich kan, welche Dinge mich unter dem
Machen ins Feuer sezen, indes ich in dramatischen Darstellungen vorher282,10
im Feuer sein mus zum Machen. — Der gute Reinhold ist weniger
schwankend als durchsichtig; 100 Philosophen durchgehen eben solche
Vischnu’s Verwandlungen wie er, zeigen aber der Welt nur die lezte.
— Aber, Heinrich! wer ist die Clairvoyante, die Titanide, die so
schreiben kan, die Verfass[erin] der Stelle an deine Schwester? 282,15
Welches herliche Weib! Die Herders vermuthen, es sei eine Stolberg,
von der sie mir manches malten, was es bestätigte. Deine Leserin
und Zuhörerin mus sie auch sein. — Die Fichtianer trugen schon
deinen ungedrukten Brief freudig, zumal über dein Lob, herum.
H. v. Hardenberg — ein Fichtianer, es ist der Novalis im Athenäum 282,20
— war entzükt über ihn. Dieser erzählte mir vor einem Jahr in Leipzig,
wie es mit Fr. Schlegel, dessen Freund er ist, gegangen sei. „Er habe
(verzeih mir einige unheilige Worte) alle deine Werke auf einmal
studiert, verschlungen, gepriesen, gesagt, er werde in seinem Leben
keine solche Zeile machen können; darauf sich immer tiefer hinein282,25
gearbeitet und endlich sei ihm Licht über den Woldem[arschen] Egois-
mus aufgegangen etc.“ Der Spizbube ist dir gut, wie mir, ob er mich
gleich zu skalpieren versucht.
d. 29. J.

Du hast mein ganzes Herz wie mit einem neuen Schmerz gerührt,282,30
da du mich an deine Leiden erinnertest. Man schwebt im Empyräum
der Liebe und der Phantasie oft Jahre lang herum, ohne nur einmal
sich das geliebte ferne Wesen in einem Schmerze vorzustellen; aber
dan erschrikt man und er thut einem desto weher. Warum must du
leiden, mein guter Heinrich?282,35

Wirf doch die Philosophie deiner Gesundheit wegen eine Zeitlang283,1
weg und athme nicht immer in diesem Giftfang. Hast du nicht Dicht
kunst und alles andere vor dir? —

Jezt zum grünen Brief. Studiert hab’ ich eigentlich Fichte nicht —
und keinen Philosophen ausser dich, der du mir anfangs klar und doch283,5
jährlich klärer vorkamst —; da ich den Schlüssel d. i. die Prinzipien
hatte, kont’ ich blättern —; mein Körper leidet seine mir süsse Lektüre
nicht lange —; mit dem Schlüssel giebt sich alles und man könte in
seine Seele hinein seine künftige Ästhetik deduzieren. — Deine Rügen,
wofür ich dir innig danke, sollen Früchte tragen und haben schon283,10
Blüten. — Gieb mir doch an, wo Gerstenbergs Kategorien-Versuch
und dessen Brief über deinen stehen. — Habe Dank für die ersparte
Sünde gegen den treflichen Bader; ich kante Bruchstücke seiner Systeme
nur aus Hardenbergs Schilderung und — Lob. — Dein Wille über
Neeb geschieht. — Bouterweks vortrefliche Apodiktik in 2 Bänden, 283,15
worin ich erst geblättert, ist wieder ein haltbarer Fels unter dem
philosophischen Schaum. — Schad’s Darstellung der Leibge[be]rei,
die ich eben bekommen, ist sehr hel. — So hat mich der Teufel jezt
in die Philosophie hineingeholet. —

Das Taschenbuch, (das Böttiger im Merkur sehr pries) wie mir 283,20
der Buchhändler hier sagte, „gieng stark“, was viel im kargen dürftigen
Weimar ist, wo man nur Bücher macht und nicht kauft. Das sei dir
genug. — Wenn du mich zwingst, geb’ ich freilich wieder etwas dazu;
aber etwas anders als eine Satire begehre nicht. — Fichte und Fried.
Schlegel sind seit langen in Jena. Was hältst du von Tiek? 283,25
d. 4. Febr.

Heute schliess ich den Clavis, den ich erstlich umgearbeitet zweitens
fast gerade verdoppelt habe. Ich wolte, du erlaubtest mir, ihn dir
zu dedizieren und deine Beistimmung zu offenbaren, wodurch ich frei
lich mehr mir als dir dediziere. Es mus dir aber nicht im Geringsten283,30
enge machen; entscheid’ es daher nicht gefällig, sondern vertrauend.

Der voltairische göthische Mahomet wurde hier gegeben und hat
Herder und mich u. a. durch alle Fehler der gallischen Bühne auf
einmal — die nicht die Kulisse der shakesp[earschen] oder griechischen
zu sein verdient — erzürnt und gepeinigt. Mich erfaste noch der Grol283,35
gegen die grosse Welt, die ewig der kalten und doch grausamen un
poetischen Zeremonial-Bühne der Gallier anhieng und anhängt, weil 284,1
sie selber auf einer frappant ähnlichen agiert.

Mit Herder leb’ ich, wiewohl immer in philosophischen Kriegen,
im alten Seelenbunde und noch enger fort; fast einen Tag über den
andern sehen wir uns. Blutig werd’ ich aus dieser liebenden Familie 284,5
scheiden. Denn ich hasse Weimar und räum’ es, wenn ich meine Caro-
line
habe. Von dieser wil ich dir in einem andern Briefe schreiben, und
über manches andere in deinem.

Die Apodiktik bezaubert mich durch den Scharfsin und die herliche
Entwiklung; ich kan kaum los. — Wieland kan man lieben, wie man 284,10
ein schönes Kind liebt; man erwartet nicht, daß es einen wieder liebe.
Das Gleichnis gehört deiner Sülli.

Leb wohl, mein Theuerer! Mit Sehnsucht und Liebe grüss’ ich deine
Schwestern. Lebe wohl!

Richter

Sende deine Briefe auf dem alten Wege. Meiner geht erst über284,15
morgen ab.

H: Berlin JP. 4 S. 4° u. 2 S. 8°. Präsentat: Jean Paul. abg. v. Weimar d. 6ten Febr. 1800, e. d. 15ten Febr., b. d. 23ten. (nicht erhalten) K: Jacobi 27 Jenn. abgesch. 6 Feb. J: Jacobi S. 42. B 1: IV. Abt., III.2, Nr. 298. B 2: IV. Abt., III.2, Nr. 301 (auf grünem Papier). 282 , 1 bring’] aus sag’ H 9 unter dem] durch K 10 in] bei K 14 die Titanide,] nachtr. H 18 schon] nachtr. H 32f. einmal sich] aus daran zu denken, daß H 35 guter] lieber K 283 , 5 klar] danach warst K 6 vorkamst] wurdest K d. i. die Prinzipien] nachtr. H 15 Bouterwerks H 25 Tiek] aus Thiek H 27 erstlich] davor gestr. gern H 28 fast] nachtr. H 36 grosse] aus höhe[re] H und doch grausamen] nachtr. H 284 , 3 wiewohl bis Kriegen] nachtr. H 4 einen] davor gestr. alle H 7 schreiben] davor gestr. mehr H und bis 8 deinem] nachtr. H 15 Meiner] aus Dieser H
282 , 4 —7 Vgl. 278,15 —17. 11—18 Jacobi hatte in B 1 von Reinholds Begeisterung für Bardilis „Grundriß der ersten Logik“ (s. 268,12 †) erzählt und eine geistreiche Bemerkung mitgeteilt, die eine Freundin von ihm in einem Brief an seine Schwester über Reinholds ewiges Schwanken ge macht habe; Jean Paul schreibt dazu an den Rand: Himmel! was giebts für Weiber jezt! Wie viel fehlt, so schreiben sie zulezt eben so gut wie ein Helfrecht, Müller, Vogel, Clöter! (Gemeint sind Rektor Helfrecht, Trogen prediger Müller, Aktuar Vogel und Amstverwalter Cloeter.) Die Schreiberin war die Gräfin Luise Stolberg, die Gattin Christians (1746—1824). 22—28 Herder schreibt am 10. Dez. 1798 an Jacobi: „Man hat mir gesagt, daß er [Friedrich Schlegel] Deine Werke mit dem größten Entzücken gelesen und sich immer tiefer hineingelesen, bis er Dir zur Dankbarkeit die Rezension herausquoll.“ (Herders Nachlaß II, 318.) 283,11 f. Gersten berg: „Die Theorie der Kategorien, entwickelt und erläutert“, Altona 1795, und „Aus einem Briefe an Herrn Geh. Rath Jacobi über eine Stelle in seiner neuesten Schrift [dem Brief an Fichte]“ im Genius der Zeit, Febr. 1800, S. 137; vgl. 298,15 f. 12—14 Jean Paul hatte vermutlich im Clavis eine abfällige Bemerkung über Franz Baader gemacht und Jacobi ihm darauf hin einen Brief von B. geschickt, s. IV. Abt. (Br. an J. P.), III.2, Nr. 305. 14—18 Neeb, Bouterwek, Schad: vgl. I.Abt., IX, 475, 498, 459 (Fußnoten). 20 Das Überflüssige Taschenbuch wurde im Deutschen Merkur v. Dez. 1799, S. 369, besprochen. 21 Buchhändler: Hoffmann. 32ff. Die Erstauf- führung des Mahomet war am 30. Jan. 1800; vgl. I.Abt., XI, 326,14ff. 284,12 Sülli: in Jacobis „Allwill“, Königsberg 1792, S. 22.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

391. An Jacobi. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 281-284 (Brieftext); 490-491 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Heinrich Jacobi. Weimar, 27. Januar 1800 bis 4. Februar 1800. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_391 >


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