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Weimar d. 23 Feb. 1800.
293,15
Ihr Aufsaz ist schon unter der Presse samt einer Note worin Böttiger
Sie um mehrere Beiträge bittet. Diese bitt’ ich künftig nur an ihn zu
schicken; alzeit aber mit einem Brief an mich und mit der Erlaubnis,
mir jene holen zu lassen.

Die Prä-Exzerpten und das wandelnde Blat haben mich sehr er- 293,20
freuet und befriedigt. Aber für solche Blätter über Früchten haben wir
noch durchaus kein Publikum. Nur einige geschmeidige Leichtigkeit,
das Oel des Athleten müssen Sie sich noch erwerben.

Ihr Humisches Zerflattern und Zerfasern ist kein Humisches oder
spekulativisches, sondern ein schädlicher Traum der Phantasie, in deren293,25
Gewalt alles steht, sogar das Vorbilden, man sei nicht. Sie dürfen
diesem Spiel nicht nachgeben; auch aus einem individuellen Grunde
— weil Sie durch eine zu frühe Saturazion mit Wissen eigentlich
kein Bedürfnis des Wissens kanten und noch jezt das Sein mehr des
Scheins wegen verlangen. Für Sie ist die Wahrheits-Sonne mehr zum293,30
Genus des Aufgangs, zur Be- nicht Erleuchtung und zum Abmalen,
als zum Wärmen und Befruchten da. Sie werden — aber mühsam
und nach vielen Selbsttäuschungen — noch dahin kommen. — Hassen
Sie die Eitelkeit wie den Teufel der Brust, den Honigthau der besten
Blüten. — Und schreiben Sie mir nicht mehr im beschwerlichen Lang294,1
folio. — Die Würzburger Rezension, „die Sie gemacht haben möch-
ten“, hätten Sie besser gemacht und ohne jene dürftige zertriebene
Allegorie. „Pathetische Raketen, leuchtende Kugeln der Empfindungen,
Feuerräder der Wahrheit“ — das kan man alles versezen und Feuer294,5
räder der Empfindung etc. u. s. f. sagen. Nur die ganze Sinnesart
darin ist liberaler als ich bei einem Würzburger Rezensenten (weil das
eine Tavtologie oder Verdoppelung ist) zu finden hofte. — Goethe lies
hier den erbärmlichen Mahomet von Voltaire geben, woran nichts
gut ist als der Göthesche Vers. — Können Sie mir nicht Fichte über 294,10
die Bestimmung etc. gebunden leihen? — Ich mus zu meinem Clavis
auch diesen idealistischen Hokuspokus von ihm haben, wodurch er seine
casa santa in die breiten Lehrgebäude des gemeinen Verstandes
verstekt. — Mein Clavis hat bei einem grossen Philosophen und Ken-
ner der Fichterei so viel Beifal gefunden, daß ich ihn 2 mal solte 294,15
drucken lassen, einmal wie er ist, zum zweitenmal vergrössert. — Nur
allein das Studium Jacobis kan Sie vom Jahrhundert heilen. Fichte
erklärt Jacobi für den tiefsten Denker unserer Zeit und sezt ihn weit
über Kant; ich auch. Leben Sie wohl Lieber und schreiben Sie mir
bald und viel. —294,20

R.

Das Blätgen ist von Böttiger.

H: Berlin Varnh. 213 (derzeit BJK). 4 S. 8°. K: Thieriot 23 Febr. J: Denkw. 1,421× (der Schluß aus Nr. 414). B 1: IV. Abt., III.2, Nr. 302. B 2: IV. Abt., III.2, Nr. 315. B 3: IV. Abt., III.2, Nr. 322. A: IV. Abt., III.2, Nr. 330. 293 , 17 sie H 30 Wahrheits-Sonne] davor gestr. Wissens- aus wissens H 31 Be- nicht Erleuchtung] aus Beleuchtung H K 294 , 8 oder Verdoppelung] nachtr. H 16 zum zweitenmal] aus zweimal H
Angekommen erst 2. März 1800. Thieriot hatte mit B 1 zwei Aufsätze geschickt, „Exzerpte aus künftigen Schriften“, die im Deutschen Merkur, März 1800, S. 166—171, erschienen (die von Böttiger erbetene Fortsetzung im Mai-Heft, S. 14—19), und „Das wandelnde Blatt oder Allgemeine satyrische Ephemeren“ (Manuskript in Thieriots Nachlaß, Berlin Varnh.). 293,24 ff. In B 3 hatte sich Thieriot als einen „geborenen Humianer“ bezeichnet, der sich selber als ein zufälliges Gewebe von Vor stellungen vorkomme, nirgends Notwendigkeit erkenne, das Leben als Traum ansehe usw. 294,2 —8 Thieriot hatte mit B 2 die Abschrift einer Rezension von „Jean Pauls Briefen“ aus den Neuen Würzburger gelehrten Anzeigen v. 15. Jan. 1800, Nr. 4, gesandt, worin das Werk mit einem Feuerwerk verglichen wird. 14—16 Vgl. 285,7 f. 17—19 Fichte über Jacobi: s. zu Nr. 412.

Textgrundlage:

404. An Thieriot. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 3. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1959.

Seite(n): 293-294 (Brieftext); 494-495 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Paul Emile Thieriot. Weimar, 23. Februar 1800. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=III_404 >


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