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76,7
Hof. d. 15 Apr. 95 .

Mein guter Guter,

Gerade in der Stunde, wo ich Ihren Brief weglege, fang’ ich meinen76,10
an. Ihrer ist für mich ein Katheder oder vielmehr ein Hohlspiegel, der
mir im Rauche der Worte den abgeschiedenen Geist des Judenthums
schwebend darstelt. — Mein Brief sol ein Sekundawechsel des Ihrigen
sein oder vielmehr eine 2te Auflage desselben.

Erstlich über mein „Leider hab’ ich mehr über als von den Juden 76,15
gelesen“ Das kan nichts heissen als ich beklag’ es, daß ich die Unter
drükten fast blos aus dem Munde der Unterdrücker kenne — daß
Christen die Portraitmaler der Juden sind, denen nicht mehr zu glauben
ist als wenn Juden die Portraitmaler der Christen sind. Denn der feine
Geist jedes Volkes — eines so unähnlichen zumal — verdampft wie76,20
jeder Spiritus, in allen Schilderungen; und nur aus der Geschichte, dem
Leben und den Schriften des Volkes selber ist sein spiritus rector, sein
Lebensgeist rein abzudunsten und zu kohobieren.
d. 23 April.
Allerdings haben Sie Recht, daß der Talmudist sich in den äusser- 76,25
sten Gränzen seiner Bestimmungen gefalle; auch darin haben Sie
Recht, womit Sie ihn rechtfertigen, daß einer nämlich, der über ein
kleines Gesez wegschreitet, endlich auch das grosse überspringe. Aber
damit ist der Talmudist wenig gerettet. Zwar wird man tugendhaft
auf einmal, d. h. durch einen plözlichen ewigen Entschlus, durch so76,30
genante Bekehrung, die aber noch keine Tugendfertigkeit ist, und laster
haft wird man almählig, jeden Tag sezet eine trübe Welle neuen
Schlam ab — und ich sage in meinen Hundsposttagen: „die Tugend
zieht nur durch Portale in uns ein, aber der Teufel durchs Fenster und
durch Sphinkter und alle Poren.“ Allein ich behaupte, der Talmud76,35
entkräftet durch Zeremonien die Tugend. Man kan nach dem Münz77,1
fus aller Zeremonien leben, ohne eine einzige Neigung — was gerade
schwer ist — unter den Prägstok der Moral zu bringen. Es ist dem
eiteln Menschen leichter, die Lumpen der Mönche anzulegen als ein
simples Kleid. Man solte denken, wenn man lieset, daß so viele Brami- 77,5
nen 50 Jahre lange aus Religion in die Sonne oder auf die Nase sehen,
auf Einem Beine stehen, Schlaf entrathen und die höchsten Martern an
sich fortsezen — oder daß so viele unserer Mönche und Heiligen sich todt
geiseln, todt beten, todt hungern, — — man solte denken, sag’ ich, solche
Aufopferungen müsten die kleinern, die die Tugend fodert, voraussezen77,10
und es müste eben so viele Tugendhafte als Heilige und Märtyrer
geben .... Und es ist doch nicht so: die Ursache ist, alle jene Büssungen,
jene Zeremonien vertragen sich leicht mit der grösten Wildnis des
Herzens und es ist viel leichter, die ganze Thora des Talmuds als ein
einziges Reglement aus der Thora des Gewissens zu befolgen. Dazu77,15
macht der talmudische Sachsenspiegel den Menschen kleinlich und eng:
die edle Seele steigt über religiöse Zeremonien so gut auf als über
bürgerliche und dringt in den reinen grossen Himmel. Noch in der
andern Welt werden wir auf unsere Tugenden, Aufopferungen und
Thränen in dieser ohne Verachtung niederblicken; aber vergängliche77,20
Dinge, solche wie Enthaltung von Todten-Berühren, wo eben so gut
das Gegentheil geboten sein könte, müssen uns dort winzig erscheinen wie
die warme Erdenkruste des Körpers, an den sie gebunden sind. Ueber
haupt hängt Ihrer sonst scharfsinnigen Nazion — deren Physiognomie
durchgängig die scharfe mit vordringenden festen Gesichttheilen77,25
schneidende des Scharfsins ist (ich habe noch an keinem Juden die wie
eine Wanze zerdrükte Kalmükennase bemerkt) — etwas mikrologisches
an, was ich gern zum Sohne des Talmuds und der Masora machen
möchte, wenn es nicht der Vater beider wäre. — In der Kabbala ist 78,1
mehr Philosophie, (in Dichtkunst vererzt,) als in jenen beiden.

Alles was wir körperlich oder äusserlich vor dem Unendlichen thun,
kurz was nicht Gedanke ist, also alles laute Beten, Knien, Hände
falten, ist Zeremonie, nicht Tugend (obwol Aeusserung der Tugend)78,5
und alles das könte eben so gut im Gegentheil bestehen: es wäre eben
so from, wenn ich beim Beten aufstände als niederfiele, den Kopf
bedekte (wie die Römer) als entblöste. Also folgt daraus gegen alle
Zeremonien — nicht das Geringste. Wir armen vom Fleisch-Panzer
umklammerten Menschen, wir öden in die scharfen Ketten des Körpers78,10
geworfnen Seelen, wir müssen, wenn unser edles Ich seine Flügel auf
schlägt, diese innere Bewegung durch eine äussere unsers Gehäuses
offenbaren. Wie? ist denn z. B. die geringste Aehnlichkeit, das geringste
Verhältnis zwischen dem Druk der Hand oder der Lippe und zwischen dem
liebenden heissen Gefühle, das mit jenem Druk schmerzhaft-süs aus78,15
seinem Kerker an den andern Leibes-Kerker der geliebten Seele klopft?
Wenn ich vol Liebe meine Arme um die geliebte Gestalt herumlege: ist
denn da zwischen diesem Zeichen und der bezeichneten Sache die mindeste
Aehnlichkeit, da oft der Grol eben so gut umfasset, um zu erwürgen?
— Könte das Schütteln des Kopfes, das bei allen Völkern Nein be78,20
deutet, nicht eben so gut ein Ja anzeigen? Also da unsere beklommene
Seele keine Zunge und keine Farbe für ihre Bilder hat: so verschmähe
niemand die Farben, die sie im Drange der Empfindung ergreift. O der
arme Mensch! kan, wenn er auch den ganzen Tag darüber philoso
phieret hat, dieser kan wenn er draussen vor der untersinkenden Sonne78,25
steht, die milde und gros zur anderen Halbkugel hinunterzieht und die
der unsrigen an den Blüten und Bergen die Gesundheitsröthe eines
sanft erwärmten Tages nachlässet, und wenn er als ein Wunder unter
Wundern steht, als ein Glüklicher unter Glüklichen, als ein ewiger Geist
unter den ewigen Körpern um ihn her, dieser Mensch kan abends, wenn78,30
er endlich in den Himmel, aus dem die Sonne gesunken ist, aufblikt zum
grossen glimmenden Blau, in dem entflogne Funken des Thrones eines
Ewigen schillern, dieser mus, von der Algewalt der Schöpfung nieder
gedrükt, auf die schwachen Menschenkniee stürzen und beten: „du Un
„endlicher, dein Geschöpf sinket zusammen, wenn du erscheinest, ach ich78,35
„werfe gerne dieses Angesicht aus Erde, dieses Herz aus Erde auf deine
„Erde nieder, denn ich wil dir nicht danken, sondern nur zertrümmert
„und brennend und verstummend reden.“ — O jedes Zeichen der An79,1
dacht ist ehrwürdig, unter jedem Volk — wir haben alle dasselbe Herz
und denselben Gott, und unsere kleinen Verschiedenheiten sind gewislich
diesem ewigen Geiste nur — Aehnlichkeiten.

— — Ich habe mich in Flammen geschrieben über Dinge, wo ich79,5
stat Zeilen Bogen brauchte, wie über mehrere Dinge Ihres lieblichen
Briefes. Leben Sie wol, liebe tugendhafte Seele! — Ich werde jezt zu
unserer sanften Freundin R[enate] gehen und sie fragen: „sol ich denn
„keinen Grus von Ihnen an unsern Liebling mitschreiben“ und sie wird
mit froh-schimmernden Augen sagen: „Richter, alle meine Grüsse sind79,10
„schon in Ihrem Herzen und schicken Sie sie nur alle hinaus.“ — Und
da sind sie! —

Richter


H: Bibl. Gotha. 8 S. 4°. K: d. 23 Apr. Emanuel. J 1: Morgenblatt, 22. Juli 1828, Nr. 175×. J 2: Nachlaß 5,237×. J 3: Denkw. 1,19×. B: IV. Abt., II, Nr. 31. 77 , 3 unter den] aus nach dem H 4 eiteln] nachtr. H 5 so viele] aus die H 8 so viele unserer] aus unsere H 22 dort] nachtr. H 25 Gesichts theilen K 28 zum Sohne] aus zum Vater aus zur Wirkung H 78,9 mit nicht beginnt eine neue Seite H 10 wir öden] nachtr. H 11 geworfnen Seelen] aus geworfne Seele H 15 mit jenem] aus sich durch jenen H 26 zur anderen Halbkugel hinunterzieht] aus über die andere Halbkugel aufzieht H 79 , 1 reden] aus danken H 3 gewislich] aus gewis H 4 diesem ewigen Geiste] dem Ewigen K
76 , 15 f. Vgl. 68,31f.; Emanuel hatte dazu bemerkt: „Sie glauben nicht, wie sehr mir dies ‚leider!‘ aufgefallen, und wie ich es nicht aus den Augen bringen kann.“ Er hatte dann die Kleinlichkeit der jüdischen Lehrer zu erklären versucht: „... wenn wir uns in ihre Bildersprache gefunden, erscheinen sie uns anders. Vor allem bedenken Sie, daß der Talmudist eine Größe darin sucht, die äußerste Grenze eines jeden Dings nicht nur, sondern einen jeden Weg aus weitester Entfernung zu dieser Grenze aufzu suchen, und in der Übertretung eines ganz unbedeutenden Gesetzes schon die Verletzung der wichtigsten vorauszusehen.“ 33–35 I. Abt., III, 347,33f. 77,24–27 Vgl. Bd. I, 235, Nr. 210. 34–37 Vgl. I. Abt., V, 77,11f. 79,1–4 Vgl. I. Abt., XII, 133,13–19 (Levana, § 40).

Textgrundlage:

102. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 76-79 (Brieftext); 414-415 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 15. April 1795 bis 23. April 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_102 >


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