Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



Hof. d. 22 Mai 95.
85,13
Mein lieber Otto,

Du bezahlest unter allen Lesern meine Novitäten am theuersten —85,15
mit deiner Zeit und deiner Kraft, da du mir fast eben so viel zurük
schreibst als ich hin und da du jezt eben so sehr von Arbeiten angefallen
bist als ich. Dafür solst du das Recht haben — welches ich mir auch
nehme und nehmen werde — daß du deine Werke an mich, zu jeder
Stunde auf eine Stunde, zum Gebrauche fodern darfst. Ich hab es85,20
unterstrichen, weil ich leider merke, daß du mir bisher so unter [der]
Hand fast alles dein Eigenthum — stiehlst; aber sei so gut und schicke
mir wieder: 1. das über die Weiber — 2. das alte über Fälbel —
3. das Alte über den Hesperus — 4. das neuere über Fixle[i]n —
und 5. das neueste hier, das ich schon morgen haben mus bei meinem85,25
Umarbeiten.

Ich bekomme allemal, das weis ich voraus, durch deine Urtheile
über meine ernsthaften Skripturen eine sonderbare bittersüsse weh
müthige Stimmung, die aus der Freude über dich und deinen steigenden
Werth, aus der Liebe zu deiner Liebe und gegen deine Moralität und85,30
aus der Freude über mich, aber auch aus dem Gefühle wie wenig noch
meine Seele ist wie sie sein solte zusammenklingt. Ich bin dan unaus
sprechlich gerührt und vol Vorwürfe gegen mich und vol guter Ent
schlüsse. Hätt ich gestern geschrieben, so hättest du ein Freudelisches
Klaglibel gegen den bösen Dämon in mir erhalten. Mein Hesperus 85,35
würde mich, wenn ich ihn läse, bessern; aber ihn zu machen, ist etwas86,1
anders: wie der Poet durch das Darstellen das ganze Welttheater
immer mehr von sich wegrükt, wie er sich selber immer mehr ab
sondert vom Schattengewühl seiner guten und schlimmen Personagen:
so hat also die Tugend, die er darstelt, Antheil an diesem Schiksal der86,5
Abtrennung; seine Gefühle wachsen mit seiner Besonnenheit und Er
ist immer auf eine zweideutige Art getrent von oder erhaben über seine
Zustände. Dazu kömt noch: die moralische Kraft in uns drängt sich wie
eine schwellende Laubknospe, eben so gut nach Entfaltung, nach
Ausbruch als alle übrigen: entweder durch Thaten oder durch das86,10
üppige Aufschiessen in Schriften. So würden wir, wenn wir politische
Freiheit genössen, nicht die geringste Freude haben, über sie zu
schreiben.

Gegen diese gerade dem höchsten Enthusiasmus benachbarte Er
schlaffung giebts zwei Stärkungsmittel, ein kleineres — das ist das86,15
Lesen fremder Werke, die uns dan desto mehr überwältigen und die
wieder die Szenen in uns verlegen, die wir schreibend in fremde
Karaktere verlegten — und ein grosses; das ist fremdes Beispiel:
dieses zieht almächtig in die Höhe und gerade einer, der sich durch
Phantasieren verdorben hat, müste unter Engeln einer werden.86,20
Und dieses Beispiel giebst du mir, mein Freund, und dafür habe dein
so vielen Aufopferungen blosgegebnes Herz Dank. Es presset mir
Thränen in die Augen, wenn ich mir dich einmal ganz glüklich denke
mit allen deinen Wünschen und mit denen, die du schon aufgegeben —
ich habe mich oft mit den ausgemalten Träumen von der höchsten86,25
reinsten Glükseligkeit meiner Freunde (wie ichs jezt mit Herman thue)
erquikt und verwundet, aber ich bin trübe aufgewacht.

Die ersten 2 Seiten „über die Magie etc.“ schreib’ ich um, wegen
ihrer Finsternis (nicht Dunkelheit) und wegen deiner Anmerkungen.
Ich habe aber nicht die Phantasie verkörpert, wie du meinst, sondern86,30
nur die Sinne vergeistigt und eben dadurch beide einander zugerücket:
denn auch bei den 5 Sinnen bildet sich die Seele nach ihren eignen
Gesezen und mit ihrer Kraft allein, die SinnenEmpfindungen; die
Erschütterung des SehNervens giebt dem Auge (oder Körper) nicht
mehr Antheil an der Gesichtsempfindung als die Erschütterung der86,35
Gehirnfiber, der Phantasie bei der Erinnerung jener Gesichts
empfindung nimt. Wie SinnenNerven zu den Empfindungen, so
verhalten sich die Gehirnnerven (oder Gehirnfibern oder Nerven87,1
geister, kurz der körperliche Antheil) zu den Phantasien.

Aber — ich zeige dir ja ohnehin das umgeschriebene Blat.

Das was du über den 29 April schreibst, gieng sanft in mich;
mögen deine nächsten Maitage auch solche 29te Aprile für dich sein87,5
wie jener für mich. —

Briefe von Bayreuth aus an dich von mir — erhältst du: bisher
gieng ich nur allemal zugleich mit der Post fort und zurük.

Ich glaubte deiner Anmerkung über den pädagogischen Styl längst,
und ich habe daher wie du weist meinen armen Fixlein z. B. sagen lassen: 87,10
„Das Feld der Geschichte ist, bildlich zu reden, noch nicht ange
bauet“ — so leeres Stroh dreschen, historischen Zweig bearbeiten. —
Aber nach dieser Regel müst’ ich noch 100 mal mehr Worte weg
nehmen als du mir anräth[st]: (solche wie „einsargen“ „Korallenbank“
taugen nichts) Fälbel wil aber eben, wie [du] aus seinem Französisch, 87,15
seinem savoir vivre, seiner Auskramung der juristischen Kentnisse
siehst, kein gewöhnlicher Schulman sein; und er sol auch nur ein
Pedant im Karakter, nicht im Styl sein, der meines Erachtens zumal
für einen Schulman nicht ganz schlecht ist.

Über den Philologen — Eyl — und Helfrecht habt ihr beide Recht, 87,20
du und die Moral: es sol weg. Deine Bemerkung und ihr Beweis —
die Anspielungen betreffend — ist schön. Ich hab es oft gefühlt: so
mus man lieber Anspielungen von den Extra-Städten als von kleinen
nehmen, lieber von kleinen europäischen als grossen asiatischen etc.
Aber der künftige Mangel an Verständlichkeit kan nicht jezt, wo87,25
ichs verstehe, Misvergnügen über solche Anspielungen erzeugen. Z. B.
wenn ich sage: der Mensch mus auf seinem Lebenstheater erschüttert
werden, um (moralisch) heil zu werden, wie jener Schäfer in Leimiz
allemal an seinen Betfus klopfen lies, wenn er Reissen in seinem eignen
Fusse hatte: (es ist kein Wort wahr) so ist das schlechter als wenn ich87,30
sage: so wie der Teich von Bethesda nur bewegt offizinel war;
und doch ist dieses noch besser: so wie die Gewächse nach den Er
schütterungen der Vulkane am stärksten wachsen. — Es mus der
Grund irgendwo anders liegen.

Das Scharfsinnige was du über die Liebe sagst, wil ich zu dem 87,35
Aufsaze benuzen, den [du] mir anräthst und zu dem ich gestern in der
Schreibtafel draussen Zufuhr eingetragen. Ich wolte in diesen Brief
etwas hereinbringen; aber ich merke wol, daß ich darüber mit88,1
2, 3 Bögen gar nicht anfangen darf. Also auf diesen Theil deines Briefs
kömt erst die Antwort. Wenn ein grosser Man eine grosse Laterne hat:
so wird er wie bei uns zu Nachts, die die ihm nicht nahe genug
stehen, nur desto blinder machen; daher giebt jezt das kantische System 88,5
wie jedes neue grosse, eine Zeitlang allen Köpfen Einseitigkeit und
Fesseln: das starke Licht wird selber Gegenstand und stellet sich also
zwischen die Gegenstände. Blos dem nuzt jenes System, der schon
vorher sein System hatte und ders also in seines zerlassen kan, oder
dem Man von Kraft wie Jakobi; und blos dem schadet es nicht, 88,10
ders — nicht studiert hat, z. B. ich und es kan also nicht Herr über
mich werden. Solt ichs aber einmal versehen und die kritische Philo-
sophie wirklich davontragen: so wäre mir nimmer zu helfen und ich
müste völlig denken wie sie es haben wolte.

Über die andern Punkte deines Briefs wil ich heute abends mit88,15
dir reden, aus Mangel an Zeit. Habe noch einmal Dank für alles
womit du deine Liebe offenbarst gegen deinen

Freund
Richter.

Abends gieb mir 3 rtl., weil du nicht da bist, und weil die Feiertage88,20
da sind

H: Berlin JP. 7 S. 4°. K (nachtr. im 4. Briefbuch nach Nr. 110) ohne Überschrift. J: Otto 1,255×. B: IV. Abt., II, Nr. 37. 85 , 21 leider] aus mir H 22 sei] davor es H 28f. bittersüsse wehmüthige] nachtr. H 30 Liebe2] nachtr. H 86,5f. der Abtrennung] nachtr. H 7 von] nachtr. H, fehlt K 12 über] nachtr. H 16 Werke] Bücher K 27 aber] aus und H 34 Seh] nachtr. H dem Auge] aus den Sinnen H 36 der Phantasie] aus dem Gehirn H 37 Nerven] nachtr. H 87 , 1 verhalten sich die] nachtr. H 10 wie du weist] nachtr. H 26 Misvergnügen] davor gestr. das üble Gefühl H 33 — Es bis 34 liegen.] nachtr. H 88 , 6 eine Zeitlang] nachtr. H 7 selber] nachtr. H 8 jenes System] aus es H 11 z. B.] aus so wie H 14 völlig] nachtr. H
85 , 23 f. das über die Weiber: es handelt sich vielleicht um eine Vor stufe zu dem „Testament für meine Töchter“, I. Abt., VII, 361—367; vgl. die Einl. dazu S. XXXIV. das alte über Fälbel: Abt. IV (Br. an J. P.), I, Nr. 123. über Hesperus: Bd. I, 561, Nr. 144. über Fixlein: IV. Abt. (Br. an J. P.), II, Nr. 30 und 37. 86,2–8 Vgl. II. Abt., V, 87, Nr. 193. 8–13 Vgl. I. Abt., V, 283,23ff. 30f. Vgl. I. Abt., V, 186,8–10. 87,4–8 Otto hatte in B erzählt, wie er den Nachmittag des 29. Aprils in Leimitz (bei Hof) verbracht, die schöne Natur genossen, in Jacobis Woldemar gelesen und an den in Bayreuth weilenden Richter gedacht habe; er hatte gebeten, Jean Paul möge ihm bei künftigen Aufenthalten in Bayreuth täglich schreiben. 9–19 Otto hatte u. a. Fälbels Vergleich seiner Bleifeder mit einer Leimrute und der Schreibtafeln der Schüler mit Salpeterwänden (I. Abt., V, 218,3ff.) beanstandet, da Schulmänner nur in toten Sprachen, besonders im Lateinischen, kühne Vergleiche anzuwenden pflegten, in ihrer Muttersprache aber keine oder doch nur naheliegende; vgl. I. Abt., V, 123,27ff. 20 Die betreffende Stelle in B ist nicht erhalten; vermutlich hatte Jean Paul Fälbels Aufenthalt in Thiersheim (I. Abt, V, 239) zu einer Anspielung auf den dort lebenden Amtsrichter Eyl (s. Bd. I, Nr. 299†) be nutzt. Über Helfrecht vgl. Bd. I, Nr. 351, 316,1†; seiner Schrift über das Fichtel gebirge (vgl. Nr. 144†) wird am Schluß des Fälbel rühmend gedacht. 35–37 Otto hatte in den beiden Aufsätzen über die Phantasie und die Liebe einen gemeinsamen Grundgedanken erkannt, das Verlangen der mensch lichen Seele nach dem Unendlichen, und den Wunsch geäußert, Jean Paul möge darüber noch einen eignen Aufsatz schreiben. 88 ,3ff. Auch hier fehlt die Stelle in B, auf die sich Jean Paul bezieht. 20 Feiertage: Pfingsten = 24. Mai 1795.

Erwähnungen im Kommentar:

Orte
Werke

Textgrundlage:

115. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 85-88 (Brieftext); 417-418 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 22. Mai 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_115 >


Zum XML/TEI-file des Briefes