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Hof d. 3 Jun. 95.
88,30
Mein Theuerster,

Hier ist endlich das Ende Ihres Exemplars — und das ganze für
H. Schäfer.

Meine Seele hat Ihnen schon lange nicht auf dem Briefpapier —
dafür desto mehr auf Drukpapier — die Hände reichen können; und88,35
am Ende ists auch einerlei, ob man einen gedrukt oder geschrieben89,1
lieset. Aber für den, der nichts kriegt, weder Gedruktes noch Ge
schriebenes, wie ich, ists zweierlei. Schreiben Sie mir recht bald und
zwar einige Empfindungen oder Urtheile über mein Buch.

Sie schrieben mir, es stände darin: „Gott denkt nur unserer wenn89,5
wir seiner denken.“ Nein, ich habe gesagt: Gott denkt sich nur uns,
wenn wir ihn denken, d. h. unsere Idee von ihm ist so klein, daß die,
die er von uns hat, gerade die ist, die wir von ihm haben, oder unser
Bild von Gott sieht in den götlichen Gedanken seinem Bilde von uns
gleich. Ihrem Namensvetter durft’ ich schon diesen kühnen Gedanken89,10
in den Mund legen.

Gewisse feurige Kapitel lesen Sie in Einem Size, weil die Theilung
soviel ist als besucht’ ich heute den 1 Akt einer Tragödie und am
fünften Tage den 5ten. Solche sind das 28 — 31 — 33 — 34 —
35 — 36 — 38 — 42 — Auch blättern Sie nicht voraus, Sie zer89,15
stöhren Sich die ganze Täuschung.

In wenig Wochen wird Ihr Strichvogel, ich, wieder sein wärmeres
Klima aufsuchen, Bayreuth.

Ich habe noch immer so viel zu machen, daß ich keinen Brief
machen kan. Auch wirbeln mich die Strudel des neu aufquellenden89,20
Frühlings umher und die Natur bindet einen [!] mit ihren langen
Blumenketten die Hände zum Schreiben.

Ich suche mich noch immer bei meinem Gefühle zu entschuldigen,
daß ich von der Freundschaft des H. Schäfers einen so eigennüzigen
Gebrauch gemacht; und auf Sie leg’ ich die halbe Schuld, da Sie meine89,25
blosse Frage so schnel und so gütig in eine Bitte verwandelt haben.

Renate schikt Ihnen 10000 etc. Grüsse mit.

Leben Sie wol, Lieber und übergeben Sie Ihrem und meinem
Freunde auch Grüsse von

Ihrem89,30
Freund
Richter.


H: Bibl. Gotha. 4 S. 4°. K: Eman. 3 Jun. J 1: Morgenblatt, 20. Aug. 1828, Nr. 200. J 2: Nachlaß 5,242. J 3: Denkw. 1,28. B: IV. Abt., II, Nr. 34. A: IV. Abt., II, Nr. 38. Vermerk Emanuels auf H: d. 8 ten Juny beantw. 88,34 dem] nachtr. H 89,14 31] danach gestr. 32 H
89 , 6 f. I. Abt., III, 404,8f. (am Schluß des 25. Hundsposttags).

Textgrundlage:

117. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 88-89 (Brieftext); 418 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 3. Juni 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_117 >


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