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[ Hof, 13. Juni 1795 ]
92,22
Ich wünsch[t]e ich wäre so zufrieden mit mir wie mit Ihnen und
meine Bitte wäre so gerecht gewesen als mein Dank es ist. Ein
Mensch, der die Welt nicht eher sieht als bis er sie schildert und den92,25
immer die Flamme der Phantasie wie einen Bratenwender in Be
wegung sezt, mus sich an einen transszend[enten] Brunnenarzt an
schliessen, bei dem es zweifelhaft ist, welche von 2 Kontrarietäten er
im grössern Grade habe, Tugend oder Welt — Fechtergang im
merkantilischen Disputatorio — für einen andern aber nicht für mich92,30
könt’ ich leicht den litterarischen chargé d’affaires, den Todtschläger
machen. Im Wald würde mir mein Gewissen nur sehr hieroglyphisch
oder gar nicht erlauben, mein Leben auf Kosten eines fremden räu
berischen zu retten; aber ein befreundetes so zu retten, dazu gäb’ es
nicht blos Erlaubnis sondern Befehl. Ich hebe meine Flügeldecken93,1
und meine Flügel wieder auf und flattere in Ihr[em] Elysium nieder. —
Ihre Furcht um [Ihren] Eleven ist so gros wie Ihr Verdienst. Der
Mensch wird nicht viel schneller verschlimmert als verbessert: nur, wie
er im enthusiastischen Eintrit in die aufsteigende Bahn die grössern93,5
Sprünge thut, so thut er im Eintrit in die niederwärtsgehende
anfangs die grössern Fälle. Es verliert sich — von Ihrem Samen
können einige Wochen wol einige Beete aber nicht die ganze Ernte
ertreten. Was den Guten ewig tröstet, ist: jedes Gute hat ewige
Folgen, aber nicht jedes Schlimme. Denn sonst da es mehr Böses als93,10
Gutes hienieden giebt, hätte das Unkraut wenigstens in arithmetischer
Progression längst alle Blumen ausgezehrt und überschattet. Über das
Verdienst, einen Fürsten zu bilden, welches grösser ist als das einer zu
sein, hat ein so kurzer Zufal keine Gewalt. Berechnen Sie die 1000
schlimmen Lagen jedes Guten und seine 10 guten: und dan hoffen 93,15
Sie von andern, was Sie von sich wissen. — Die Männer sind
fähiger von Weibern zu lernen als diese von ihnen — Weiber, die
Ton haben ohne Fülle, wie leere Gläser klingen.

K (nach Nr. 124): Schäfer 13 Jun. i: Nachlaß 4,258×. B: IV. Abt., II, Nr. 40. 92 , 30 Disputarurio 93 , 9 Guten] guten
Schäfer hatte mit B Lübecks vom 8. Juni datierte Antwort übersandt, worin der Buchhändler sich zum Verlage des Fixlein bereit erklärte und die gestellten Bedingungen einging, nur mit der Veränderung, daß er das Manuskript im ganzen berechne und dafür 180 fl. rh. überhaupt, und zwar 100 fl. sogleich und 80 fl. nach Vollendung des Drucks zu zahlen verspreche. Schäfer schrieb dazu, er habe vergeblich versucht, Lübeck wenigstens auf volle 200 fl. zu steigern, glaube aber, dieser werde, wenn Richter schriftlich oder mündlich darauf bestehe, am Ende nachgeben. (Vgl. den folgenden Brief.) 93,3ff. Schäfer hatte sich über die Fürstin Lichnowsky, die Mutter seines Zöglings, die seit 12 Tagen in Bayreuth sei, beklagt: „Sie hat eine lange schwere Schleppe und ich armer Teufel muß sie ihr den ganzen Tag nachtragen. Erst hat sie meinen Zögling bis auf Knochen und Mark verderbt, und nun, da ich kaum so glücklich war, ihm ein bischen gute Säfte beizubringen, kömmt sie, ihn aufs neue mit übertriebner mütter licher Zärtlichkeit zu vergiften ... Und doch ist sie sonst ein vernünftiges, liebenswürdiges Weib. Wollen Sie sie nicht kennenlernen? Sie sind ihr schon bekannt, denn sie liebt den Hesperus.“

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

127. An Hofrat Schäfer in Bayreuth. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 92-93 (Brieftext); 419-420 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Gottfried Andreas Schäfer. Hof, 13. Juni 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_127 >


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