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Bayreuth d. 20 Jun. 〈Sonabends〉 95 .
93,20
Lieber Otto

Wenn man an den andern aus einem Haus ins andre hinüber
schreibt: so mus man schon wenn nicht gute, doch einige Gedanken
haben und bringen. Schreibt man aber über eine Chaussee hinüber wie
ich: so brauchts das gar nicht — man nimt seine Historie und erzählt sie.93,25

Kurz Bayreuth ist mein Maienthal jezt, nur mangelts mir in
diesem englischen Garten an einer gescheuten himlischen Pygmalions —
Statue.

Las mich, Otto, springen wie ich wil — ich springe jezt auf den
Buchhändler Lübek. 200 fl. zieh ich für den römischen Verkauf meines 93,30
Fötus; und da ichs noch öfter als ein römischer Vater verkaufen
darf, so bekomm ich bei der 2ten Auflage 160, dritten 180 und so fort
bis zur 180ten Auflage selber. Die 20 fl. die er den 180 beigelegt,
subtrahiert er der 2ten Auflage. Er hat ein abgeplattetes, unten zu
sammengedrehtes, lächelndes, verschmiztes, schwaches Pasten-Gesicht.93,35
Schäfer giebt mir Gold stat des Silbers, damit ich meinen Ehren- 94,1
sold leichter transportiere.

Ich mus dich jezt ins Parterre der Pariser Oper stellen, damit du
die grosse Wolke, die an durchsichtigen luftfärbigen Stricken ins
Theater hereinhängt, ansehen kanst. Denn es stekt eine Göttin im94,5
Gewölk, die es den Augenblik spalten und daraus auf die Bühne
niederhüpfen wird.

Da ist sie — es ist die Fürstin Lunovsky... Nein, nein, ich wil
mässiger erzählen und ich und du wollen die Göttin vom Theater weg
in ein Ankleidezimmer führen und ihr da (jezt seh ich erst, was ich für94,10
Papier verschwende) nur soviel Kleider lassen als sie zu einer Frau
braucht. Sie ist täglich bei Schäfer. Da ihr mein Hesperus recht ist
(sie lieset blos Engländer, weil sie einmal einen heirathen wolte; und
es ist schade daß sie die deutsche Lektüre nicht aus demselben Grunde
sucht): so wolte sie, als eine Gönnerin der Gelehrsamkeit, den Ge94,15
lehrten vor sich hinhaben, der den Hesperus in den Himmel gesezt. Es
that dem Gelehrten Schaden, daß die Gasse der Präsentierteller war,
auf dem er ihr hingehalten wurde. Ich und Schäfer begegneten ihr.
Was thats? Ich sezte mich den andern Morgen hin und verbrachte ihn
himlisch mit ihr, indem ich nichts geringers zeugte als ein poetisches —94,20
zehn Seiten langes punctum saliens, das ihr nachmittags zum
ewigen Gebrauch Schäfer überreichte. Die Bescheidenheit verbeut mir,
dir die Art zu sagen, wie die hohe Person das punctum aufnahm.
Nachmittags erschien der salirende Punkt-Macher selber und war bis
abends mit diesem hohen Haupte und mit seinem kahlen unter Einer94,25
Stubendecke. Gestern gieng sie und Schäfer und die 2 Kinder und die
Niece (sie trägt noch ihre schönen Augen, aber ich mus sie auch etwan
zu sehr vorgelobet haben) 2 Stunden spazieren und Paul wandelte mit.

Das sind dürre historische Aarons Reiser, aus denen jezt einiges
Laub getrieben werden mus. Sie hat eine volkommen schöne Taille,94,30
grosse Augen, proporzionierte Züge und solche feste Theile: man
schwebt bei ihr zwischen den logischen Urtheilen, sie war und sie ist
schön, mitten innen und es käme blos auf sie an, daß man eines
ergriffe und festhielte. Sie drükt sich genau, bestimt, leicht und kurz und
fein aus; aber das Fein-Fein-Fein (wie der beste Zucker heisset),94,35
worauf ich immer passe, ist eher bei Leuten beiderlei Geschlechts in
unsern Ständen zu finden. Da ichs noch ausserdem bei Schäfer, bei
der Spangenbergin und in Mémoires gefunden: so kans mir nicht 95,1
verübelt werden, wenn ich aus so vielen Erfahrungen endlich das
Axiom extrahiere: Leute von Welt reden gleich sehr bestimt und
ungesucht. — Die oft erörterte Sie kan sogar Latein und Zeichnen
und andere Sprachen dazu (sogar die deutsche ohne Dialekt) und 95,5
Klavier und — Stricken, war wie Archenholz in Italien und England
und hat mehr Zurükhaltung und weniger Stolz als manche Bürger
liche. — Der Nuzen, mit einer Fürstin umzugehen ist der, man fässet
doch den Muth, mit ihren Kammerjungfern umzugehen. Ein Elend
ists, daß ich nicht das Herz habe, ihr einige der besten ausgearbeiteten95,10
astronomischen Anspielungen ins Gesicht zu sagen: z. B. vom Durch
gang der Venus durch die Sonne; vom Hesperus, der die Venus
ist u. s. w.

Der D. Elrodt, bei dem ich eine Bouteille Wein getrunken und der
sogar meinen Fixlein gelesen, dessen Korrektur er übernimt — denn 95,15
der Buchhändler hatte mit andern Leuten die Bedingungen des
Druks früher als mit mir die des Verlages ausgemacht — jener
also besizt 3 Bände vom tridentinischen Konzilium, die das beste
Werk hierüber sein sollen. 10 Bücher liegen hier vor dem feinen
Briefpapier.95,20

Mir ist immerfort als wenn das Schiksal von diesem Labewein,
wovon ich eine Bouteille um die andre aufsiegle, zulezt einigen
nehmen und einen scharfen Weinessig für mich ansezen werde —
mögest du so froh wie ich jezt leben und möge das Schiksal mir nicht in
dem deinigen jenen Essig reichen! — Nur zuweilen abends drükt mich95,25
der Inkube und Alp der melancholischen Sehnsucht nach Hof und
nach allem und nach nichts.

Vor Mitwochs Vormittag retournier’ ich nicht. Ich werde Wiz-
lebens zudringlicher Begleitung mit den feinsten Maasregeln be
gegnen und ausweichen: der Herweg mit ihm war zwar vol Unter95,30
haltung und Lust — nur daß es einen beim Genusse eines erhabenen
Berges fast mehr stöhrt als erhebt, den Andern bemerken zu hören,
wie gut von einem solchen Berge die ganze Wiese nicht sowol mit
At[a]lantens Füssen zu bestreichen sei als mit Kartätschen —; aber
den unaussprechlich schönen Abend und Morgen der Herreise must’95,35
ich ohne volständige Berauschung durch den dichten Schleier einer
Offiziers Montur ansehen.

Theile Aequator-warme Grüsse (oder den Reim darauf) unter96,1
deine Schwester, Amöne, und Karoline aus und stell’ ihnen vor, wie
einem erst wäre, wenn dieses h. Drei oder nur zwei, oder eine hier
mitliefe; — ein welker Wunsch des Trinitariers, Dualisten und
Unitariers. 96,5

Ach ich habe Lips grossen Kupferstich von Göthe gesehen und ich
hätte mit den lebendigen Lippen auf die himlischen — gestochenen fallen
mögen. — Schillers Portrait oder vielmehr seine Nase daran schlug wie
ein Bliz in mich ein: es stellet einen Cherubim mit dem Keime
des Abfals vor und er scheint sich über alles zu erheben, über die96,10
Menschen, über das Unglük und über die — Moral. Ich konte das
erhabene Angesicht, dem es einerlei zu sein schien, welches Blut fliesse,
fremdes oder eignes, gar nicht sat bekommen.

Dennoch ist mir dieses erhabene und erhebende, verachtende und
hochgeachtete Gesicht so lieb — wenn nicht lieber — als das wie ein96,15
lang gerupfter verwelkter Zaunkönig eingefahrne Gesicht des D. Kölle
jun., den noch dazu jezt das kalte Fieber schwenkt und der bei Elrod,
seinem künftigen Schwager, war. Er kömt nach Hof.

Leb recht wol und nim diese eilende Briefstellerei nicht übel.

Albrechts Brief hab ich besorgt; besorg’ auch meinen Grus an ihn. 96,20

Richter


H: Berlin JP. 6 S. 4°. K (nachtr. im 4. Briefbuch nach Nr. 115): Aus Bayreuth 20 Jun. 95. J 1: Wahrheit 5,19×. J 2: Nerrlich Nr. 14. 93 , 31 als] aus wie H 34 unten] nachtr. H 94 , 10 in] davor gestr. hinter H (jezt] bis hierher war vorn ein breiter Rand gelassen 11 nur] nachtr. H 16 hin] nachtr. H 27 trägt] davor gestr. hat H 37 noch ausserdem] nachtr. H 95 , 3 reden] sind K 5 andere] davor gestr. alle H 17 mit mir] aus ich mit ihm H 30 und ausweichen] nachtr. H 32 erhebt] aus befeuert H Andern] aus andern H bemerken] aus sagen H 96 , 2 deine] aus deiner H stell’] aus sage H 9 ein2] nachtr. H 11 Unglük] aus Glük K 15 hoch] nachtr. H, fehlt K 16 Zaunkönig] davor gestr. Krame[tsvogel] H ein gefahrnes H K
Vgl. 87,7.† 93,26 Maienthal: Lustort (Emanuels Wohnsitz) im Hesperus. 30ff. Schäfer hatte Richters Brief (Nr. 127) am 15. Juni an Lübeck geschickt; dieser antwortete am 15. Juni, er sei bereit, für die 1. Auflage des Fixlein die verlangten 200 fl., dafür aber bei der 2. nur 160 fl. zu zahlen; 100 fl. könne Richter sofort bekommen (s. 113 , 2 ). 94,3–7 Vgl. I. Abt., IX, 528,29f. 8 Lunovsky: richtig Lichnowsky, Christiane geb. Gräfin Thun, geb. 26. Juli 1765. 19–22 Die überreichte Dichtung ist „Der Traum im Traume“, der als zweites Blumenstück dem Siebenkäs eingefügt wurde (I. Abt., VI, 253—257). 95,18 Vielleicht Paul Sarpi, „Historie des Tridentinischen Conciliums“, hgb. von Rambach, 6 Teile, Halle 1761—65. 96,6 Joh. Heinr. Lips’ Kupferstich von Goethe war 1791 erschienen. 8 Schillers Portrait: der Stich von M. Schreyer nach Zeichnung von Dora Stock, vor dem 44. Bande der Neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften, Leipzig 1791 (s. Abbildung). Vgl. I. Abt., VIII, 30,5ff. (Titan, 4. Zykel). 16f. Joh. Ludwig Christian Kölle, Dr. med. (1763—97), Medizinalrat und erster Landphysikus in Bayreuth, älterer Sohn des Hofrats Dr. Georg Michael Kölle daselbst (Fikenscher); vgl. 255 , 33 .

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

128. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 93-96 (Brieftext); 420-421 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Bayreuth, 20. Juni 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_128 >


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