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Hof. d. 11 Jul. 95.
99,34
Mein lieber Emanuel,99,35
Seit dem längsten Tage hab’ ich Bayreuth und meine schönsten
Tage verlassen — und eben so lange hör’ und seh’ ich nichts mehr von
meinen Freunden: sind sie denn Nachtigallen, die auch nach Johannis100,1
verstummen? — Gleichwol, je mehr in Bayreuth mir alle Minuten zu
Rosetten und alle Stunden zu Brillanten ausgeschliffen waren, — oder
vielmehr eben darum —, desto mehr stelten sich abends alle Bilder des
entrükten Hofs wie aufgerichtete Gräber-Bildnisse um mich herum 100,5
und gerade die Trunkenheit machte mich durstig nach dem hiesigen
Freuden-Spizglas und die Freude erzeugte das Heimweh.

Es ist sonderbar, daß der Mensch gerade in der Freude — in der
Jugend — in der schönsten Gegend — in der schönsten Jahrszeit mehr
zur Schwärmerei der Sehnsucht, zum Blicke jenseits der Welt, zum100,10
Gemälde des Todes fähig ist als im entgegengesezten Fal, in der Noth,
im Alter, in Grönland, im Winter. Daher werden die bessern Menschen
nur durch das Glük demüthig, from, weich und sehnsüchtig nach dem
höhern Glük: — das Unglük macht sie fest, trozig, hart und vol
irdischer Plane; bei den schlimmern ists gerade umgekehrt. Nach einem100,15
Lobe ist man zur Bescheidenheit geneigt; dem Tadel bäumt man sich mit
Stolz entgegen. Kurz die Freudenthräne ist eine Perle vom ersten,
und die Trauerthräne vom zweiten Wasser. Jeden Bal fang’ ich mit
Lustigkeit an und beschliess’ ihn mit Schwermuth — das lange Um
tönen, das lange Vorübertanzen, der Sternenhimmel nach Mitter100,20
nacht weichen so zu sagen das Herz wie einen Melonenkern in süssen
Tropfen auf und machen es quellen — und die Trauerweide ist der
erste Schösling dieses Samens.....

Ich bitte Sie, Lieber, um eine frühe Zeile: ich sehne mich darnach. —
Die schöne Stunde rükt immer näher, wo Sie, nicht erst 6 Meilen100,25
von hier, in freundschaftliche Arme fallen. —

Renate, die sich kindlich darauf freuet, schikt ihren alten Grus mit.
Ich sehe sie oft und erquicke mich am Schauspiele ihrer erfülten
Wünsche, ihres häuslichen Fleisses und ihrer verbesserten Lage und —
Seele. Die übrigen Otto gewinnen sie immer lieber. Wenn ihre 100,30
Kräfte und Tugenden die Bedingungen unserer Wünsche sind: so
werden diese alle erfült.

Endigen Sie die Hundsposttage früher als die Kalenderhundstage?
— Wenn mir Schäfer und Elrodt nicht sogleich antworten: so
schreiben Sie mir etwas von beiden.100,35

Und nun trenn’ ich mich wieder von Ihrem Bilde, wiewol ich es
immer, nur mit gröbern erdigtern Farben, über dem Fortepiano
Renatens hängen sehe; und ich wünsche, daß ein schwacher Wieder- 101,1
schein meiner Liebe, meiner Wünsche und Wärme für Sie auf dieses
Blat gefallen sei. Sie bleiben mein und ich

Ihr
Freund101,5
Richter.

Grüssen Sie auch unsern mit frohen Flügeln über die Eksteine des
Lebens wegflatternden Uhlfelder, der gerade den algemeinen Fehler der
jüdischen Nazion nicht hat: die feige Kleinlichkeit. — Hätt’ er von
Rousseau’s Confessions die neuesten und lezten Theile: ich bät’ ihn 101,10
darum.

d. 13 Jul. Eben bekam ich einen angenehmen Brief von Elrodt:
sagen Sie ihm meinen Dank und Grus und mein Versprechen einer
baldigen Antwort

H: Bibl. Gotha. 4 S. 8°. K (nach Nr. 129): Emanuel. 11 Jul. 95. J 1: Morgenblatt, 25. Aug. 1828, Nr. 204×. J 2: Wahrheit 5,75×. J 3: Nach laß 5,243×. J 4 (Schluß i): Denkw. 1,30×. Vermerk Emanuels auf H: d. 24 ten beantw. (Nr. 37?) 99 , 37 Tage] nachtr. H 100 , 2 in Bayreuth] aus draussen H 13 demüthig] bescheiden K 17 eine Perle] nachtr. H
100 , 2 –7 Vgl. 95,25–27. 8ff. Vgl. I. Abt., IV, 169,13, VI, 381,32ff. 18 Ball: vgl. Nr. 135. 28f. Renate Wirth war seit 24. Juni 1795 Gattin Christoph Ottos. 101,8 Simon Uhlfelder, geb. 1762, gest. 26. Jan. 1845 in Bayreuth, der spätere Schwiegervater von Emanuels jüngerem Bruder.

Textgrundlage:

139. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 99-101 (Brieftext); 422 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 11. Juli 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_139 >


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