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Hof d. 12 Aug. 1795.
104,26
Liebenswürdiger — Fremdling

nenn’ ich Sie nicht, da mir Ihr schöner Brief und Ihr Geschlechts
name die Physiognomie der äussern Gestalt durch die der innern er
sezen. Wir kennen uns; und ich danke Ihnen für jeden Schrit, den Sie104,30
mir entgegenthaten, um mir Ihre warme Hand zu geben und um mich
daran in der Westmünsterabtei Ihres unvergeslichen Bruders herum-
zuführen. Wir wollen diese zerbrechlichen Ruinen seines entflohenen
Daseins bewahren — ach auch diese fallen zusammen. Wie schnel folgen105,1
die Zerstöhrungen im Menschen hinter einander! — Zuerst zerfället seine
Hülle — dan unser Zypressenkranz — dan das Grabmal, woran er hieng
— und endlich die Hand, die es bauete, und das Herz, in dem er lebte!

Nie hat der Zufal Spiele der Phantasie bitterer realisieret als die 105,5
im Hesperus durch den Tod Ihres geliebten Verwandten. Denn über
ein Jahr vorher war schon der Plan und also Emanuels Sterben ent-
worfen, das ich beinahe meistens schrieb, damit Er es lese. Noch mehr,
den Vernichtungstraum im 38 Kapitel, den ich später einfügte, macht ich
gerade an seinem Todesmorgen. So wust’ ich von seiner Sternwarte105,10
nichts. Ich weis mehrere solche traurige Einmischungen des Zufals:
z. B. als ich im 3ten Thl p. 43 die 16 Zeile schrieb, so unterbrach mich
die Nachricht vom Tode einer schönen Freundin, die nach einem Fal in
Vitriolöl 6 Wochen lang alle Martern des Scheiterhaufens gelitten
hatte. Oder am Morgen, wo ich die erste Hälfte des 38 Kap. schrieb,105,15
starb mir eine andere Freundin. — Lassen wir das: man braucht nicht
nasse, sondern helle Augen, um sich durch die Holzwege des Lebens zu
finden.

Das Geschenk Ihrer Nachrichten von Ihm nehm’ ich mit dankbarer
Seele an: ich wil weder seine Grösse noch Art selber bestimmen;105,20
schreiben Sie mir von Ihm was Sie wollen, jede Kleinigkeit, besonders
Sonderbarkeiten im Aeusserlichen, alles ist mir werth.

Ich wiederhole meinen Dank und werde den Wunsch Ihres Glüks
und die Versicherung noch oft wiederholen, daß ich bin

Ihr Freund105,25
J. P. F. Richter.


H: Städt. Museum, Hof. 3 S. 4°; auf der 4. S. Adr. Herrn Herrn Moritz in Berlin. K: Moriz. 12 Aug. J: Anekdotenalmanach auf das Jahr 1827, hgb. von Karl Müchler, S. 223. (Wiederabgedr.: Der Gesellschafter, 20. Sept. 1828, Nr. 151; danach Nachlaß 4,260; E. C. von Hagen, Über Jean Pauls Aufenthalt in Bayreuth, 2. Aufl., Bayreuth 1863, S. 21; Eybisch S. 270.) B: IV. Abt., II, Nr. 48. A: IV. Abt., II, Nr. 51. K beruht auf einer etwas ab weichenden Fassung. 105 , 1 auch] nachtr. H fallen zusammen] zerfallen bald K 2 Zuerst zerfället] Anfang[s] zerbricht K 3 unser bis 4 endlich] der Zypressenkranz, der an seinem Grabmal hieng — dan dieses — dan K 5 hat der Zufal] wurden die K 11 traurige] nachtr. H 16 man braucht] Wir brauchen K 17 sich] uns K
Johann Christian Konrad Moritz, ein jüngerer Bruder des Schrift stellers, geb. 9. Aug. 1764, seit kurzem in Matzdorffs Verlag angestellt und mit der „merkantilischen Pflege“ des Hesperus betraut, hatte in einem langen Briefe „dem ungesehenen Schöpfer dieses so schön leuchtenden Gestirns“ seinen Dank ausgesprochen und dabei viel von seinem verst. Bruder erzählt, besonders von dessen Begeisterung über die Unsichtbare Loge (vgl. Bd. I, zu Nr. 393). Er hatte sich erboten, mehr zu berichten, wenn Jean Paul ihm angebe, was er von dem Verstorbenen gerne wissen möchte. 105,5ff. Vgl. B: „Besonders dank’ ich Ihnen für den liebens würdigen Emmanuel, unter dem Sie sich, wie mir Herr Matzdorff sagt, oft meinen verst. Bruder gedacht haben. O, wie können Sie treffen! Hörten Sie wirklich den Tod in ihm arbeiten, wie er hämmerte, ... bis der Bau zerstört war?“ Vgl. I. Abt., IV, 328,21–25†. 10 Sternwarte: Moritz hatte erzählt, sein Bruder habe, wie Emanuel (s. I. Abt., III, 197,16), über seiner Wohnung ein Observatorium gehabt. 12–14 Vgl. zu Nr. 17 und I. Abt., IV, 90,14f.†. 15f. Die andere Freundin ist Ottos Mutter, gest. 21. Febr. 1793; nach dem sog. Vaterblatt (Wahrheit 2,146) war Emanuels Tod (im 38. Kapitel) im Februar 1793 „vorausgemacht“.

Textgrundlage:

152. An Joh. Christian Konrad Moritz in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 104-105 (Brieftext); 424-425 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Christian Conrad Moritz. Hof, 12. August 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_152 >


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