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Hof d. 17 Sept. 1795.
111,12
Mein geliebter Moriz!

Alles was ich vom Hause, wo Sie sind, erhalte und erfahre — z. B.
durch den am Kopfe metaphorisch und am Fusse eigentlich geflügelten111,15
Merkur Roltsch — giebt mir eine Sehnsucht zur Reise dahin, daß ich
immer die Flügeldecken aufhebe und hinfliegen wil. — Ich sage Ihnen
den wärmsten Dank für Ihre biographischen Hefte, die mir lieber sind
als die von Klischnig, der mein Gefühl zu oft mit seinem verlezte.
Fahren Sie so fort, Ihren über alle unsere Leichensteine nun erhabnen 111,20
Bruder zu palingenesieren durch Briefe und durch Samlung [?]. Sie und
unser Freund Mazdorf solten musivische Steingen aus seinem Leben zu
seiner Biographie zusammensezen: ich würde den Rahmen, das heist die
Noten darum schnizen.

Ich bin seiner Meinung über die Nothwendigkeit der parallelen 111,25
Ausbildung aller Seelenkräfte: nur durch die Schriftstellerei mus es
nicht geschehen sollen. Ein Buch fodert die ganze Seele, der Fokus der
selben auf mehrere Werke zerspalten, wird ein matter Stral und brent
nicht. Noch weniger fass’ ich, wie man heute etwas schreiben könne, das
morgen gedrukt wird. Ein Werk von Zusammenhang fodert eine111,30
immerwährende Feile, schneid’ ich aber hinten weg, so mus ich ihm das
Vordere durch einen neuen Schnit anpassen und wenn der Anfang sich
schon im Drukkasten petrifiziert hat: so macht die eine Unveränder
lichkeit die andere nothwendig. Indes waren seine Werke selten so zu
sammengekettet wie dramatische oder wie meine Eier oder wie der111,35
Schlangen ihre.

Ich und mein nächster Freund sehen begierig auf jeden neuen Zug 112,1
auf, den Sie am Bilde Ihres Bruders thun; und nunmehr können wir
Ihnen die briefliche Fortsezung von Anton Reiser nicht mehr erlassen.
— Wenn etwan einmal Roltsch mit seinem purpurnen Köcher vor
Ihrem Fenster vorbei wandelt: so werfen Sie ihm einen recht warmen112,5
Grus von mir hinaus!

Sie werden wissen, wie sehr jezt meine Geschäfte meine Vergnügun
gen d. h. meine Briefe, abkürzen.

Leben Sie wol — der Himmel ziehe um Ihre Glükssonne nie eine
scheinbare Nebensonne, die Prophetin des Sturms — und Ihr eignes112,10
Herz gebe Ihnen mehr als selber das Schiksal nehmen oder geben kan,
Ruhe und Ergebung, Freude an der grossen Natur und Verachtung des
vergoldeten bürgerlichen Leichenpompes um uns her.

Ihr Freund
Richter
112,15

K: Moriz 16 [!] Sept. * J: (Dresdner) Abendzeitung, 15. Jan. 1827, Nr. 13. (Wiederabgedr.: Eybisch S. 274.) B: IV. Abt., II, Nr. 51. A: IV. Abt., II, Nr. 58. 111 , 15 am Fusse] an Füssen K 21 Bruder] Todten K Samlung] Namung J 22f. musivische Steingen... zu seiner Biographie] aus musivischen Steingen das Kniestük K (vermutlich stand auch im Original zu einem Kniestük statt zu seiner Biographie; vgl. auch 124 ,15) 33 Drukkasten] so K, Druckkessel J 34f. zusammengekettet] zusammenhängend K 112 , 4 seinem purpurnen Köcher] dem Purp[ur] Köcher der Balb[iere] K 9 Glükssonne] Sonne des Glüks K
111 , 16 Rolsch: vgl. Nr. 103†. Er hatte von Matzdorff vorläufigen Unter halt und Aussicht auf ein Unterkommen erhalten. Seine Mitteilungen standen vermutlich in dem nur unvollständig erhaltenen Brief an J. P. IV. Abt., II, Nr. 49. Diesem oder dem vorigen Briefe Jean Pauls war einer an Rolsch von dessen Vater beigelegt. 19 K. Fr. Klischnig: „Erinnerungen aus den zehn letzten Lebensjahren meines Freundes Anton Reiser“, Berlin 1794. Moritz hatte in B ausführlich über seines Bruders schriftstellerische und menschliche Eigenheiten berichtet: „An drei, vier verschiedenartigen Werken arbeitete er zugleich, wobei er den Grundsatz hatte, man müsse, um nicht einseitig zu werden, die verschiedenen Seelenkräfte, Erinnerungs-, Urteils- und Einbildungskraft, in gleichem Maße üben ... Dann fing er auch nicht eher an zu schreiben, als bis der Setzer schon auf Mspt. wartete, und schrieb selbst nun nicht mehr, als dieser so eben von Tag zu Tag brauchte.“ 112,1 mein nächster Freund: Christian Otto. 4 pur purner Köcher: vgl. 13 , 11 †.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

*168. An J. Chr. K. Moritz in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 111-112 (Brieftext); 428 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Christian Conrad Moritz. Hof, 17. September 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_168 >


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