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[ Hof ] d. 9 Okt 95.
116,2
Ich wil, Lieber, ohne langes Präfarieren, erstlich gleich von den
Realien reden und dan von den Verbalien. — Wir sind beinahe über
alles einig, besonders darüber worin du es mit dem gedrukten Autor 116,5
nicht bist, und man wundert sich, wie ein so entschiedener Scharfsin so
sehr der Berichtigung eines ähnlichen bedarf.

Deine Gewissenhaftigkeit hätte schon mit einem blossen Stil
schweigen abgefunden werden können, zumal da ich ja selber das von
der [?] Neigung aus dem Plato-Jakobi habe und da du mein kleines 116,10
welkes Samenkorn zu einer vollen Aehre erzogen hast. Deine Aus
einandersezung hat mich recht sehr gefreuet und ich ersehe daraus, daß
ich gar Recht habe. — Noch ein Wort für den Atheisten soltest du bei-
fügen, weils doch unter den Natur-Juristen einen geben kan. Da das
Formen — d. h. der Arbeitslohn, — und die Priorität des Funds —116,15
nur ein anderer Name für zufälliges Recht des Stärkeren 〈Glük
lichern〉 — keinen Titel zum Besizen giebt; und da der Atheist unsere
Genus-Triebe, gleichsam die Anweisungen und Anwartschaften auf
die Schöpfung, nicht als solche 〈die leztere〉 anerkennen kan, — da er
nicht so wie ich glauben darf, daß sogar das Thier, insofern ihm der116,20
Schöpfer einen Hunger gegeben, ein Recht auf das vorstehende Futter
habe, (ohne alle Rüksicht auf geistige oder sitliche Entfaltung): so weis
ich dem armen Gott-losen Narren nicht zu helfen. Seine Gier mus ohne
weiteres sein Recht bleiben, und da das ein Widerspruch in adjecto ist,
so bringt er gar keines heraus.116,25

Auf der 3ten Seite scheinst du mir den „sitlichen Zwek“ in doppelter
Bedeutung alternierend zu nehmen: erstlich als einen anderweitigen
(physischen etc.) Zwek, der nur nicht unsitlich ist; und als einen, der
die Moral nicht zur Bedingung 〈Einschränkung〉, sondern zum
Zwecke hat. Aber die erstere Bedeutung schiene mir die richtigere.116,30
Man solte den Gerichtsbezirk des Gewissens mehr ins Negative sezen:
das Positive kan mit seinen Abästungen nicht in der algemeinen nega117,1
tiven Formel: „thue, was nur ein algemeines Prinzip für alle Wesen
etc.“ gegeben und begriffen sein. Ueberhaupt da diese Formel eben
so gut auf Fälle des Denkens, nicht des Handelns passen müste; da
ferner diese Formel (die beinahe blos die Vernunft 〈rationem〉 defi117,5
niert) die Gründe ihrer Nothwendigkeit als logischer Saz in der Ver
nunft hat, die aber doch als praktischer noch ganz andere (Gr.) bedarf,
— und diese Gründe sind blos unsere verschiedenen moralischen Triebe
für verschiedene unbekante Objekte, z. B. Liebe, Wahrheit —: so
könte man eben so gut jede edle Neigung für ein eignes Gewissen an117,10
nehmen, denn das Konstituierende und Imperative der Vernunft gilt
eben so gut der Logik als der Praxis. Es erkläre mir einmal ein Kanti-
aner aus seinem Imperativ (dic, duc etc.) den Trieb und die Verbind
lichkeit zur Wahrheit, oder er zeige mir die Gründe der Verwandschaft,
die der moralische Trieb mit dem zur Wahrheit hat. (Ich drücke mich117,15
allemal gegen dich nur im Fluge und mit dem Postulieren einer Er
gänzung aus, die ich im Drucke keinem ansinne). Kurz jede positive
Pflicht (Gerechtigkeit, Menschenliebe, Wahrhaftigkeit, Ehrliebe,
Keuschheit) quillet aus einer besondern Seelenkraft. Den Trieb zur
Wahrheit, so edel als irgend ein moralischer, kanst du mit keiner Mühe117,20
zu einem moralischen umkleiden: und doch ist er so edel als dieser. Kant
sagt, der Tugendhafte wird sich nicht wünschen, in den Fal solcher Auf
opferungen z. B. des Kanzler Morus zu gerathen. Wie passet das?
Da er in diesem Opfer die volle Tugend entfaltet: so must’ ers wün
schen, jeder mus nach jenen Voraussezungen wünschen, den Tag zu er117,25
leben wo er für eine Wahrheit Haus und Hof einbüssen kan. Warum
fühlt jeder, daß er die Gelegenheit zu grossen Thaten, aber nicht zu
grossen Opfern (des Freuden-Triebes) begehren mus? — — Die
Formel: „ich bin mein Eigenthum“ reicht nicht aus. Ich mögte sagen,
es giebt ein Eigenthum 1) des Besizes, und eines 2) des Gebrauchs. 117,30
1. Jenes besteht blos in dem was ich selber mache oder erschaffe und
das ich nicht einmal von Gott zum Lehn habe, ich meine unsere
moralischen Handlungen und so unsere Ideen, insofern wir sie durch
den freien Willen zu erzeugen meinen. In diesem Sinne passet die obige
Formel; und von ihm leitet sich die sonderbare Idee von einem117,35
Eigenthum überhaupt ab. 2. Das des Gebrauchs, d. h. das Recht,
alle meine Triebe unter der Bedingung der Gleichheit zu befriedigen.
Hier ist mehr Gebrauch als Besiz der äussern Dinge; und Eigenthum118,1
ist im ersten Sinne nicht, weil etwas, das ich heute mein nenne, morgen
durch die Verdoppelung der Prätendenten es aufhöret zu sein. Ich kan
folglich in keiner Zeit bestimt angeben, wie viel mir von der Erde ge
höre. Und hier passet die Formel nicht: von meinem Körper hab ich118,5
nur den Gebrauch und er gehöret zu den Dingen wie die Luft etc. Frei
lich da hier die Natur schon eine Gleichheit der Güter gemacht und
jedem schon seinen Körper verliehen hat: so bin ich dieses Eigenthums
allein sicher; aber auf seine Kräfte hat in den Fällen des Elends doch
der andere Anspruch.118,10

Nach deinen und meinen Begriffen giebt es daher nur ein Zu
eignungs- kein Eigenthumsrecht, weil das Stük, das ich heute habe,
sich mit den Bedürftigen desselben vergrössern und verkleinern mus.
— Das was ich ausserhalb meines Ichs mit meinem körperlichen er
schaffe, ist, da ich keine Materie, sondern Formen der vorhandnen Ma118,15
terie, die allen zugehört, machen kan, nichts als ein Recht zum
— Arbeitslohn. Dem Scheinbaren was der V. über den Titel der
Wirkungen sagt, hast du im II allen Schein ganz genommen; aber das
must du doch einräumen, daß z. B. die Ernte eines von mir besäeten
Feldes, das ich auf der Insel als der erste Nachkömling unschuldig be118,20
nüzet habe und dessen Hälfte ich einem zweiten wiedergeben muste, mir
allein zustehe. Diese Ernte ist der Arbeitslohn, aber nicht für den —
andern .. \frac{2}{II}. Allerdings mus also der Stärkere den Ertrag einer reichern
Kraft einziehen: für diese Ungleichheit der Kräfte wie des Glüks — da
der eine ein Feld früher gefunden und besessen als der dazu kommende118,25
associé — kan nur das Schiksal. Den Verfasser verwunden deine
Gründe, weil der die Inschrift, die ich in einen Goldbarren gravieret,
zu einem Lehnbrief 〈Schenkungsbrief〉 auf den Barren macht; aber
die Inskripzionskosten darf ich mir doch vom Barren abschaben. —
Auch bewiese die Schwierigkeit, diese Wirkungen der Kräfte zu118,30
berechnen, doch nichts gegen das Recht: man müste nur kommen
surable Grössen, meine Wirkungen und fremde mit einander messen. —
\frac{5.6}{II}. Hier must du eine andere Wendung nehmen: denn der reine
Kräfte-Ertrag für den innern Speicher bleibt derselbe, ob ich das
äussere Instrument dazu besize oder nicht, und ich werde ein ausser118,35
ordentlicher Virtuos, ob ich meine Finger auf fremden Flügeln übe
oder auf eignen....

Übrigens hab ich nichts zu wiederholen als das alte Lob der neuen119,1
Wahrheiten darin, deren Erscheinung du, da jezt so viele dieses Berg
werk durchgraben, nicht so lange verschieben darfst. — Auch über den
Styl merk ich nichts an als seine helle lichte Kürze und — zuweilen
etwas Nebenschöslinge. Ich meine so: aus unnüzer Furcht, dunkel zu119,5
bleiben, wendest du deinen Saz in mehreren kleinen Säzen auf ver
schiedenen Seiten vor. Diese Explanazion vermeidest du, wenn du wie
ich unter dem Schreiben ein Blätgen neben dich legst und die einzelnen
Dunst Theile, mit denen sich almählig eine Wahrheit in die Seele
niedersenkt, dort aufnimst und dan sie in Einen hellen Tropfen zu119,10
sammendrükst. Durch Parenthesen hab ichs im Mspt. angezeigt; es ist
nicht oft, und in deinen Briefen fast gar nicht; und in den neuen Zu
säzen auch nicht.

Für deinen lezten Brief sag ich dir vielen Dank; da mir deine Litte-
raturbriefe schon mit dem schönfarbigen Monatsschriften-Umschlag119,15
ihrer Wahrheiten so viele eigennüzige und uneigennüzige Freude
machen. Jedes Wort ist darin wahr und berechtigt dich zu immer
grösserer Strenge gegen Kunstwerke: nur die Anwendung deiner Säze
auf mich braucht eine kleine Änderung. Alle meine Fehler in meiner
ganzen Schriftstellerei kamen nie vom Überflus der Kraft, sondern von119,20
falschen kritischen Grundsäzen her. Hätt’ ich eiliger, mit weniger An
spannung und ohne die Manie geschrieben, alles im Reposit[orium]
oder Kopf liegende fertige in jede Materie einschichten zu wollen: so
hätt’ ich längst so geschrieben als in den 3 Manipeln, die ihren Werth
dem Umstand verdanken, daß ich eilte, wie ein fliehender Spizbube und119,25
daß ich also keine rechte Zeit zum Einrammen der Steinbrüche um mich
gewinnen konte. Der „Referierton“ im Hesperus kömt von der Angst,
er werde zu dik: weiter nichts. Auch hast du mir jenen Fehler ganz klar
gesagt; und ohne deine Erinnerung wär’ er noch zehnmal grösser
stehen geblieben. Aber wie sol einmal bei einer 2ten Auflage meiner119,30
opera — buffa alles geändert und herumgeworfen werden! Die Leute
sollen wie der aufwachende Epimenides sich in den Gassen darin gar
nicht mehr finden können. Wenn ich oft die übermässige Ineinander
bauung oder das dicke Kolorit im Hesperus — so daß ich oft das Ge-
wöhnliche „z. B. er kam, er sezte sich nieder“ in der Geschichte weglies,119,35
weils kein Zierrath war — vergleiche mit meinen jezigen Kupferstichen:
so denk ich, ich habe (nicht an mir) keine Farbe mehr. — „Über das
Einhängen einer chronologischen Skala“ hast du mir etwas sehr Nüz120,1
liches gesagt. Ich wolte gerade einige Manipel in Form eines datierten
Tagebuches geben. Es ist bei einem Verfasser natürlich: er sieht, da er
keinen Totaleindruk bekömt, die klaffenden Lücken der Zeit in seiner
Geschichte, besonders einer häuslichen. Um nun die Einheit der Zeit zu120,5
beobachten, merkt er geschikt das Vorübergehen dieser Zeit an und
sagt „es passierte nichts darin“ anstat daß er nur Zusammenhang und
Kette in die leidenschaftlichen Begebenheiten — die einzige poetische
Einheit der Zeit — bringen solte. Das Vermeiden dieser Lücken ver
bärge die chronologischen. Denn am Ende macht man den Leser nur120,10
fragsüchtiger: geh ich von Woche zu Woche: so wird er von Tag zu
Tag gehen wollen; und thu’ ichs auch: so wird er wissen wollen, was
der Held im Bette vornahm.

— Leb recht wol, Guter, und habe noch einmal Dank für alles.

Richter
120,15

H: Berlin JP. 16 S. 8°. K (nachtr. im 4. Briefbuch nach Nr. 170) ohne Überschrift. J: Otto 1,282. B: IV. Abt., II, Nr. 59. 116 , 6 ein so entschiedener] aus der H so sehr] nachtr. H 16 zufälliges] nachtr. H 17 der Atheist] aus er H 19 an] nachtr. H 24 eine H 117 , 6 logischer] davor gestr. spekulati ver H 8 moralischen] nachtr. H 17 positive] nachtr. H 18 Menschen] nachtr., Liebe H 21 doch] danach gestr. wüst’ ich nicht, ob unsere Natur nicht diesen H 24 Da] aus Wenn H must’] aus mus H, müst K 118 , 15 vorhandnen] nachtr. H 21 habe] aus hätte H muste] aus müste H 119 , 9 Dunst] nachtr. H 10 in Einen] zu einem K 14 Briefe H 15 dem] aus der danach gestr. Emballage H 26 keine rechte Zeit] aus kein Recht H
Es handelt sich um den gleichen Aufsatz Ottos wie in Nr. 43. 116,10 Plato-Jakobi: vgl. 35,31†; Otto hatte wohl bei der Umarbeitung seines Aufsatzes Gedanken aus Richters Kritik verwertet. 117 , 5 rationem hat Jean Paul hinzugesetzt, um den Kasus kenntlich zu machen. 21–23 Kant, Kritik der prakt. Vernunft, I. Teil, I. Buch, 3. Hauptstück: „Von den Triebfedern der reinen prakt. Vernunft.“ 119,19ff. Otto hatte in B die größere Nüchternheit und Besonnenheit in Richters neueren Werken freudig begrüßt gegenüber dem ungestümen Andrang und schwelgerischen Reichtum der früheren. Er hatte sodann (wie früher schon im Brief an J. P. IV. Abt., II, Nr. 3) den „forteilenden, den Leser, den Gegenstand und sich selbst nicht achtenden Referier-Ton, der über kleine Begebenheiten und Einzelheiten hineilet“, beanstandet, wie Richter ihn z. B. im Hesperus am Ende des 3. Teils bei den Begebenheiten am Hofe und bei denen der Söhne Januars angeschlagen habe (I. Abt., IV, 323f.); ferner daß er zu weilen in den Gang der Begebenheiten, deren Darstellung die Zeit ver gessen und Jahre in Augenblicken vergehen lasse, eine chronologische Skala einfüge, die den Leser aus seiner Illusion bringe.

Textgrundlage:

176. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 116-120 (Brieftext); 429-430 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 9. Oktober 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_176 >


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