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Hof d. 9 Nov. 95 [Montag].
126,2
Diese Lieferung wird wahrscheinlich die lezte schriftstellerische
Plage sein, die ich dir in diesem Jahre mache. Du gehst dan einem
langen Sabbathsjahr entgegen. Thu’ es also, sei so gut, eilig ab,126,5
damit ichs den Dienstag abends, oder Mitwochs früh schon wieder
habe, weil ich allemal nach einer kleinen Abwesenheit das meiste
hineinzusezen finde. — Dein voriges Blätgen hat, Einmal aus
genommen, überal Recht gehabt, im Errathen und im Beweisen. Ich
wolte den vierten Manipel besonders machen — als lezten — und126,10
weil ich Zeit hatte — und weil 7 rtl. für den Bogen viel ist u. s. f.
Nach dem Lesen deines Urtheils fällete ich das nämliche beim Lesen
des 4. M. — Das obige Einmal bezieht sich auf deine Konjektur
über die Hochzeitrede: sie fiel mir erst vier Zeilen nach ihrem Anfang
ein — wenige Einfälle ausgenommen, fuhr mir die Rede wie sie ist126,15
heraus — sie wurde mir so leicht, daß ich sie (und natürlich, da der
Stof so gros ist wie die ganze alg[emeine] Weltgeschichte) nicht das
Herz hatte, umzugiessen, aus Angst, sie werde noch einmal so dik —
und für den Leibgeber kan wegen der künftigen grossen Kardinal-
Biographie nichts tol genug sein, ob er dort gleich nur ein[e] Neben126,20
rolle bekömt — und das Gefühl eines Humoristen wie Er sein sol,
drükt sich weniger bei einzelnen Fällen als bei der Übersicht des
ganzen Geschlechtes richtig aus. —

Ich mus eilen: die Kinder sizen schon vor mir. — Das weisse Papier
im Epilog ist kein Urtheil darüber wie sonst. —126,25

Helfe dir auf einmal heraus und schaffe mir zugleich einen Beutel,
ein Barometer (für 1 pr. rtl.) und folgendes Informat: schreibe mir
nämlich den spizbübischen Gang des Siebenkäsischen Prozesses
blos kurz bis etwan zur Appellazion an die Reichsgerichte — und
bescheere der Krähe einen Schwanz.126,30

Ich mögte dir recht danken für jedes geschriebne Wort, und weis
nicht wie.

Dein
alter Freund
Richter
126,35

H: Berlin JP. 3 S. 8°. K (nachtr. im 4. Briefbuch nach dem vorigen) ohne Überschrift. J: Otto 1,293. B: IV. Abt., II, Nr. 61. A: IV. Abt., II, Nr. 62. 126 , 6 oder Mitwochs früh] gestr., aber wiederhergest.; dahinter*), aber keine Note dazu H 13 Einmal] aus einmal H 17 so gros ist wie] nachtr. H 21 Er] aus er H 22 weniger] aus am wenigsten H 23 richtig] nachtr. H 28 spiz bübischen Gang] aus Prozesgang H 30 einen] aus den H 31 mögte] aus möchte H (vielleicht auch umgekehrt; vgl. 117,29 , aber 180 , 9 )
Mit der (vom 7. Nov. datierten) Vorrede zu Siebenkäs. Vgl. B: „Es scheint mir, ... daß die [!] vierte Manipel ein wenig abstechend geworden sei gegen die vorigen, ... und daß darin deine Manier mehr prädominierend, aber zum Schaden einer umfassenden Energie, auch mehr gesucht sei als in den vorhergehenden Manipeln. Es kommt mir sogar vor, als wenn du den Entschluß, nicht alles in Einem Bändchen zu vollenden, sondern einen Theil der Geschichte auf ein anderes aufzusparen, vor Ausarbeitung der vierten Manipel gefaßt, und als wenn dich die von dir selbst erhaltene Freiheit ein wenig schwelgerisch gemacht hätte ... Den Brief von Leib geber, ob er gleich mit ein wenig (wenigstens für mich sichtbarer) An strengung aus einem schon vorhandenen Vorrath aufgenommen zu sein scheint, rühme ich ...“ 126,21–23 Vgl. I. Abt., XI, 113,24f. (Vorschule der Aesthetik, § 32.)

Textgrundlage:

190. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 126 (Brieftext); 432 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Hof, 9. November 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_190 >


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