Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



[ Hof, 18. Nov. 1795 ]
129,13
Theuerster Freund! So hab’ ich Sie bisher immer genant, obwol
nicht auf dem Papier. Da ich auf meiner Bücher Werfte auf einmal129,15
2 Fahrzeuge zimmern muste: so must’ ich die 2 besten verwandten
Dinge einmal entrathen — das schöne Wetter und die Freundschaft,
insoweit ihr Genus aus der Hülse der Briefe zu schäälen ist. In
meiner immer mit der Luft-Architektur beschäftigten Phantasie hängt
der vergangne Frühling zauber- und feenhaft auf Morgennebel129,20
gemalt und alle rosenfarb[ne] Luftschlösser im Gemälde sind aus
Bayr[euthischen] Gassen genommen. Im Frühling werden diese
Luftschlösser fester werden und niedersinken und ich werde hineintreten
und Sie umarmen. — Was macht Ihr Telemach, der mit dem
französischen nur im Lehrer Aehnlichkeit hat? — Dem Ehrgefühl wird 129,25
sein Stand nachhelfen, aber nicht den sanften Regungen des Mitgefühls,
mit denen ausgerüstet Sie ihn auf den Fürstenstuhl schicken müssen.
Einen Fürsten, der die Standhaftigkeit zu weiter nichts nöthig hat als
oft eine fremde zu erschüttern, würd’ ich in einem Grade erweichen
und zerlassen, ders für meine Unterthanen zu sehr wäre. — Im129,30
Ganzen solte man einem Menschen nicht die Tugenden seines künftigen
Standes oder Alters einerziehen — denn diese werden ohnehin von den
Verhältnissen aufgedrungen — sondern ihn gerade mit denen rüsten,
denen seine künftige Lage entgegenarbeitet: man solte den Kopf für, das
Herz gegen die künftige Lage bilden. — Ich sag’ ihm [Emanuel?] einen 129,35
gerührten Dank für eine doppelte Freundschaft, für Ihre und für seine.

K: Schaefer Bayreuth d. 18 Nov. 95. i: Nachlaß 4,264× (23. Nov. 1795). B: IV. Abt., II, Nr. 46. A: IV. Abt., II, Nr. 68.
Nr. 194—196 sind die 128,12f. angekündigten Begleitbriefe zum Quintus Fixlein. 129,16 zwei Fahrzeuge: Biographische Belustigungen und Siebenkäs. 24 Telemach: Schäfers Zögling, Prinz Lichnowsky (An spielung auf Fénelons „Aventures de Télémaque“); vgl. 103,26f. 28–30 Vgl. aber I. Abt., XII, 288,17ff. (Levana, § 102). Man erwartet „seine Unterthanen“; Jean Paul hatte sich ja aber im Hesperus selber als Fürsten sohn ausgegeben. 30–35 Vgl. I. Abt., XII, 113,32ff. (Levana, § 31).

Textgrundlage:

194. An Hofrat Schäfer in Bayreuth. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 129 (Brieftext); 433-434 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Gottfried Andreas Schäfer. Hof, 18. November 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_194 >


Zum XML/TEI-file des Briefes