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Hof d. 18 9bre 1795 .
130,2
Mein Theuerer,

Ihren Brief über meinen Aufsaz kan ich nicht eher beantworten bis
dieser aus der Presse ist, d. h. in 4 Wochen: ich mus mich überal130,5
beziehen. Aber meine Sanitätsanstalt ist nicht gegen den gewöhn
lichen Has ungebesserter Menschen sondern gegen die feindseligen
Regungen, die gerade die edelste weichste Brust am ersten beim
Anblicke des Lasters erhizen. Mein Mittel ist unfehlbar: das weis ich
an mir. Die Moral kan mir wol die Besiegung, aber nicht die Er130,10
schaffung einer Neigung in der Minute gebieten. Sie kan uns be
fehlen, dem Feinde Gutes zu thun; aber sie kan nicht befehlen, etwas
anders gegen ihn zu fühlen als wir fühlen. Sie kan nicht sagen: fühle,
empfinde. Aber durch meine klinische Anstalt bring’ ich mich dahin,
mein Gefühl zu ändern, indem ich meinen Standpunkt ändere. Kurz130,15
im künftigen Frühling, in dem ganze Gärten von Blumen für mich
liegen, wil ich zwischen Ihnen und dem Buche sizend, und Ihren Brief
in der einen Hand und den Verfasser in der andern haltend über alles
weiter reden und fechten. — Der Erziehung schreib’ ich viel weniger zu
als Sie. Die besten Menschen kamen nicht aus den Händen der besten130,20
Hofmeister und Eltern, sondern gerade aus denen der Natur. 8 Kinder
kommen aus 1 Philanthropin oder auch Elternhause; die Hälfte als
Rekruten der Hölle, die andere, des Himmels. Wie, sollen die pedan
tischen Lehren der Lehrer auf das ungebildete Kind mehr wirken als
die schönsten geliebtesten in den Büchern auf den gebildeten Menschen?130,25
Und doch wie selten bekehret ein Buch. Zweitens die grösten Um
wälzungen im Menschen fallen nach der pädagogischen Epoche:
wer ersezt denn hier den Erzieher? — Die besten Völker hatten die
schlechtesten Schulen — die Griechen, Römer und Engländer — und
wir werden mit allen unsern bessern Schulen wol gelehrter, aber130,30
nicht besser. Kurz damit der Mensch gut werde, braucht er ein
lebenslanges Pädagogium, nämlich einen — Staat. So lange
unsere Regierungsform sich nicht so ändert, daß aus Sklaven
Menschen, aus Egoisten Freunde des Vaterlandes werden — so lange
uns nicht der Staat und der Ruhm darin ein Motiv wird, gros zu130,35
handeln — so lange der Reichthum geachtet wird, (und das mus so
lange dauern als die Sklaverei die Mittel erschweret, nicht zu ver
hungern): so lange bleibt die Menschheit ein elender niedriger ängst131,1
licher Schwarm, aus dem nur einzelne moralische Halbgötter vorragen
und den alles Predigen und Erziehen nur veränderlich, aber nicht gut
macht. — Ich müste hier so viel Papier als im Hesperus ist, vor mir
haben um alles zu beweisen. — Die 2 Briefe und 2 Exemplare geben 131,5
Sie gütigst an die Behörden; und nehmen das 3te selber. — Wolten
Sie mir nicht einmal ein Epigram von einem gewissen H. v. Rosenthal
oder wie er heisset schicken? — Leben Sie ewig wol, Sie, der Sie wie
ich der Erziehung gewis nicht alles zu danken haben was Sie sind.

Ihr Freund131,10
Richter


H: Bibl. Gotha. 4 S. 4°. K: Emanuel 18 Nov. 95. i: Denkw. 1,37. B: IV. Abt., II, Nr. 60. Vermerk Emanuels auf H: d. 27. beantw. (nicht erhalten) 130 , 15 mein] meine H Gefühl] aus Gefühle H 17 zwischen] aus neben H 19 viel] nachtr. H 20 als Sie] nachtr. H 32 nämlich] aus kurz H einen] danach gestr. andern H 35 uns] davor gestr. die Armuth H 37 nicht] davor gestr. beim Leben H 131 , 2 vorragen] aus ragen H
Vgl. Nr. 181. 130,10f. Dazu hat Emanuel am Rande in hebräischer Schrift vermerkt: Lo thachmod (du sollst nicht begehren). 19f. Emanuel hatte geschrieben, daß er „alle moralischen Fehler auf die Erziehung wälze“; vgl. Levana, § 5. 26 wie selten bekehret ein Buch: vgl. I. Abt., VIII, 411,2†. 131,6 Behörden: hier so viel wie Adressaten.

Textgrundlage:

195. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 130-131 (Brieftext); 434 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 18. November 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_195 >


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