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Hof d. 24 Dez. 95.
134,28
Mein geliebter Emanuel,

Wie ehrwürdig und theuer werden Sie meiner Seele durch die134,30
Schmerzen der Ihrigen! Ich sehe durch Ihre Brust hindurch Ihr Herz
unter den thierischen Krallen bluten, die sich hineingeschlagen haben
und ich möchte Sie mit allen Wunden an meinem haben. (Ueber Ihr135,1
Geschik schweig’ ich — das Bild Ihres Verfolgers erschüttert meine
Menschenliebe — Sie haben nur einen Trost, aber den grösten: daß,
da jeder bei seinen Krankheiten, bei Verfolgungen etc. zu sich sagen mus:
„ich bin wenigstens nicht ganz unschuldig an meinen Leiden“, daß Sie135,5
hingegen sagen können: „für diese unsäglichen kan ich nichts, gar
nichts.“) Halten Sie sich fest, Theuerer, auf diesem scharfen rauhen
hohen Eisberg des Leidens: Sie haben nur einmal in Ihrem Leben
einen solchen Schmerz und nur einmal einen solchen Anlas, den
Ewigen anzubeten ohne ihn zu sehen. („Glaub’ an mich — sagt eine135,10
heilige Stimme in Ihrem Innern — glaub’ an mich hinter meinem
Gewölke — dein Auge vergiesse immer seine Thränen, aber es erhebe
sich auch zu mir — ich prüfe dich nicht mehr so, Geliebter.“)

Ich bin zu bewegt, um Ihnen für das Geschenk, mit dessen Wahl
— sogar bis auf die äussere Seite — Sie mir den Antheil an Ihrem 135,15
Schiksal zu versüssen suchten, einen längern Dank zu bringen; es
hat meine Seele in zwei unähnliche Hälften getheilt, in die traurige
und in eine freudige. — Ich schicke Ihnen hier stat der Bücher, die
ich Ihnen neulich anrieth, ein von mir vor 10 Jahren in Leipzig
gemachtes Andachtsbuch, das Ihnen kranke Theile meines innern 135,20
Menschen entblössen wird, die ich vor andern verhülle.

Da ich in diesem Jahre Ihnen zum leztenmale schreibe: so ist mir
jezt als gäb’ ich Ihnen die Hand über eine Kluft hinüber und sagte:
„komme glüklich hinüber, gute Seele, über den lezten Abgrund dieses
„Jahrs! — noch eine schwarze Wolke hast du zu durchwaten, und sie135,25
„wird in der Nähe nichts als einige Thränen dieses Lebensschlafes
„mehr sein; — dein Genius helfe dir ins neue Jahr hinüber, wo dich
„eine schönere Aussicht und ein hellerer Himmel empfangen wird!“

Ihr ewiger Freund
Richter
135,30

J: Denkw. 1,37 (einem in Emanuels Nachlaß befindlichen Brief Ernst Försters an Therese Aub, Emanuels Tochter, vom 2. März 1862 zufolge nicht auf der Originalhandschrift, sondern auf einer unvollständigen Ab schrift beruhend; die Klammern standen vermutlich nicht im Original). A: IV. Abt., II, Nr. 65.
Vgl. zu Nr. 149 und 154. 135,18–21. Vgl. 128,14–17. Das Andachts buch ist unvollständig abgedruckt Wahrheit 3,295—306; eine alte Ab schrift in Emanuels Nachlaß.

Textgrundlage:

*206. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 134-135 (Brieftext); 435 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 24. Dezember 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_206 >


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