Hinweis zur mobile-Version:
Bitte beachten Sie, dass Brieftexte und Kommentare auf Medium und Large Screen-Devices optimal dargestellt werden, während eine responsive Darstellung des Textes auf Small Screen-Devices durch die Beibehaltung des Zeilenumbruchs beeinträchtigt ist.



[ Hof, 31. Dez. 1795 ]
136,17
Nichts ist süsser als einen Brief aufzureissen, der erst eine Reihe von
Briefen anfängt. Ich bin begieriger nach Briefen als nach Büchern,
diese müsten denn noch Handschriften sein, und ich wünschte die ganze136,20
Welt sezte sich nieder und schriebe nach Hof: ich wolt’ ihr antworten.
Der Ihrige hängt wie ein junger Kranz an den lezten Tagen dieses in
jämmerlichen Nebel zerrinnenden Jahrs und meine Dezembertage
tragen mit dem hellebor[us] nig[er] flore roseo zugleich Blüten. Ich
hatte das Vergnügen, Sie im höhern Sin kennen zu lernen im136,25
September dieses Jahrs in Hof und zwar in einer ausgewählten
Geselschaft, wo Herder dabei war, der Sie uns andern präsentierte.
— Mit Einem Wort, seit — hängt Ihr Bild in meiner Seele. Weiter
hab’ ich kein Wort von Ihnen — obwol über Sie genug — gelesen
— ferner hab’ ich nicht gelesen Göthe etc. — desgleichen den Peter 136,30
Pindar nicht — von dem Moniteur keine Zeile — und was das neue
Werk betrift, so werd’ ich passen genug öff. [?] Auf einem so ansehn
lichen Handelsplaz wie Hof, der aber kein litterarischer, kan ein Mensch
nicht einmal die Akten seiner Prozesse [einsehen?]: ich war ein Jahr
lang Ihr Klient, eh’ mirs einer schrieb, daß ich einen Gegenpart und137,1
einen Patron hätte — Deutlich — wenn ichs nicht schon bin, Ihnen
verdank’ ich, was für meine grön[ländischen] Prozesse gegen Kozebues
rigaische gesagt worden ist, wiewol der Advokat zehnmal besser als
meine Sache und diese sogar schlimmer als der Gegenpart ist. Meine137,5
Satire gegen den Adel halt’ ich leider für eine gute auf mich selber,
nicht der Richtung sondern der Manier wegen, wenn die schlimste eine
ist. Sie werden sich jezt aus meinem Aufenthalt und aus meiner Unart,
in zu vielen Fächern umherzuschweifen, gutmüthig es erklären, warum
ich von Ihren Werken noch nichts gelesen als ihr Lob. Übrigens wenn137,10
man die guten Bücher aller Fächer zusammensumm[ierte] und die
schmalen Tage dazu, die uns unser citissime Leben zu ihrer Lesung aus
wirft: so würde man einen Überschus der Bücher über die Tage finden.
Ich wil Ihnen es noch einmal sagen, daß Ihr vom Geist der Humani
tät inspirierter Brief den meinigen sanft bewegt habe. Ob spanische137,15
Wände von Wäldern und Meilen oder nur von Fleischfasern 2 ver
wandte Ichs mit Sprachgittern trennen — der Unterschied ist klein,
zwischen Geistern giebts keine Abwesenheit als den Has und den Ir
thum — ich und Sie sind und bleiben also beisammen. — Wie existiert
die idealische — gleichsam die 2te Welt über der ersten — darum137,20
weniger, weil sie nur im Ich und nicht zum 2ten mal existiert? — Ist
nicht ein Gedanke eine Existenz, die höher ist als jeder Körper und die
wir durch die Täuschung der Personifikazion jedem Körper unterschieben
müssen? Umgekehrt die idealische Welt ist die einzig wahre und die sin
liche ist [die] optische — und sogar diese optische kan nicht genossen,137,25
nicht einmal empfunden werden ohne den Reflexionsspiegel der innern
idealischen. Blos die hanseatische, statistische, kanzleimässige Seele, in
der nichts ist als der schmuzige Abdruk der sinlichen Nachbarschaft,
blos diese idealisiert im schlimmen Sin diese Welt, die nach dem Ideal
des höchsten Genius zusammengesezt ist und die der engste nach seinem137,30
verrenkt. Jeder Traum, jede Phantasie, jeder Wunsch existiert so
gut in und über uns als der Regenbogen und das Morgenroth, die
beide niemand betasten kan und wir werden nur durch unsern geistigen
Hunger irre, der jede innere Schönheit, noch einmal ausserhalb der
zarten innern Wolke, auf dem kothigen Boden beleibt und verdoppelt137,35
erblicken wil. Selber für Gott mus es eine idealische Welt geben, weil
jede geschafne endliche tief unter seiner vorgeschafnen unendlichen
stehen mus. So viel ist wahr, die Menschen sind Gaukler, die mit dem138,1
Kopf auf d[er] Erde auftretend so in unbequemer Stellung den be
rauschenden Nektartrank der höhern Phantasie hinauf trinken. Mein
Brief wird mit andern Schneeflocken im neuen Jahr vor Sie flattern.
Er hat mit ihnen nur die Vergänglichkeit, nicht die Kälte gemein.138,5


K: Oertel in Leip. d. lezten Tag 95. i: Wahrheit 5,81×.
Friedrich Benedikt von Oertel, geb. 16. Nov. 1767 in Leipzig, gest. in geistiger Umnachtung am 27. Okt. 1807 in Eutritzsch bei Leipzig, hatte am 26. Dez. 1795 nach der Lektüre des Fixlein einen (nicht erhaltenen) enthusiastischen Brief an Jean Paul geschrieben (vgl. seinen Brief an Amöne Herold v. 26. Dez. 1796). Sein gleichnamiger Vater, geb. 8. Mai 1735 in Leipzig, 1753 geadelt, gest. Febr. 1795, war Besitzer des Ritterguts Döbitz bei Taucha, lebte aber anscheinend meist in Weimar. Die Mutter, Johannette Jakobine, war eine geb. von Greiner. Friedrich hatte einen jüngeren Bruder, Ludwig (s. Nr. 355†), und eine Schwester, Friederike Anna Amalie (gen. Mimi), geb. 31. Okt. 1771 in Leipzig, die 1798 die Gattin des Fürsten Heinrich von Carolath-Beuthen (geb. 1750) wurde. Von dieser erhielt Ernst Förster die (nicht vollständig erhaltenen) Originale von Jean Pauls Briefen an Friedrich, die er 1863 in der 2. Abteilung des 1. Bandes der Denkwürdigkeiten veröffentlichte, und die dann mit Jean Pauls Nachlaß in die Preußische Staatsbibliothek gelangten. Oertels sehr zahlreiche Briefe an Jean Paul, die dieser nach Friedrichs Tode an dessen Bruder sandte (s. Bd. VI, Nr. 465†), sind bis auf wenige von Jean Paul zurückbehaltene Blätter verloren gegangen. Dagegen haben sich Briefe Oertels an Amöne Herold erhalten (Koburg). Oertels zahlreiche, teils abhandelnde, teils darstellende Schriften, Übersetzungen usw. findet man bei Meusel verzeichnet. Sein anonym erschienenes Werk „Über Humanität; ein Gegenstück zu des Präsidenten von Kotzebue Schrift vom Adel“, Leipzig 1793, wurde von Herder im 79. Humanitätsbrief (6. Sammlung, Riga 1795, S. 181) lobend erwähnt. Da in der von Oertel angegriffenen Schrift Kotzebues (Leipzig 1792) der Verfasser der Grönländischen Pro zesse wegen seiner Satire auf den Adel (I. Abt., I, 72—77) ein elender Witzling genannt worden war (vgl. Euphorion, XXI, S. 227), bezeichnet sich Jean Paul als Oertels Klienten, obgleich in dessen Schrift die Grön ländischen Prozesse nicht erwähnt werden. 136,30f. Peter Pindar: Pseudonym des englischen Satirikers John Wolcot (1738—1819), Ver fassers des komischen Heldengedichts „The Lousiad“ (1768; s. I. Abt., XI, 133,1–4); Jean Paul nennt hier anscheinend nur ein paar willkürlich herausgegriffene Werke. 137,3f. Kotzebues rigaische Prozesse: wohl Verwechslung mit Reval, wo sich Kotzebue zur Zeit der Abfassung seiner Schrift über den Adel aufgehalten hatte. 138,1–3 Vgl. I. Abt., XI, 116, 8 f. (Vorschule der Aesthetik, § 33).

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

211. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 136-138 (Brieftext); 436-437 (Kommentar).
Zur Konkordanzliste aller Bände


Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 31. Dezember 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_211 >


Zum XML/TEI-file des Briefes