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[ Hof, 31. Dez. 1795 ]
138,7
Sie haben mir nicht blos eine schimmernde Stunde aus der Kindheit
wiedergegeben, wo der geschmükte Baum ein Lusthain und der bedekte
Tisch ein Lustlager ist, sondern auch das schöne dankbare Gefühl der138,10
Freude über den Werth eines fremden Herzens. Aber warum ersezten
Sie nicht mit Ihrem blossen Bild die 2 andern Geschenke? Eines war
genug, um mich auf jene süsse Weise zu berauschen, worin man es dem
Schiksal abbittet, daß man trüb gewesen. — in einer nas kalten Nebel
wolke — denn bei mir ist Trübsin wie bei Abergläubigen schlimme138,15
Träume gerade die Ahndung meines Glüks: die helsten Tage des
Menschen bedeuten trübe Nächte und diese jene. Wie zög’ eine freund
liche Hand den Nebel weg, der vor meiner Freude [?] und meines
Freundes Bild lag. Ach meine ganze Umarmung besteht nur in einem
Brief. Sie haben eine schöne Stunde mitgeschikt. Ihre freundschaft138,20
liche Seele steht so unverhült vor mir und ich habe sie schon so oft
sprechen hören, daß sie diese Pantomime gar nicht nöthig hatte. Wenn
ich die kleinste Schleusse aufziehe, so schiesset soviel Wasser zu, daß alzeit
mehr Räder in Gang kommen und also mehr gemal[en] wird als [ich]
wolte — Das körperliche Uhrgehäuse zerspringt, — so viel daß ich sterbe,138,25
ohne mein halbes Ich aus- oder abgeschrieben zu haben — Der lezte
Tag hat in seine Wellen, eh’ er gar hinab sinkt, Ihr Bild [geworfen?]
und ich werfe meine Wünsche wie Blumen in unsre hinströmenden
Stunden. Mir ist als reicht’ ich Ihnen neben der Kluft, die die 2 nahen
Jahre absondert, die Hand vom alten hinüber ins neue und sagte: „so138,30
„vereinigt wollen wir beisammen bleiben mitten in den Wogen einer
„lauten aber kurzen Zeit — Sie wünschen mir nichts und ich Ihnen
„nichts — denn unser Geschik liegt in unsrer Brust und die Ruhe
„kömt nicht von aussen hinein sondern von innen heraus und dem
„elenden Wechsel zwischen fliehendem Schmerz und fliehender Freude138,35
„entzieht uns nur der innere Thron, der uns erhebt und uns die 2te
„Welt hinter der Wüste der ersten zeigt. Und so an jedem Ende eines139,1
„alten Jahres wollen wir wiederholen: wir bleiben vereinigt.“ —
D[as] Gemälde für schwächere Augen umfärben — illuminierte,
getuschte Ausgabe.

K: Mazdorf 31 Dez. i: Wahrheit 5,86×.
Vgl. Nr. 208 und 298. 138,22–25 Bezieht sich auf Siebenkäs, der viel länger ausfiel, als ursprünglich geplant war; vgl. 49,10–12 und I. Abt., V, 18, 17–22 .

Textgrundlage:

212. An Matzdorff in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 138-139 (Brieftext); 437 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Carl August Matzdorff. Hof, 31. Dezember 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_212 >


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