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139,5
Hof d. lezten Herbsttag 1795 [20. Dez. Sonntag] .

Ich hoffe, ich habe jezt die Minute, die zwischen Kälte und Wärme,
zwischen Empfindlichkeit und Empfindsamkeit so das Mittel hält, daß
ich mit Ihnen von Ihnen selber mit der reinen Gleichmüthigkeit vol
Wohlwollen sprechen kan als wenn ich in der zweiten Welt drüben einer139,10
abgeschiednen Seele die Ihrige zu malen hätte. Wär’ es möglich, daß
jeder von uns zweimal da wäre und im moralischen Sin sich selber
sähe: so wäre jeder besser — wüsten wir gewis, wir haben gewisse
Fehler, wir legten sie ab.

Ich betheuere Ihnen, ich denke jezt an den Ewigen und an sein Auge,139,15
vor dem mein enthültes Herz mit dem enthülten Vorsaz liegt, ohne
Einmischung meines Ichs die kleinen Schatten des Ihrigen zu schildern.

Alle kraftvolle Menschen halten das Recht des Stärkern für ein
Recht, sie leiden über sich keinen Szepter, weil sie selber einen führen
wollen. Daher sind die meisten Genies egoistisch. Ihr Talent, das sie139,20
erst verdienen müssen, machen sie zu einem Vorwand grösserer
Foderung; das Geschenk ist ihnen ein Recht auf Tribut. Die ganze
Dankbarkeit, die der geistig Reichere gegen den Schöpfer hat, besteht
darin, daß er desto mehr von den ärmer Gelassenen fodert, anstat daß
gerade die Menschen vom meisten Werth den andern am meisten —139,25
schuldig sind und nichts zu fodern, sondern nur mehr zu geben haben.
Ihr Egoismus kömt von etwas besserem her als von Ihrer Erziehung
— denn Ihre nächste Schwester hat ihn nicht; und so ist Ihre Seele
wieder umgekehrt von andern, dieser Erziehung anhängigen Mängeln
ganz rein, z. B. von Verstellung — Sie verstehen mich immer falsch139,30
über diesen Vorwurf, als wär’ ich das Opfer desselben, da ich doch
meistens dessen Ausnahme bin ...
Am lezten Tage dieses Jahrs um ¾ auf 8 Uhr.
Eine andere Stunde mag das Vorige fortsezen; lassen Sie mich jezt,
Seele in meiner Seele, den lezten abrinnenden Tag des Jahrs mit139,35
einem sanften Anschauen Ihres Bildes schliessen. Mein Geist ist jezt140,1
müde, aber mein Herz ist vol. In dieser holden eiligen Minute sezet
sich aus allen Ihren Tugenden und Reizen eine reine schöne erhobene
Gestalt zusammen, von der das Irdische und Mangelhafte gleichsam wie
bei einer Auferstehung abfället für diese Minute und die ich, umgeben140,5
von den 365 Gräbern Eines Jahres, mit zu weicher Seele anschaue
und anrede:

„ich kenne dich, liebe Gestalt, dein Bild wohnt in mir und nur dein
„Urbild ist oft bedekt oder bewölkt — nim wieder, Theuere, was du so
„oft bekamst, meine volle reine heisse Freundschaft und gieb mir dafür140,10
„ebensoviel, auch deine ganze Freundschaft — Wir können uns nicht
„vergessen, obwol verfehlen — Verwische deine Flecken, damit meine
„vergehen! — Und so wollen wir wieder und wieder, mit so ähnlichen
„Herzen mitten unter den Ruinen eines so kleinen zerstükten zerbrochnen
„Lebens einander die Hände reichen und sagen: wir wollen uns nicht140,15
„mehr vergessen.“

Beste Freundin, ich solte kaum mit Ihnen in einer Stunde sprechen,
wo so viele vorhergehende Rührungen mir die Herschaft über die jezige
genommen — und doch sehnt’ ich mich ordentlich nach diesem Augen
blik, wo ich Ihnen mitten im Bewustsein eines zu heftig schlagenden140,20
Herzens dieses öfnen und Ihnen seinen Inhalt zeigen kan; nämlich alle
seine Wünsche für Sie — und alle seine Erinnerungen an Ihre trüben
Tage — und alle Erinnerungen an die erhabnen Minuten unsers
Einklangs — und alles, was die Freundschaft stammeln kan, ehe sie in
lauter Wonne verstumt.140,25

Ihr Freund
Richter


H: Kunst- u. Altertümersammlung der Veste Coburg. 4 S. 4°. K (nachtr. im März 1796 nach Nr. 257): Amöne lezten Herbsttag 95. J 1: Morgenblatt, 28. Juli 1829, Nr. 179× (nur bis 139,32 , vereinigt mit Nr. 224). J 2: Otto 4,229. 139 , 10 sprechen] reden K 14 ab.] danach von Amönens Hand Selbstbeschauen H 16 enthülten] nachtr. H 20 Ihr] von Amöne verb. in Das H 23 geistig] nachtr. H 32 bin ...] da nach von Amönens Hand Aber Himmel, H 140 , 1 sanfteren K 9f. so oft] aus sooft H
Vgl. Nr. 6. 139,28 Schwester: Karoline.

Textgrundlage:

213. An Amöne Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 139-140 (Brieftext); 437 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Amöne Herold. Hof, 20. Dezember 1795 bis 31. Dezember 1795. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_213 >


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