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[ Hof, 9. Jan. 1796 ]
142,2
Ihr Brief brachte mir ein verjüngtes Rosenthal von Leipzig mit
20 Lustgängen für die Phantasie nach Hof. Nach einem solchen Brief
solte man sich umwenden und den V[erfasser], der hinter dem Rücken142,5
steht und über die Achsel zusieht, umarmen und recht von Herzen an das
Herz drücken können. Wir sind alle in so alternierenden Stimmungen
beisammen — der eine ist heute warm, der andre morgen und der dritte
übermorgen gegen Abend und selten begegnen sich die besten Menschen
gerade in gleicher Wärme und in gleicher Kälte — und das Uebel ist so142,10
gros, daß ich oft das als ein gutes Mittel dagegen gehalten habe, wenn
die Leute kaum zu einander sprächen sondern nur schrieben und wenn
sich eine Geselschaft guter Freunde an einen Tisch zusammensezte und
so mit einander bei so schneller Post Briefe wechselte von den äussersten
Enden des Tisches. Ihr Brief vol wärmenden Lichts und vol leuchtender142,15
Wärme beweiset mir, daß Sie in der ellyptischen Kometenbahn der
langen menschlichen Bildung das Aphelium schon zurükgelegt und nun
im Perihelium sich sanft erwärmen, das sich bei dem Menschen mit dem
schönen Fal in die Sonne selbst beschliesset. — Die Liebe mus etwas
Körperliches haben wie einen Zweig, auf den sie herunterfliegt.142,20
Schicken Sie mir den Zweig, Ihre Silhouette. Meine wil ich Ihnen
auf meinem eignen Halse getragen bringen. — Über die Weiber heg’
ich nicht blos eine sondern 2 recht vernünftige Meinungen, die ich aber,
weil sie sich widersprechen, in verschiednen Zeiten annehme — bald
sez’ ich litteras laureatas für sie auf, bald Klaglibelle. Sie haben andre142,25
Tugenden als wir und in der Liebe leihen wir ihnen unsre dazu: das ist
der Fehler. Ich glaube, [daß] jeder Man von Phantasie beinah jedes
Mädgen — nur das dumme nicht — heirathen könne ohne Schaden:
das mänliche Feuer zerschmilzt diese schön gewundne Wachsmasse und
dan kan er daraus formen was er wil, sogar einen Engel. Der fremden142,30
Phantasie widersteht keine Frau; und ein Halbgot von Man kan, wenn
er nur reden kan, eine Halbgöttin erschaffen. Aber der Former mus
selbst geformt sein: die edelsten Menschen schieben oft ihr moralisches
Arondissement auf ihre Ehe auf; aber sie solten umgekehrt diese auf
jenes verschieben. Wenn der Man sich nicht ganz in Richtig[keit] ge142,35
bracht: so zerstört er den zarten Werth der besten Gattin am ersten. —
Ich habe nicht mehr Zähne als Jahre und jezt heirathen die neuesten
Deutschen wieder in der Epoche der ältesten. 2 Mädgen, aus denen 143,1
[man] 2 Klot[ilden] zusammengiessen könte, worauf doch noch so viel
Vorzüge übrigblieben, daß daraus ein gewöhnliches zu backen wäre.
Jed[e] hat einen besondern Karakter und es giebt eben so viele
Arten — wie bei den Engeln — als Individuen — Eheliche Launen143,5
verschieden von jungfräulichen — Ich werde sterben, eh’ ich nur ein
Paar Wände meiner Gehirnkammern abgeschrieben. Er [Otto] ist
meine warme Sonne im bunten Sonnenhof von Bekanten. Wir haben
einander alles gegeben, Herz und Freundschaft auf Ewigkeit und wir
können nun nichts mehr thun als so bleiben. Er ist mein ästhetisches143,10
Zensurdepartement. Über die meisten Blumen meiner Jugend sind
Gräber gedekt — an 2 Köpfe denk’ ich, so oft ich lang auf die Erde sehe,
in der sie schlafen. — Kälte gegen das süsse und goldne Christgeschenk
des Lebens — Wenn der Tod noch eine Brust in meinen Armen durch
stösset, so wird er meine auch getroffen haben. Unser unendliches Herz143,15
hat auch einen unendlichen Raum und unendliche Wärme darin, aber
wir geben leider dem Körper der Erde, was dem Geist der Erde gehört
und stellen die h. Stätte unsrer Brust mit dem morschen Gerümpel des
Lebens vol. In der mit[leren] Zeit [machte man] viel Rühmens von
Cervottus Bibl[iothek], die wenigstens 20 Bände stark war: was 143,20
würde man erst gesagt [haben], wenn man das Bücherverzeichnis der
meinigen gesehen, die vielleicht noch einmal so stark. — Litter. Grandat.
Wenn Sie mir die kritischen Urtheile aus dem Munde solcher Per
sonen, die selbst eines aushalten, zuweilen zuwenden; aber nur Urtheile,
welche tadeln, bessern. — Sie sind mir so bekant als wär’ ich mit143,25
Ihnen um die Welt gereiset. Könt’ ich Ihre Hand drücken: so braucht’
ich nichts zu schreiben.

K: Jenn. 9. Oerthel Leipzig. i 1: Wahrheit 5,37×. i 2: Denkw. 1,323. 143,1 2] aus E[in] 11 über davor gestr. Der Tod hat
142 , 12–15 Vgl. Bd. I, Einl. S. VI, Fußnote. 143,1 zwei Mädchen: vielleicht Amöne Herold und Renate Wirth; vgl. auch Persönl. Nr. 20†. 12 zwei Köpfe: Adam Lorenz von Oerthel und Joh. Bernh. Hermann. 19–22 Vgl. I. Abt., XVII, 394, 7–11 .

Textgrundlage:

220. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 142-143 (Brieftext); 438 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 9. Januar 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_220 >


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