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Hof. am Narrentage oder vorersten April 1796.151,23
[9. Febr. Fastnachts-Dienstag]

Mein Emanuel,151,25
Ich theile meinen Brief an Sie in zwei Briefgen ab, in dieses und
in das nach 8 Tagen, wo mein Buch gewis ankömt. Früher kan ich
also dem lieben Elrodt nichts schicken als Grüsse. Der geistreichen
Dame — und wem Sie wollen — können Sie alle meine Briefe geben,
sogar diesen als Cessionsinstrument und den Briefschreiber dazu. Ich151,30
habe keine Geheimnisse als fremde und meine Kleinigkeiten, Thor
heiten und Defekte stehen jedem Auge zu Diensten: warum sol ich nicht
schon jezt das Urtheil antizipieren, das ich nach 100 Jahren fällen mus,
wenn die Erde mit meinen und unsern Lebensmöbeln und Geschirren152,1
und Lumpen weit unter unsern Füssen flieht? — Sagen Sie der Dame,
daß ich furchtsamer bin als furchtbar. Ich finde Fehler, aber ich suche
keine, sondern nur Schönheiten, die [ich] leicht finde und leicht erträume.
Sobald man nicht in bürgerliche Verhältnisse mit einem Menschen152,5
kömt, ist es eben so fehlerhaft, nach seinen Höckern herumzutasten, als es
wäre, wenn man auf einem Blumenbeete die Tulpen auseinanderbiegen
und die verdorten Gräsgen des dunkeln Bodens aufdecken wolte. —

Die Gleichheit des Herzens hilft jeder Ungleichheit des Standes und
Kopfes in der Freundschaft ab. Wenn ein Fürst ein Emanuel, oder152,10
eine Gräfin eine Emanuela ist: so können ich und Sie beide lieben.
Was Sie aber darüber schrieben, ist sehr schön.

Amöne schrieb mir: „stilschweigend hätt ich meine Erlaubnis lieber
„gegeben als laut. Schreiben Sie was Sie wollen. Lieset Ihre Bücher
„doch auch jeder.“ D. h.: sie sagt Ja. Sobald ein Mädgen ein „Nein“152,15
nicht rundweg sagt, sondern mit Bedingungen: so sol man ihr nur das
Ja abpressen. —

— In der algem. Gerichtsordnung § 12 des XII. Tit. steht gleich
wol: „die Dedukzionen werden in der Regel von den rechtserfahrnen
„Bevolmächtigten oder Beiständen, deren sich die Partheien bei der152,20
„Instrukzion bedient haben, angefertigt. Doch steht einer jeden Parthei,
„besonders denjenigen, die die Instrukzion persönlich ohne besondere
„Assistenten abgewartet haben, frei, die Anfertigung der Dedukzion
„irgend einem andern selbst gewählten Rechtsgelehrten zu über
„tragen. Auch müssen dergl. allemal von einem Justizkommissar 152,25
unterschrieben und legalisiert sein.“

Nach diesem Paragraph könnten Sie doch. — Ich mag nicht weiter
darüber denken d. h. fluchen.

Ich hatte nicht nur neulich die stumme Erlaubnis von Otto, seinen
Brief an Sie zu lesen, sondern auch jezt die laute, Sie darum zu bitten152,30
— zumal da er selber ihn wieder lesen wil.

Meinen herzlichen Dank für alles, was Sie mir in Bayreuth neu-
lich gaben und noch immer verschaffen, worunter Freunde zuerst ge
hören — Freundinnen auch. Wie sehn’ ich mich wieder hin!

Ihr152,35
unveränderlicher Freund
Richter

1. N. S. Die verhülte Pallas hat noch einen leichtern Weg, zu 153,1
meinen Briefen zu kommen, noch dazu eh’ sie erbrochen sind, —
nämlich ihre Adresse und ihre Erlaubnis.

Ich kenne — das Brieflesen ausgenommen — kein grösseres Ver
gnügen als das Briefschreiben, das ich leider jezt einem andern153,5
Schreiben aufzuopfern gezwungen bin.
2. N. S. Das Geld für die viel zu wolfeile Schürze packe ich be
quemer dem künftigen Buche bei

H: SBa. 7 S. 8°. K: Emanuel. Fastnachtstag 96. J: Denkw. 1,45× (12. Febr. 1796). B: IV. Abt., II, Nr. 70. 151 , 26 dieses] aus diesen H 27 das] aus den H 152 , 3 furchtbar] aus fürchterlich H 4 die bis erträume] nachtr. H 15 D. h.] aus Kurz H 27 doch] nachtr. H 31 da] nachtr. H ihn] nachtr. H 153 , 3 und ihre Erlaubnis] nachtr. H
151 , 28 ff. Vgl. B: „Eine Verehrerin des Hesperus bat mich, sie einen Brief von Ihnen lesen zu lassen. Da ich nicht wußte, ob es Ihnen recht sei, schlug ich es ihr ab. Gestern schrieb sie mir: ‚Von dem so sehr geliebten als gefürchteten Jean Paul wollen Sie mir keinen Brief schicken?‘ Wirklich fürchten Ihre Leser Sie alle so sehr, als sie Sie lieben. Man glaubt, Sie müßten einen jeden Menschen so gut kennen wie sich selbst. ‚Ich lasse mich gewiß nicht vor ihm sehen‘, sagte Fräulein von E ...“ Vgl. Nr. 257†. 152,9–12 Vgl. B: „Einer sehr vornehmen Freundin antwortete ich auf ihren sehr freundschaftlichen Brief: ‚Wir können wohl jemanden lieben, ohne daß er diese Liebe in gleichem Grade erwidert; so viel Freundschaft aber ich hingebe, muß ich wieder bekommen. Darum gehört zur Freund schaft mehr Gleichheit des Standes und der Seele als zur Liebe.‘ Wasmeinen Sie dazu?“ 13 Amönens Erlaubnis: ihre Briefe an Emanuel zu lesen. vgl. 145,34 – 37. 18–26 Vgl. 150,6f.

Textgrundlage:

231. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 151-153 (Brieftext); 440 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 9. Februar 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_231 >


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