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Hof. d. 16 Febr. 96.
155,14
Mein Guter,155,15
Sie solten meine Sehnsucht, Briefe zu schreiben wie zu erschreiben,
errathen, um zu wissen, wie wehe mir die doppelte Einschränkung dieser
2 Freuden thut. Ich hätte Ihnen 1000 etc. Dinge zu schreiben, und
mus sie blos sagen; und kan das kaum: aber einmal wenn das Schiksal
unsere moralische Nähe mit einer physischen belohnt, werd’ ich auf155,20
Ihrem Kanapee Ihre alten Briefe aufbreiten und auf jede Stelle darin
eine Antwort geben mündlich.

Ich glaube, ich hab’ Ihnen das vorigemal gar nicht für meine lezten
Bayreuth-Himmel gedankt.... Ich sehe jezt neben meinem Brief-
tisch 2 Turteltauben spielen d. h. lieben und froh sein — Und ich denke155,25
an die dumme Malerei unserer Theologen von Gott, die den Zwek
seiner Schöpfung in seiner Foderung unsers Preisens und Dankens
sezen. Der eingeschnürte keuchende Mensch schiebt sich dem unendlichen
Herzen unter, in dem das Universum wohnt und das gerade alle Thiere
so glüklich gemacht die nie ihr schweres Haupt dankend zur wolthätigen155,30
Hand erheben können. Ich sehe mit Rührung das unendliche beglükte
Gewimmel, dem der Geber nicht einmal die Fähigkeit der Dankbarkeit
zutheilte. — Es würde keine Undankbaren geben, wenn die Wolthat
ein gewisses Zeichen der Liebe wäre. Gegen erkante Liebe — und könte
sie nichts thun — ist der Mensch stets dankbar; und gegen Wolthaten,155,35
die zu oft keine verrathen, oft undankbar.

Ach wie oft bin ich in dem Falle, daß ich nichts für andere zu thun156,1
vermag! Aber man liebt eben darum vielleicht stärker, weil die ver
sperten Gefühle stärker glühen.

Mein guter Emanuel! — Und so sagen Sie auch in meinem
Namen zum geliebten Schäfer. Und geben ihm mein Buch; das 156,5
2te Elrodten; und das dritte dem theuern warmen Freunde von

Jean Paul.

Leider eiligst

Den Ottoischen vortreflichen Brief hat der Verfass

H: DLA, Marbach. 4 S. 8°. (Mit Echtheitsbestäti gung von Emanuels Schwiegersohn Dr. Aub.) K: Emanuel 16 Feb. J: Denkw. 1,44. Vermerk Emanuels auf H: d. 16ten Mart. beantw. (nicht erhalten) 155 , 17 doppelte] nachtr. H 27 seiner2] aus der H 30 dan kend] nachtr. H zur] aus zum H 35 stets] nachtr. H 36 zu] nachtr. H oft2] nachtr. H 156 , 1 zu] nachtr. H 2f. versperten] eingesperten K 5.Und] aus und H 9 die Nachschrift am Rand der 4. Seite.
155 , 25 Turteltauben: vgl. 79 , 35 u. Persönl. 12,16. 33–36 Vgl. II. Abt., V, 95, Nr. 278.

Textgrundlage:

238. An Emanuel. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 155-156 (Brieftext); 441-442 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Emanuel. Hof, 16. Februar 96. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_238 >


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