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Hof d. 1 März 1796.
160,11
Zu voller und Guter,

Dein Brief gab mir die Palingenesie unserer ersten Stunde und
jene heissen Stiche, die ich allemal bei grosser Freude in der Gegend
des Herzens fühle. Warum hast du mir die Stunde nicht eher gegeben 160,15
und auf mich gewartet, indes ich auf dich wartete. Aber du liebst
deinen neuen Bruder zu sehr. Ich habe noch nichts für dich gethan und
werde es nie können und ach! es ist so wenig, was der Mensch dem
andern reichen kan. Deine Gefühle für mich müssen sich selbst in deinem
Busen belohnen, ehe sie aus ihm kommen: meiner kan sie nur er160,20
wiedern, nie vergelten. — Hüte dich aber vor deiner Phantasie, die dir
Gestalten stat Bilder zuschikt und dem Gewölke stat Abendfarben
Abendschreklarven eindrükt. Sie mus nur die Farben unsers Himmels,
nicht unsrer Hölle höher malen, und sich in unsre trüben Tage gar
nicht mischen. Deine ist aber eine Sonne, in der die helsten Sterne,160,25
der Merkur und der Morgenstern, wenn sie daran vorübergehen, zu
dunkeln Punkten werden. — Suche etwas, eine Art Arbeit, woran du
ihre Funken entlädst. Für die meinige, die mich eben so wenig be
glücken würde, ist der Schreibtisch der Auslader. —

Zu deiner Klotilde hatt’ ich, da ich in Bayreuth war, troz aller 160,30
Sehnsucht nicht — weil ich nicht wuste, ob du mich ihr schon präsen
tieret hättest — den Muth. Aber mein erster Flug ist nach Bayreuth
und mein zweiter zu ihr.

O wenn du und ich einmal in Bayreuth Sie — und ausser Bayreuth
die zwei elysischen Felder und Rosenthäler sehen werden — und wenn 160,35
uns der Frühling mit blühenden Zweigen umfängt, mit glimmenden161,1
Abendwolken beschattet und mit singenden Gärten anredet: o dan
werden wir verbunden ins warme Leben wie in einen Paradieses
Strom einsinken und wir werden nichts mehr haben zur Sprache
als die Umarmung. —161,5

Man probiert sich jezt neben mir zum heutigen Konzert: die
weichen Töne umgeben meine Gedanken, und ziehen mit harmo
nischen Wogen und Wirbeln hebend um meine Hofnungen. — Und
so sei dein Lebenstag, mein Theuerer, wie ein reiner Ton, der durch
unsere trübe kalte Luft durchflattert und darin sich weder besudelt161,10
noch bricht. Schliesse dich nicht ein! — Habe ein troknes Auge,
ausser für die Freude und für den Dichter nicht! — Schreibe bald, und
so lebe recht, recht wol!

Dein
Freund161,15
J. P. Fried. Richter

N. S. Den Grus deiner Klotilde erwieder’ ich mit dem wärmsten,
in dem der Wunsch ist, daß Ihr Leben jährlich 4 Frühlinge und
365 Pfingsttage habe

H (nur von 160 , 28 die2 an): zuletzt Henriette Klingmüller-Paquet, Hamburg; ehem. Marie Paquet-Steinhausen, Frankfurt a. M. 4 S. 8°. K (nach Nr. 244): Ahlefeld. 2 [!] März. J: Denkw. 3,2. B: IV. Abt., II, Nr. 72. A: IV. Abt., II, Nr. 80. 160 , 19 deinem] so K, meinem J 21 nie] nicht K 23 eindrükt] ertheilt K 28 entlädst] so K, entladest J (vgl. verlädt 179 , 34 ) 29 der Schreibtisch] aus das Dintenfas H 161 , 1 Zweigen] nachtr. H 2 dan] nachtr. H 3 in] nachtr. H 4 mehr] nachtr. H 6 zum] aus zu einem H 10 darin] nachtr. H 18 Ihr] aus Sie in Ihrem H
Hans Georg von Ahlefeldt, geb. 1770, gest. als Kriegsrat in Berlin am 26. Aug. 1828, war damals Justizassessor in Berlin (s. 262,16f.). Jean Pauls Briefe an ihn wurden mit einigen Ausnahmen (z. B. dieses ersten) von seinem Bruder im Gesellschafter, Juni 1832, Nr. 88—98, dann von Dietmar in dem Büchlein „Theater-Briefe von Goethe und freundschaft liche Briefe von Jean Paul“, Berlin 1835, veröffentlicht, wobei der Name des Empfängers sowie die seiner Freunde und Freundinnen auf die An fangsbuchstaben verkürzt wurden. Die Originalhandschriften kamen später größtenteils in den Besitz der Preußischen Staatsbibliothek, die aus Jean Pauls Nachlaß auch 40 Briefe Ahlefeldts an Jean Paul und 21 Briefe Ahlefeldts an die von ihm schwärmerisch geliebte Minette von Kropff (s. Nr. 290†) besaß, welch letztere die Empfängerin Jean Paul zur Kenntnis nahme und Aufbewahrung anvertraut hatte. (Ahlefeldt schrieb vom 17. April bis 11. Juni 1796 täglich an Minette und sandte die Briefe wöchentlich ab.) — Ahlefeldt hatte am 11. Jan. 1796 auf der Rückreise von Bayreuth nach Berlin „den genialischen Humoristen Richter“ in Hof auf gesucht und bei einer Flasche Champagner Freundschaft mit ihm ge schlossen, was er in einem enthusiastischen Brief vom 15. Januar seiner Minette berichtete (s. Persönl. Nr. 19). In B macht er Jean Paul, den er duzt, Vorwürfe, daß er ihm nicht geschrieben und noch nicht, wie er versprochen, seine „Klotilde in Bayreuth“ besucht habe, die seiner schon mit Sehnsucht harre; er hofft bald wieder nach Hof und Bayreuth zu kommen. Jean Pauls Antwort, die am 11. März in Berlin eintraf, schickte Ahlefeldt am folgenden Tage an Minette. Die Handschrift dieses Briefs befand sich ehemals im Besitz der Gräfin Chassepot, wie aus deren Brief an Jean Paul vom 5. Juni 1819 hervorgeht (s. Bd. VII, zu Nr. 548); sie hielt „Klotilde“ für die Gattin des Adressaten. 160,35 zweielysische Felder: wohl Eremitage und Fantaisie; vgl. I. Abt., VI, 340,28f. 161,2 mit singenden Gärten: vgl. I. Abt., V, 157,32: „in den singenden Schloßgarten“.

Erwähnungen im Kommentar:

Personen

Textgrundlage:

(*) 252. An Hans Georg von Ahlefeldt in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 160-161 (Brieftext); 444-445 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Georg Jacob von Ahlefeldt. Hof, 1. März 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_252 >


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