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[ Hof, 9. Mär. 1796 ]
164,20
Wenn Ihnen Jean [Paul] mit seinen 300 Blättern soviel Ver
gnügen gegeben als Sie ihm mit Ihren 2 kleinen gaben: so durften Sie
schon so nachsichtig auf beiden kleinen gegen litterarische Blumen
rabatten sein als hätten Sie selber sie besäet und begossen. Ich wünsche,
daß Sie recht viele Personen loben, damit Sie recht viele fröhlich164,25
machen. Ein deutscher Autor hat nur Rezens[enten], keine Rezensen-
t[innen], nur Kunst[richter], selten eine Kunstrichterin, er kan daher
wenig hoffen, ein anderes Geschlecht zu interessieren oder zu be
friedigen als seines. Das Ihrige erhält von dem unsrigen so gar
wenig, nicht einmal Bücher d. h. nicht einmal Träume. Und doch164,30
bedarf die weibliche Wirklichkeit das magische Mondlicht der Dicht
kunst so sehr. Es solte ein besserer Autor sich hinsezen und so zu sich
sagen: nun da ich die Weiber so gut kenne — da ihre verschrienen [?]
Masken nur Schleier sind, die ihre innere Schönheit eben so gut
erhöhen als bewachen — da ich besser als 100 andre sehe, daß dem164,35
weiblichen Herzen, das eben so gut dichterisch und idealisch ist als der165,1
Kopf, die Erde wenig mehr zu geben hat als Seufzer und Wünsche —
da ihr Mai des Lebens, anstat daß unsrer so schön ist wie ein gallischer,
so naskalt und bereift ist wie ein deutscher, besonders der heurige — da
sie wie Nachtigallen von lauter Dornen die Wolle holen müssen,165,5
woraus sie sich in einer stach[lichten] Taxushecke ihr Lager bereiten:
was könte ich schöners thun als die Feder nehmen und ihnen — nicht
jämmerliche deutsche Schmeicheleien, die ihnen in Büchern und an alle
gerichtet nie gefallen, sondern — Morgenträume und sanft[ere]
Seufzer geben als ihnen das Leben abzwingt. Und wenn ich nur einer165,10
einzigen über den regn[erischen] Morgen ihres Lebens einen Regen
bogen ziehe — wenn ich nur einem Herzen, für das die Freundinnen
zu unmänlich, Freunde zu unweiblich sind, den schönen so lang
begehrten Engel der Liebe im Wolkenhimmel der Dichtkunst zeige,
nach dem es dürstend unten die Arme ausbreitet und in dessen seine es165,15
der Todesengel hinaufträgt: so hab’ ich genug gelebt und geschrieben.
Unser selbstgesprächiger Autor kan sich damit entschuldigen, daß er
nicht wuste, daß Sie ihm zuhören. Ich habe Mühe meinen Dank ab
zubrechen, da ich nicht weis, ob ich Ihnen frühere Antworten geben
darf als mündliche. Wenn ich die hohe Dreieinigkeit der drei [grössern] 165,20
Weisen als je aus dem Orient zogen, hören und sehen werde: so werd’
ich kaum beides mehr können, sondern vor Liebe und Rührung ver
stummen. Wolte der Himmel ich wüste die Tagszeit, wo Sie die
Blumenstücke lesen: ich würde nicht arbeiten, sondern im Freien herum-
gehen und nach dem Fürstenthum Weimar sehen und Zeile vor Zeile 165,25
nachlesen und halb recht froh, halb recht furchtsam sein. Das Schiksal
ahme, wie die Dichter die Wirklichkeit in ihren Dichtungen ver
schönernd kopieren, umgekehrt in Ihrer jenen nach und verwandle jede
rothe Rose des Lebens, wenn Sie sie weglegen, in die weisse der
Erinnerung, damit, wenn Sie nach vielen Jahren sich umwenden, ein165,30
grosser weisser Rosengarten hinter Ihnen blühe.

K (nach Nr. 82): Fr. v. Kalb in Weimar. 9 März 96. i 1: Wahrheit 5,44. i 2: Denkw. 2,5 (7. März). B: IV. Abt., II, Nr. 74. A: IV. Abt., II, Nr. 81. 164 , 30 Und bis 32 sehr.] nachtr. 33 verschrienen] vielleicht verschwiegenen 165 , 8 die bis 9 gefallen] nachtr. 23 sie 28 jede bis 31 blühe.] mit Blei durchstr. 31 ihnen
Charlotte Sophie Juliane von Kalb, geb. Marschalk von Ostheim (Jean Paul nennt sie oft „die Ostheim“), die Freundin Schillers und Hölderlins, geb. 25. Juli 1761 (also 2 Jahr vor Jean Paul) in Walters hausen bei Römhild, gest. 12. Mai 1843 in Berlin, war seit 25. Okt. 1783 mit dem Major a. D. Heinrich Julius Alexander von Kalb (1752—1806) verheiratet und Mutter von drei Kindern. Über Jean Pauls Briefe an sie s. das Vorwort. Von ihren Briefen an ihn fehlt ein wichtiger Teil (Juli 1796 bis Nov. 1797), den sie ihm „durch Wortbruch abplauderte“ (J. P. an Otto, 12. März 1801). Die in seinem Nachlaß erhaltenen, oft undatierten und schwer leserlichen, in denen die Anrede zwischen Sie und Du schwankt, letztere oft durch Striche ersetzt ist, hat Nerrlich 1882 ziemlich vollständig, doch mit manchen unrichtigen Lesungen und Datierungen veröffentlicht. Die älteren, sehr unzuverlässigen Försterschen Drucke im 5. u. 6. Band der „Wahrheit“, (wo der Name Kalb überall durch drei Sternchen ersetzt ist) und im 2. Band der Denkwürdigkeiten sind nur insofern noch von Inter esse, als sie einige Briefe enthalten, deren Handschriften Nerrlich nicht mehr vorlagen. — Charlotte hatte in einem von verhaltener Glut erfüllten Brief von der Begeisterung berichtet, die Jean Pauls Werke in Weimar, wie bei ihr, so bei Wieland, Herder, Knebel und andern erregt hätten. 165,20f. drei Weisen: Wieland, Herder, Goethe; vgl. I. Abt., VII, 71,15–17. 28–31 Vgl. I. Abt., VIII, 167,10–14 (Titan, Schluß des 35. Zykels).

Textgrundlage:

261. An Charlotte von Kalb in Weimar. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 164-165 (Brieftext); 446-447 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Charlotte von Kalb. Hof, 9. März 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_261 >


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