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167,1
Hof. d. 19 März 1796.

Der Ton Ihres Briefes ehret Sie wie der Anlas desselben. — Ich
wil Ihre Frage: „wie eine Seele als die Ihrige sich so etwas erlauben
„kan“ so beantworten wie sie gethan wurde. Ich kan mirs nicht nur167,5
erlauben, ich mus es. Menschenliebe ist Pflicht; aber Freundschaft ist
keine, sondern Genus und Verdienst — blos die Treue in ihr ist
Pflicht. Weil Sie meine Betragen gegen Gleichgültige — Feinde —
Schlimme — Arme — und noch mehr meine Glükswünsche für andere
und meine Freude an der fremden nie erfahren können: so hab’ ich167,10
auch keinen Beweis für Sie, daß ich die Menschenliebe nicht blos in
der Feder, sondern auch im Herzen habe. — Aber bei der Freundschaft
ists anders. Zwei Freunde solten vor einander ihre Sommer- und
Sonnenflecken eben so künstlich und aufmerksam verdecken als es
Liebende thun. Aber man erlaubt sich darin zuviel — und wenn es167,15
Scherz beträfe, wie ich leider thue — und ein einziger falscher Ton,
eine kurze Dissonanz hat dan die schöne Melodie auf lange gestört,
meistens auf ewig. Liebe und Freundschaft fodern einen ganz vol
komnen
Gegenstand; und da dieser nur über den Wolken und Sternen
wohnt, so mus ihn der Enthusiasmus durch eine Täuschung, aus der167,20
uns jeder fremde Fehler wirft, dazu machen. Ich darf es sagen, die
Freundschaft zwischen Otto und mir hat jene Zartheit, die keine
Fehler duldet und zeigt: denn meine sieht er aus einem gütigern
Gesichtspunkt als ich oder irgend jemand, und seine sind kleiner als
ihm meine scheinen — Aber wie viel Wolken und Wolkenschatten167,25
flogen zwischen Ihre und meine Freundschaft!
d. 20 März.

Ich habe das vorige gesagt, nicht blos um mich zu entschuldigen
sondern auch, um mich zu ändern und zu bessern.

Ich habe noch eine zweite Antwort auf Ihre obige Frage. Ich167,30
glaube nämlich oft nach einer Menge kleiner Aeusserungen, daß Sie
gar keine Freundschaft mehr für den haben, der für Sie, so oft er nicht
gestöret wird, die wärmste und volste und eben darum empfindlichste
hat — daß Ihnen einerlei ist ob man kömt, spricht oder nicht — daß Sie
und Ihre ältern Geschwister vor den jüngern ihre Urtheile ohne 167,35
Rüksicht fällen — Und wenn mir noch in einer solchen Verstimmung
scheinbare Beweise wie Schlossen ans Herz schlagen, daß Sie gegen
andere Menschen überhaupt zu kalt und untheilnehmend wären: dan168,1
giebts nichts für mich als den Entschlus, mich ganz zurükzuziehen und
meine innigste Liebe nicht aufzudringen, sondern die kurze Zeit, die
mich noch in diese Gegend begräbt, gar auszudauern bis mich eine
fremde vol grösserer Freunde aufnimt. —168,5

Ohne Ihren sanften Brief wäre vielleicht die Kluft des ganzen
Frühlings zwischen uns geblieben. Aber wenn ich einen solchen, wie
eine Hand, die über die Kluft hilft, von Ihnen bekomme, dan seh ich
mit Erstaunen, daß Sie doch noch meine Freundin sind — Und alle
meine Entschlüsse fallen und wir sind wieder beisammen. Ich habe168,10
Ihr Angesicht und Ihre Seele in heiligen Stunden gesehen: wenn also
mein Ich nicht zu sehr von Ihrer Hand getrübet und beweget wird,
so können Sie wissen, daß meines das schönste helleste Bild des Ihrigen
spiegle und trage. — Die Freunde (und die Liebenden noch mehr)
solten immer in ihrem Betragen etwas von der schonenden Zurük168,15
haltung behalten, die den ersten Stunden ihrer Bekantschaft jenen
feinen bittersüssen Reiz ertheilte. Leider fehlet dagegen niemand so
sehr als ich selber. — Geben Sie mir also, neue und alte Freundin,
wieder am Grabe meines kleinen Jahres Ihre Hand und lassen Sie
mir sie auf dem Wege über das neue. Wenn Sie sie wieder aus meiner168,20
ziehen: so werd’ ich — das ist mein festester Vorsaz — vielleicht
nicht daran Schuld gewesen sein.

Ihr Freund
Richter

N. S. In Rüksicht der Helene kränkte mich blos die Schnelligkeit 168,25
— da ich meinen Lehr Plan darnach gerichtet hätte — und die un
dankbare Kälte Ihres H. Vaters in seinem Briefe.

H: Kunst- u. Altertümersammlung der Veste Coburg. 8 S. 8°. K (nachtr. im Nov. nach Nr. 453): Amöne 20 [!] März 96. J: Neue Zürcher Zeitung, 2. Nov. 1922, Nr. 1432. 167 , 8 gegen] davor gestr. viele H 9 Schlimme —] nachtr. H mehr] aus weniger H 13 vor] aus sich H 20 eine] nachtr. H 22 die] davor gestr. bei der H 24 und bis 25 scheinen] nachtr. H 26 flogen] aus fliegen H 31 kleiner] aus kleinen H 37 scheinbare] die schlimmen K 168,14 die Paren these nachtr. H 15 immer] davor gestr. sich H 20 über das neue] aus des neuen H
167 , 13 f. Sommer- und Sonnenflecken: vgl. 262,4f.

Textgrundlage:

268. An Amöne Herold. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 167-168 (Brieftext); 447-448 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Amöne Herold. Hof, 19. März 1796 bis 20. März 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_268 >


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