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173,1
[ Hof, 3. Apri. 1796. Sonntag]

Ihre Briefe sind der beste Exorzismus gegen den Teufel der Stum
heit — sie sind eine fixe Besoldung für jedes Wort, das man frankiert;
man weis doch gewis, in 8 Tagen kömt der Wechselbrief. Ich muste173,5
mir Ihre Briefe wie kleinere Freuden abbrechen, um den ganzen Tag
nichts in der Hand zu haben als stat Ihrer sanften warmen den Kiel. —
Ich ruhe nicht unter sondern auf dem Grabesmarmor aus. Wenn ich
meinem Geist und Körper [Ferien] von 3 Tagen geben wil: am
zweiten drängt mich eine unbezwingliche Bruthize wieder über mein173,10
Nest vol Eier oder Kreide. Der arme Paul wirds so forttreiben [bis]
die gequälte fieberhafte Brust von der lezten Erdscholle gekühlt [ist].
Unser Leben ist eine Kette von Mitteln — dem lezten und neuesten
trauen wir alles zu, alle Heilungskräfte für den ewigen Fieberdurst —
und unser Geniessen des Lebens ist nur ein sanfteres Vergessen des173,15
selben. — Alle Sachen des Vergnügens müssen wie Einfälle und der
Fund des 4 blätterigen Klees dem platten Zufalle überlassen bleiben. —
Er [Otto?] ist ein redlicher Teutone und kein wie ein Schül[er] ge-
bükter Lehrer sondern gerade wie ein deutsches Komma, unähnlich dem
krummen französischen. Sie umfässet ein unsichtbarer Arm. Es ist 173,20
unmöglich, allein ohne meine Freunde, ohne meine Freundinnen Ihr
Freund zu sein — ich meine wir lieben Sie alle. — Wir beide halten
den Freiheitsbaum für den Brod- und Erkentnisbaum des Lebens, also
giebt es für [uns] weder aktive noch passive gêne. Es ist sonderbar, daß
die Franzosen nur das Wort und die Deutschen nur die Sache haben. — 173,25
Fränklin räth an, man sol jede Nacht die Betten wechseln. Warlich
man solte — Menschen ausgenommen — alles wechseln (und ab
danken nichts), zuerst ausser den Hemden Stuben, Spaziergänge,
besonders Städte, ich meine man solte in 2 Städten wohnen und
zwischen ihnen hin und herziehen. Der jüdische lange Tag unsers 173,30
Lebens würde uns durch sein ewiges Idem abmatten und ekeln, wenn
nicht die sanfte Natur zwischen jede 12 Stunden und Akte den Schlaf
als die Folie des Wachens eingeschoben hätte. Daher kan — oder die
ganze Menschennatur wird gefelgt und umgestürzt — die 2te Welt kein
grünes Sumpfwasser einer fixen Ewigkeit sein sondern ein unabseh173,35
licher Wechsel, d. h. ein unabsehlicher Flug, d. h. ein ewiger Tod. O
ich habe oft kindisch zu mir gesagt: ich bin nur froh, daß ich existiere und
sterbe, der blossen Wunder und Neuigkeiten wegen, die ich zu erleben174,1
hoffe. Jezt fühl’ ichs und bemerk’ es als etwas Sonderbares, daß wir
uns wundern, daß wir existieren — wir fühlen uns zufällig, nicht ewig,
wir fassen kein ewiges Ich in der Vergangenheit, kein sterbliches in der
Zukunft. Ich höre sanft und glüklich auf und alles, was ich sage, steht174,5
ja schon zusammengefasset im ersten Wort der folgenden Seite.
d. 4 April.

Geliebter

Wenn auch das Widerspiel von der Menge gälte: so zieh’ ich mich
doch mit einem jeden Schmerz, den mir das Verhängnis zuwirft,174,10
trozig und in mich zurük gedrükt in die engste Ecke meines Ichs hinein.
Bin ich aber glüklich — das heist auf der Erde bin ichs halb, ¾,
⅘, ⅚, \nicefrac {6}{7} — so sehnt und erweitert sich mein Herz nach einem
Menschen, an den ich mich mit sanftem Dank an den verdekten
Algeber mit süssem Anspannen und Zerrinnen legen darf. Mein Oertel,174,15
ich bin jezt an Ihrem Herzen. Wie viel 100 mal besser wäre der gute
Mensch, wenn [er] der glükliche wäre. Ein zu bitteres Geschik nimt
uns zu oft die Nachbarschaft der Engel, unter denen man so leicht selbst
einer würde, und den Wiederschein eines dürstenden Ichs.

K: Oertel in Leip. 3 Ap. 96. i 1: Wahrheit 5,94×. i 2: Denkw. 1,326. 173 , 9 Ferien] ergänzt nach 171 , 24 174 , 7 April] aus März
173 , 16 f. Sachen des Vergnügens: die Bemerkung bezieht sich wahr scheinlich auf die geplante Reise nach Leipzig und Weimar, vgl. 180,5ff.

Textgrundlage:

278. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 173-174 (Brieftext); 449 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 3. April 1796 bis 4. April 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_278 >


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