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Hof d. 29 Apr. 1796.
184,15
Mein geliebter Ahlefeld,

Du wirst mein Schweigen vergeben — da ich ja ohnehin so oft mit
dir gedrukt rede — aber vielleicht meine Undankbarkeit nicht, da du
mich näher an die Dauphine deiner Seele geführt, ich meine an
Klotilde. Ich habe sie zwar noch nicht gesehen, aber doch schon einige184,20
mal gelesen. Wie wil ich dir die Gabe zweier Herzen mit einem einzigen
verdanken? Ich sehne mich unaussprechlich nach der ersten Minute, wo
ich ihre Seele nicht auf kaltem Papier sondern in ihrem lebendigen
Auge sehe. Du stehst oft auf unsern Blättern; ja sie hat mir einige von
deinen an sie geliehen. — O mein guter Ahlefeld! warum fehlet der184,25
schönsten Liebe eine — schönere Erde? Warum kanst du deine gute
warme Brust anstat an eine zweite, nur in die kalten eisernen Stacheln
des Schiksals und der Zukunft drücken? — Dein Freund hat sein Auge
oft abgetroknet, um zu sehen, was du schreibst. Ach wie viel öfter und
schmerzlicher wirst du aus den sanftern Augen bittere Tropfen quälen.184,30
Aber Ahlefeld, für alles was sie dir gegeben, für alle ihre Freundschaft,
für alle ihre Schönheiten, für alles womit sie deine Seele fülte und hob,
machst du sie zum Lohne — unglüklich, recht unglüklich. Alle deine
Thränen müssen ja zu ihren werden, alle deine trüben Stunden müssen
als dicke Wolken über ihre unschuldige Seele ziehen. Sie steht un185,1
glüklich und gelähmt zwischen dem Wunsche zu helfen und zwischen der
Unmöglichkeit. Sie steht, von der Nothwendigkeit und Tugend zugleich
gebunden, auf einer steilen Insel, du stürzest dich vom Lande ins Meer
und schwimst ihr entgegen — und sinkst — und breitest die Arme aus185,5
und rufst: reiche mir deine Hand, deinetwegen hab’ ich mich herein
gestürzt, — ich wil zu dir. — Und die Gequälte kan dir keine
herunter reichen und sie mus erstart und weinend deinen Krämpfen
der Marter, deinen Thränen, deinem Arbeiten und deinem Sinken
zusehen. O ich wil lieber versinken als versinken sehen — du hast doch185,10
noch das Gefühl, Leiden zu ertragen, sie hat das bittere, sie zu veran
lassen, ohne etwas dafür zu können. Sie kan nichts ändern, du alles.
Sieh Ahlefeld, wenn du leichenblas dalägst, und dich könte nichts mehr
retten als ein Tropfen warmes Blut, das aus ihrem Herzen geprest
würde — o du stürbest lieber. — Und jezt zieht doch jeder deiner Briefe185,15
schneidend ihr unschuldiges Blut aus ihrem müden Herzen — und es
heilt dich nicht. Du bist grausam aus Liebe und lässest auf dem Opfer
altar die — Göttin selber bluten. „Was sol ich denn thun“ (wirst du
mich fragen), „ausser sterben oder hoffen?“ Lieben, ohne zu wünschen!
Kanst du mehr Liebe von ihr begehren als sie der besten Freundin, dem185,20
besten Freunde gäbe? — Ach das ist eben das Unglük der Menschen,
daß sie einen solchen Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft
machen, als könte man je etwas anderes oder höheres oder schöneres als
die Seele lieben. Sieh, sie hat dir ihre höchste Freundschaft gegeben:
sei stolz, aber auch zufrieden. Ach, vergilt ihr die grosse Gabe mit dem185,25
Geschenk der — Ruhe. O wie wird sie dich lieben, wenn sie zu dir sagen
mus: „du bist mein wärmster Freund, denn ich bin glüklich, wenn ich
dich lese, wenn ich dich sehe, wenn ich dich denke.“ Aber jezt ist sie’s
nicht. Sage dir doch, wo es hinaus wil — nichts steht vor dir als eine
lange Reihe Jahre vol Blut; ihre Gesinnung ist keiner Aenderung185,30
fähig — ja an jeder Aenderung müste eben deine Liebe sterben. — O sei
zufrieden, daß du glüklicher als tausend andere bist, vor deren dürstende
Seele nicht einmal ein verkörpertes Ideal ihrer Liebe trit — du hast
doch die Opferflamme und die Gotheit zugleich; andere haben nur jene
und nicht diese: sei zufrieden, daß du lieben kanst. Glaube mir, es liebt185,35
sich nirgends schöner als in dem — Herzen, in der Unsichtbarkeit —
liebe sie wie die Tugend, die keinen Körper annimt. Der erste Kus (sagt
ein Autor) endigt die Liebe — ich sage, gewis der zweite. Schau alle186,1
Eheleute, alle Liebende an, die schönste Aetherflamme brent niedriger
auf dem Altar aus — Erde. Denke sie, aber sieh sie nicht — dan liebst
du.

Sei ein Man — deine Kraft erhöhe ihre Liebe zur Bewunderung —186,5
und liebe sanfter, damit sie froher liebe. Verbirg deine Schmerzen,
um sie endlich zu besiegen, opfre ihr das Schönste auf was du hast,
einen Theil deiner Liebe. Aber den andern Theil nie. O gieb ihr den
Trost und den Stolz, daß sie sagen kan: „ich werde schöner geliebt als
ihr Alle — er behält nichts als den Schmerz und giebt mir nur die186,10
Freude — er liebt an mir das einzige Götliche am Menschen, die
Pflicht.“ Ahlefeld, wenn du einmal auf dem lezten Bette von ihr
scheiden müstest, oder wenn du sie unter schönern Sonnen als unserer
einzigen, in der zweiten Welt wiederfändest: dan dürftest du deine
Arme ausbreiten und sagen: „kom an mein Herz — ich habe dich ver186,15
dient — denn ich habe dich nachgeahmt, ich habe wie du die Tugend
noch neben ihrem Schmerz fortgeliebt. — Ich habe dich auf der ersten
Welt so rein geliebt als wärst du auf der zweiten.“

Du siehst, nicht meine Philosophie, sondern meine Empfindung
spricht mit dir. Verbirg — (das sind die Mittel zur Erfüllung meines186,20
Raths) — ihrem Schmerze den deinigen — schreibe weniger, aber doch
froher — achte es für einen hohen Beweis der Liebe, daß sie bisher
lieber alle deine Thränen fallen sah, in der Hofnung, daß sie versiegen
würden. — Nim dir bei deinen Talenten, zumal der Phantasie, einen
würdigern Spielraum als ein Kollegium ist und giesse deine übervolle186,25
brechende Seele in irgend einer litterarischen Arbeit, in einem Roman
etc. aus. — Und sei ein Man: liebe, verbirg, ertrag und gieb! — Mache
sie glüklich ohne es zu sein, dan wirst du es doch. Die reinste Liebe kan
alles hinopfern, sogar ihren Genus. Ich bin dein mit doppelten
Blumenketten an dich geschlungner Freund — noch einmal: liebe wie186,30
du geliebt wirst — und vergieb, (wenn du nicht dankst)

Deinem
Richter.

N. S. Mit welcher Freude leg’ ich auf die entzündete Brust meines
Freundes die kühlende und stärkende Blume aus seiner Klotilde 186,35
[Hand]

(H bestand aus 3 Blättern, s. 187,16) K (nach Nr. 304): Ahlefeld. 29 Ap. i: Wahrheit 5, 101×. J 1: Gesellschafter, 1. Juni 1832. *J 2: Dietmar Nr. 1. B: IV. Abt., II, Nr. 80. A: IV. Abt., II, Nr. 93. Statt Ahlefeld hat J überall A**. 184 , 21 dir] so K, fehlt J 26 schönsten] schöneren K 185 , 32 glük licher bis 35 du] so J 1 (teilweise K), fehlt J 2 186 , 16 dich nachgeahmt] so K, dir nachgeahmt J
Der Brief — ohne Nachschrift — wurde mit Nr. 304 an Minette ge schickt und von dieser mit einem eignen, für Ahlefeldt bestimmten Blatt an Jean Paul zurückgesandt (vgl. Nr. 306†), der nun die Nachschrift hinzufügte und beides nach Berlin schickte. Ahlefeldt erhielt es am 13. Mai und sandte Richters Brief nebst seiner Antwort an Minette, da er nicht wußte, daß diese den ersteren schon kannte.

Textgrundlage:

*303. An Ahlefeldt in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 184-186 (Brieftext); 453 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Georg Jacob von Ahlefeldt. Hof, 29. April 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_303 >


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