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Bayreuth d. 15 Mai 96 [Pfingstsonntag].
190,14
Mein guter Ahlefeld,190,15
Du wirst von vielen Nachtwandlern gelesen haben, die schlafend
sich an ihren Schreibetisch sezten und da Aufsäze machten, die sie am
Morgen mit Erstaunen fanden. Heute traf ich auf meinem Tische
folgenden Brief von dir an mich an, den ich wahrscheinlich — zumal da
es meine Hand ist — als Nachtwandler geschrieben haben mus.190,20
Ich wolt’, ich thät’ es jede Nacht, so bekäm’ ich doch auf irgend eine
Art Briefe von dir. Du schreibst so:
Berlin d. 15 Mai 96.

Lieber Jean Paul!

Ich wil dir meinen Traum zuflattern lassen, da er noch Schwung190,25
federn hat. Mir träumte, du wärest gestern nach Bayreuth gekommen.
Du schiktest sogleich den Frachtzettel deiner Ankunft an meine Klotilde;
und sie dir ein Entréebillet. Dan trabtest du um 3 Uhr in ihr Haus,
das grünende Schönheiten umgeben, wie es eine blühende bewohnet.
Ich schwebte als Geist in Luft verkörpert über euch — wenn die190,30
Nachtigal schlug, war es ein Schrei meiner Sehnsucht — wenn der
Westwind ihre Blumen niederbog am Fenster, war es mein Athem.
Wie war dir, alter Paul, da auf einmal am Fenster Klotilde — die
ich dir kaum im Silhouettenprofil geschildert — mit allen ihren
Stralen vor deinem Aug aufgieng, nicht mit Rosen auf dem An190,35
gesicht, sondern mit einem schön zerflossenen Wiederschein derselben —191,1
mit der holden Stimme, womit nur das Herz spricht und das zweite
bezwingt — mit dem Anstand und Ton, den nur die Welt giebt, und
mit der überraschenden Naiveté, die nur die schönste Seele verleiht —
und mit allem, was wir nie vergessen werden? — Wie war dir191,5
Freund, zu Muthe, wiewol du schon mehrere schöne und geistreiche
Weiber gesehen? — Recht elend war dir zu Muthe — du vergassest
über das Ansehen das Anreden — und du mustest dich von einer
Stunde zur andern zwingen, damit du nicht stum warest, anstat blind.
Du kontest dich in die schöne Zusammensezung aus so widersprechenden191,10
Tugenden, aus Häuslichkeit und Weltton, aus ungewöhnlicher Offen
herzigkeit und edlem Selbstbewustsein, aus Schalkhaftigkeit und
Gutmüthigkeit nicht recht finden. — Sie wird dir viel zu vergeben
haben — sogar deinen Enthusiasmus und deine Offenherzigkeit wird
sie unter deine Schwachheitssünden rechnen; aber ich wil sie bitten,191,15
dich für einen Dichter zu halten, der mit seinem Geflatter so viele
Stöhrung macht wie eine in ein Puz-Zimmer verschlagene Schwalbe.
— Indes hast du 2 Frühlinge auf einmal; und gerade Pfingsttage wie
sie dein Hesperus träumt. Ach da aus ihrem vollen Herzen ihre volle
Stimme in den melodischen Strom ihrer Saiten flos: wie gern hätt’191,20
ich da mein Herz in einen einzigen Ton aufgelöset, damit es als eine
Luftwelle in ihre Laute ränne und mit diesen ausbebte. — Ich bin

Dein
A.

Dein Traum, Ahlefeld, ist keiner — ich habe sie gesehen und was191,25
ich dir in den Mund gelegt, ist blosse Wahrheit aus dem meinigen.
Ich war gestern von 3 Uhr bis abends um 11 Uhr in ihrem Zauber
kreise festgehalten: und jezt wenn ich die Beschreibung meines Glüks
geendigt habe, so geh’ ich der Fortsezung desselben wieder entgegen. —
Ich könt’ ihr gehorchen wie ein zahmer Kanarienvogel: ich wil ihr191,30
meine tollen Büchertitel aufopfern — und heute wil ich sie bitten,
meine Oberhofmeisterin in ihrem nächsten Briefe zu werden und mir
wenigstens ein kleines Sündenregister zu senden. Ich habe blos so viel
Einsicht in die weibliche Natur, daß ich eine Dame von solchem Werthe
verehren und loben kan, aber bei weitem nicht so viel, daß ich sie er191,35
rathen könte. Die weiblichen Karaktere sind gewöhnlich mit so vielen
Schleiern umwickelt, daß der beste Schleier ist, keinen vorzuhängen und192,1
daß verstelte leichter zu errathen sind als offenherzige. Wie schön,
mein Theuerer, ist unser dreifacher Freundschaftsbund, der eng ist, ob
gleich das Band durch drei Städte laufen mus! — Ich bin unordent
lich und eilig; ich wolte dir noch von vielem sagen, von ihrem Berenizens 192,5
Haar, von ihrem biedern wohlwollenden Gatten — aber in mir
klinget jezt ein trauriger Ton aus ihrem Munde nach und macht mich
traurig. Nie müsse diese schöne Stimme, der die Klage so schön steht,
eine führen, und ihr Auge möge nie die Thräne sondern blos der
Schleier verdunkeln! Und du, mein Freund, thue das Schönste, was192,10
du auf der Erde thun kanst, und nim von einem Herzen, das so viele
Qualen schon gedrücket haben, die schwerste weg, die Sorge um dich
und mache sie glüklich, indem du es wirst.

Dein Freund
Richter
192,15

H: Berlin. 12 S. 8°. (Dabei noch eine alte Kopie von fremder Hand und eine Übersetzung ins Französische.) K (nach Nr. 314) ohne Überschrift. J: Dietmar Nr. 2. A: IV. Abt., II, Nr. 96. K, anscheinend erst nach der Rückkehr nach Hof aus dem Gedächtnis oder nach einem Konzept notiert, lautet: — ich habe den ganzen Morgen nichts gethan als Ihren [!] Willen — ruht wie ein Traum vor meiner Seele, ich bin froh, daß die heutige Fortsezung mich überzeugt, daß es keiner war. — Ich möchte das Herz in einen Ton verwandeln, damit es in ihre Stimme ränne und in einer Welle ausbebte. Offenherzige sind schwerer zu errathen als verstelte. 191 , 17 macht wie eine] nachtr. ein] aus einem
Ahlefeldt erhielt den Brief mit einem Blatt von Minette am 24. Mai. Zur Einkleidung vgl. Bd. I, Nr. 342.

Textgrundlage:

312. An Ahlefeldt in Berlin. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 190-192 (Brieftext); 455 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Johann Georg Jacob von Ahlefeldt. Bayreuth, 15. Mai 96. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_312 >


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