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[ Hof, 19. Mai 1796 ]
197,2
[Ein Stilschweigen auf solche Briefe wie die Ihrigen, gnädige Frau,
bedarf eine grössere Entschuldigung als Ihre Güte fodert; jene ist, ich
kont’ Ihnen nicht eher gewis schreiben als heute, daß ich im Zwischen197,5
raum vom 2 bis 9 Junius den Salomons Tempel stehen sehe, den
mir bisher so viele Davids Träume vorgemalt. Bände man mir die
Flügel, daß ich auf meiner Austerbank sizen bleiben müste: so würd’
ich es Ihnen anzeigen. Ich kenne aber nur Eine Person, die meine
Ankunft auf dieser glüklichen Insel kaum erwarten kan und die am197,10
meisten dabei gewint, und das ist meine eigne. Sie hingegen und der
Kreis um Sie werden den Unterschied zwischen dem Menschen und
dem Autor, so klein lezter ist, dennoch gros finden. —] Ein solcher
Mensch hat stat der glatten Birke eine rauhe Borke. — Ich komme nicht
als ein bescheidner Man sondern als ein demüthiger [nach Weimar. 197,15
Satire wohnt in meiner Feder, nicht auf meiner Zunge, nie in meinem
Herzen. Zu der] Seele, [zu der ich komme und eile und] deren Glorie
mit so vielen Stralen auf ihren 3 Blättern [an mich] liegt, [werde
ich mit der freundlichsten gehen, und dieses mein weiches, stilles und
folgendes Herz mus mir bei demjenigen Herzen, dem meines nachahmt,197,20
Nachsicht schaffen! Ach ich bin so wenig und komme vor Herder!]

Die Gründe [Ihres Stilschweigens über unsere briefstellerische
Verbindung] kan ich leichter voraussezen als errathen — [ich würde
aber gewinnen, wenn Sie meine Beichte vor mehrere brächten.
Bessere Stimmen als die meinige werden schon für] den schön ver197,25
körperten reizenden Geist Ihrer Briefe [gedankt haben], die ich eher
in den Briefen über die Humanität aufsuchte als in den Briefen des
Feleisens. Ihr [voriger] Brief, der um die Hälfte besser war [als der
lezte] d. h. länger, [hatte vielleicht überal Recht. Ich war in Bayreuth,
um dem Frühling bis an die Treppe entgegen zu gehen.] 197,30

Ihr schönes Herz besizt ein 2tes schön[es] — ein 3tes — 4tes — 5tes
— — etc. etc. — und ohnehin das gutm[einen]de Ihres etc.

K (nach Nr. 312): Charlotte Kalb 19 Mai 96. i 1 (nicht nach K): Denkw. 2,11 (Hof, 16. Mai 1796). i 2 (nicht nach K): Denkw. 2,12 (Hof, 19. Mai 1796). B 1: IV. Abt., II, Nr. 81. B 2: IV. Abt., II, Nr. 91. Die Ergänzungen des ersten Absatzes sind aus i 2 entnommen, die des zweiten aus i 1. In i 1 folgen noch zwei Absätze, von denen der erste offenbar in Nr. 456 gehört (270,26–29), der andere wahrscheinlich in Nr. 328 (203,15f.), wohin Förster (Denkw. 2,13) fälschlich den letzten Satz unseres Briefes gestellt hat. 197 , 13 Ein bis 14 Borke.] gestr. K, fehlt i 2 24 mehre i 1 26 reizenden] anmuthigen i 1 27 aufsuchte] aufsuchen würde i 1 in2] unter i 1
Das Datum von i 1 kann nicht stimmen, da Richter am 16. Mai noch in Bayreuth war. Charlotte hatte ihn in B 1 gebeten, ihr seine Ankunft in Weimar auf den Tag genau zu schreiben, da das Erwarten für jemanden, der wie sie viel gelitten, eine so schmerzliche, tötende Sache sei. Sie spricht dann ausführlich über den 1. Band des Siebenkäs. In B 2 schreibt sie: „Keines weiß und darfes wissen, daß Sie mir geschrieben und ich an Sie, als mein Mann, der auch jetzo trauret, daß er vergeblich Sie erwartet hat, in acht Tagen muß er verreisen. Keines weiß als ich, daß wir Sie hier in Weimar erwarten dürfen; doch ist es fast ein Zeichen unseres Grußes: Ist Richter noch nicht hier? Sind Sie krank oder haben Sie nicht meinen Brief vom 1. oder 2. April erhalten? ... Starr wird meine Hand, wenn ich mir Sie als einen satirischen Schriftsteller denke ...“

Erwähnungen im Kommentar:

Personen
Werke Jean Pauls

Textgrundlage:

(*) 317. An Charlotte von Kalb in Weimar. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 197 (Brieftext); 456 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Charlotte von Kalb. Hof, 19. Mai 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_317 >


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