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215,31
Eiligst
Weimar 23 Jun. 96 [Donnerstag].

Gerade Eine Stunde, eh ich an Göthes Aug und Tisch gelange,
schreib ich dir wieder. Ich möchte dir immerfort schreiben; und ich
hatte hier keine Freude, in der mir nicht dein Bild vorstand — weiter216,1
aber auch keines. — Ich schreibe dieses Blat, um ein 2tes zu widerrufen
und dich bis nach Schleiz zu zaubern, wenn du magst und kanst. Erst
am Ende dieses Briefs, das ich nach einigen Tagen (vielleicht in
Jena) mache, werd’ ich dir das Wenn zuschreiben. — Ach ich sehne 216,5
mich, dir alles zu sagen und dan zu schweigen: Renate und Amöne
bekommen die Hälfte.

Ich wil meinen künftigen Athem durch folgendes Gastwirths
Protokol ersparen: Sonabends Mittags as ich im Gasthof, abends
bei der Ostheim, zwischen Herder, Einsiedel, Knebel, Mde Herder, — 216,10
Sontags Mitt[ags] solo bei der Ostheim, abends bei Herder —
Montags solo bei Ostheim, abends auch — Dienstags bat mich
Knebel, ich war aber schon bei Oertel, abends bei der ewigtheueren [?]
Ostheim — Mitwochs as ich bei der Geheimde Räthin v. Koppenfels
in Rohrbach, abends bei Oertel — Donnerstag, Tieffurth, bei der 216,15
Herzogin, Ostheim, Ostheim, Ostheim — Freitag bei Göthe,
abends bei Oertel — Sonabend bei dessen Mutter und Tochter —
Sontag bei Bötticher, abends bei Herder — Montag bei Oertel,
Knebel — Dienstag Oertel, abends bei der Frau und 〈mitessend〉
Fräulein v. Seebach, abends as ich bei Herder — ach, ein 216,20
schöner Abend, der nicht wiederkömt und wo ich in die Augen des
hier erkaltenden Herders Thränen trieb — Mitwoch as ich bei
dem Geheimden Rath v. Koppenfels — Donnerstag (heute) bei
Goethe....

Die Lust wirret die Tage in einen Flok, in dem alle Fäden sind,216,25
ausgenommen den der Ariadne.

Alles was schönere und mehrere Saiten und Nachklänge in deiner
und meiner Seele findet, sag ich dir mündlich: weil gerade das
schlechteste sich am kürzesten sagen lässet, also mündlich das
andere.216,30

Ich wil des Teufels sein, wenn du nicht hättest schreiben sollen. In
meiner nächsten Abreise werde ich keine Briefe schreiben sondern
nur beantworten: solt ich dir schon geschrieben haben, daß du
nicht Recht gethan?

1 §. — Dieses ist doch von Jena (incl.) aus gerechnet der 4te Brief 216,35
an dich? — § 2. Blos bei meinem Duzbruder Oertel kont ich so frei,
froh und unbefangen leben als ich lebe.
Jena 1796 Sontags [26. Juni ].
217,1
Den ersten Brief und den lezten schreib ich dir aus demselben
Hotel. Seit vorgestern bin ich hier und gehe morgen nach Weimar
zurük. Künftigen Sontag komm’ ich in Schleiz (im Engel) an, etwa
um 1, 2, 3 Uhr und da hoff ich dich, wenn du wilst und kanst, endlich217,5
wieder zu umfassen. — Ich trat gestern vor den felsigten Schiller, an
dem wie an einer Klippe alle Fremde zurükspringen; er erwartete mich
aber nach einem Brief von Göthe. Seine Gestalt ist verworren, hart-
kräftig, vol Eksteine, vol scharfer schneidender Kräfte, aber ohne
Liebe. Er spricht beinahe so vortreflich als [er] schreibt. Er war un217,10
gewöhnlich gefällig und sezte mich (durch seinen Antrag) auf der
Stelle zu einem Kollaborator der Horen um — und wolte mir eine
Naturalisazionsakte in Jena einbereden. —

Die Ostheim, Oertel, eine Frau von Düngen und mehrere wir
fuhren gestern mit nach Truisniz: um diesen Lustort und um ganz 217,15
Jena lagert sich die Natur mit einer doppelten Welt aus Reizen, mit
einem weiten Garten und mit hineingezogenen weiskahlen langen
Bergen, die wie Gräber von Riesen dastehen.

Amöne gab mir durch ihr Schreiben die Freude, die mir dein
Schweigen versagte. Dank ihr recht sehr dafür.217,20

Schreib ein Blätgen an meine Mutter, das ihr mein Wolsein —
nicht so wol als mein Seeligsein — und meine Ankunft ansagt.

Lebe wol, mein Lieber. Wenn ich nur die ½ meiner hiesigen
Geschicht[e] so lange behielte, bis ich sie in dein Gedächtnis über
geschüttet hätte! — Diese zwöchentliche Stelle in meiner Lebenslauf217,25
bahn ist eine Bergstrasse, die eine neue Welt in mir anfängt. —
Voigt hier lies mir drei Ldor für den Bogen bieten. — Noch einmal
leb wol. Mein lieber herzlicher Duzbruder Oertel pakt dieses Jenaische
Blat zum Weimarschen und überschreibt es: denn er geht heute, ich
morgen.217,30


H: Berlin JP. 8 S. 8°; sehr flüchtige Schrift. 217,1 hat Otto das Datum (26. Juni) hinzugesetzt. J 1: Otto 1,356 und 359. J 2: Nerrlich Nr. 21 und 22. 216 , 8 künftigen] nachtr. 21 schöner] nachtr. 27 und Nachklänge] nachtr. 217 , 3 morgen] aus übermorgen 12 eine] aus die 14 wir] nachtr. 25 hätte] nachtr.
216 , 19 f. Henriette Sophie Wilhelmine, geb. von Stein (1773—1817), Frau des Stallmeisters Friedr. Joh. Chr. Heinr. v. Seebach, u. deren Tochter Amélie. 217,8 Brief von Goethe: an Schiller, 18. und 22. Juni 1796. 12 Ein Entwurf zu einem Beitrag Jean Pauls für die Horen fand sich in seinem Nachlaß; s. Festgabe der Gesellschaft für deutsche Literatur zum 70. Geburtstag ihres Vorsitzenden Max Herrmann, Berlin 1935, S. 27—32. 14 Frau von Thüngen, Generalswitwe, Tochter der zu Nr. 340 genannten Frau v. Stein-Nordheim. 15 Trießnitz bei Jena. 27 Voigt: Jenenser Verleger, der später (1804) unberechtigt „Kleine Schriften von Jean Paul Fr. Richter“ herausgab.

Textgrundlage:

343. An Christian Otto. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 215-217 (Brieftext); 462 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Christian Otto. Weimar und Jena, 23. Juni 1796 bis 26. Juni 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_343 >


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