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Hof im Voigtl. d. 12 Jul. 1796 .
223,7
Wenn man aus Ihrer poetischen Welt wieder in die Höfer pro-
saische zurükgefallen ist: so wundert man sich, daß man ein Insas
zweier so unähnlicher Welten sein können und daß man neben Ihnen,223,10
Verehrungswürdigste, gesessen und geplaudert hat. Ihre Abende
kolorieren meine Träume und entfärben meine Tage. Warlich, mein
Kopfkissen ist für mich der Präsentierteller von Weimar: ich wünsche
Ihrer Wirklichkeit alle Stickerei und Dekorazion meiner Träume.

Ich hoffe, bis dieses Blat nach Weimar auf trägen Pferden kömt, 223,15
hab’ ich mich in Ihren Augen aus einem Lügenpropheten in einen
Wetterpropheten umgesezt: denn heute wirft der Himmel seine schmuzi
gen Wolken unter den Horizont und ruht in den nächsten Wochen
mit unermeslichen himmelblauen Schmetterlingsflügeln über Ihnen
beiden, wenn Sie nach Halberstadt wie ein Tempe-Flus durch lauter 223,20
hereingebükte Blumen ziehen. Nehmen Sie in Halberstadt Ihr Auge
vol Liebe und sehen Sie den guten edlen Gleim lange an und
sagen: „So möchte Sie, wenn er näher wäre, Jean Paul auch an
sehen!“ —

Wär’ ich das Verhängnis, so macht’ ich eines Ihrer geliebten223,25
Kinder so seelig als es zwischen den Wogen der schwankenden Sünd-
fluth unserer Zeit sein kan, und führt’ es vor Ihr Herz und sagte:
„Das sei dein Lohn für die Abende und Worte, die du wie Frucht
„guirlanden um die Tage des glüklichen Jean Paul geschlungen hast!“
Wenn einmal der Hesperus in Ihre Fenster glänzt: so nehmen Sie223,30
die Hand Ihres grossen Geliebten und sagen: „schau den andern
erdigtern Hesperus auch an und schreibe fünf Zeilen darüber nach
Hof!“ — Alle guten Genien mögen Sie heben, tragen, kühlen und
begleiten! —

Ihr223,35
Jean Paul Fr. Richter


H: Goethe- u. Schiller-Archiv. 4 S. 8°. K: An die Herder 12 Jul. i: Wahrheit 5,146. J: Herders Nachlaß Nr. 7. A: IV. Abt., II, Nr. 126. 223 , 19 mit ... Schmetterlingsflügeln] aus mit einem ... Schmetterlingsflügel H 26 zwischen] davor gestr. auf H 30 in] an K
223,12 f. Vgl. I. Abt., VII, 140,15f. 20 Statt des beabsichtigten Besuchs in Halberstadt trafen sich Herders am 17. Aug. 1796 in Eisleben mit Gleim. 30–33 Ludwig von Oertel schreibt am 6. Aug. 1796 an Jean Paul (Nr. 123): „Den Sommer im Winter zu finden, bestimmt Herder die Lektüre des Hesperus auf jene Zeit.“

Erwähnungen im Kommentar:

Orte

Textgrundlage:

357. An Karoline Herder in Weimar. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 223 (Brieftext); 465 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Caroline Herder. Hof, 12. Juli 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_357 >


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