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Hof. d. 22 Jul. 96 .
224,27
Endlich, unvergessene und unvergesliche Freundin, bin ich wieder
auf Ihrem — Nähtisch. Drei Wochen lang tauchte das Schiksal —
wenn ich so sonderbar sprechen darf — meinen Kopf bald in Morgen224,30
roth, bald in Abendroth, bald in Blumenkelche, bald in Regenbogen
und sättigte mich ganz: d. h. ich war 3 Wochen lang in Weimar.
Aber eben so lange müst’ ich schreiben, wenn ich Ihnen eine Geschichte
der Reise und des Aufenthalts zufertigen wolte. Mündlich brauch’ ich
weniger Zeit und geniesse mehr Lohn, weil ich Sie dan nicht blos225,1
anreden sondern auch ansehen kan. Meine Weimarsche Geschichte ist
die eines Papillons: ein Leben auf Blumenblättern, keines auf
papiernen. Ich war und trank und as und blieb und sprach und genos
bei allen grossen Menschen in Weimar und bei allen schönen: von der225,5
Herzogin-Mutter und von Herder und Goethe an bis durch alle
Weiber und Männer von doppeltem Adel hindurch, nämlich den der
Kultur eingerechnet. Da mich alle gelesen und erwartet hatten: so
übertraf die liebende Aufnahme nicht nur meine Verdienste sondern
auch meine Hofnungen. — Kurz mir war alle Tage so — und mich225,10
wundert nichts als daß ich mich nicht verliebet habe — wie mir bei
Ihnen von 8 Uhr bis 11 Uhr war. —

Aus diesem Tempe-Thal kam ich nun hier vor einem Berg von
Geschäften an; ich hatte wegen der neuen Bekantschaften nicht blos
neue Briefe sondern auch neue litterarische Arbeiten zu machen. Ich225,15
habe daher noch niemand unter den alten Bekanten geschrieben als
Ihnen: entschuldigen Sie bei Ahlefeld mein Schweigen, wenn Sie es
nicht nachahmen. Ich wolte lieber, ich hätte an meiner linken Hand
die seine und könte so nach Bayreuth gehen und die Ihrige in die
rechte nehmen. Meine Reise hat mir viele Vorurtheile und Fehler225,20
genommen und dafür die Hofnung gegeben, Hof bald zu räumen
(nämlich auf Intervalle). — Für Ihre Reisebeschreibung, die ich
leider mit keiner erwiedere, dankt Ihnen mein Herz: Ihr kunstloses
und gefühlvolles, festes und schönes wirft darin seine Wärme in
jedes fremde. — Das Schiksal bringe Sie, Theuere, geheilt und froh225,25
zurük! — — Ihre Ankunft wird die meinige nach Bayreuth be-
schleunigen. Ach die Ihrige in Hof hoff ich nicht mehr; obgleich mein
Wunsch wäre daß Sie vom nahen Markte etwas brauchten und es also
selber kauften, und wärens nur Wünsche von mir für Sie: Ihre Seele
und Ihre Schreibfeder vergesse Ihren Freund225,30

Richter nicht!


H: Williams College. 4 S. 8°. K: Kropf. 22 Jul. 96. J: Carter Nr. 7. A: IV. Abt., II, Nr. 131. 224 , 30 meinen] aus den H 32 lang] nachtr. H 225 , 2 Weimarsche] nachtr. H 5 Menschen] aus Leuten H 7 hindurch] nachtr. H 8 eingerechnet] aus dazu H 16 unter den alten Bekanten] nachtr. H 20 viele] nachtr. H
Minette, die nach Karlsbad verreist war, erhielt den Brief erst bei ihrer Rückkehr am 1. Aug. 1796. 225,15 neue litterarische Arbeiten: Titan (s. 222,11) und die „Geschichte meiner Vorrede“ (s. Nr. 370†). 22 Reisebeschreibung: nicht erhalten, vgl. Nr. 361. 28 Markt: vgl. zu Nr. 146.

Textgrundlage:

360. An Wilhelmine von Kropff in Bayreuth. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 224-225 (Brieftext); 466 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Wilhelmine von Kropff. Hof, 22. Juli 96. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_360 >


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