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Korrespondenz

Von Jean Paul an Karl Ludwig von Knebel. Hof, 3. August 1796.

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Hof im Voigtland d. 3 Aug. 1796 .
227,4

Mir ist immer, lieber Lukrez, als müst’ ich nach Weimar, um von 227,5
Ihnen Abschied zu nehmen, wiewohl ich das vorige mal schon auf
dem Wege zu Ihnen war und nur wegen meiner gewöhnlichen Ver
irrung und der 11ten Stunde umkehrte. — Ihre Elegien erhielt ich
die vorige Nacht richtig und gut kondizioniert; als ich aber aufwachte,
erschrak ich sehr, weil Träume allemal das Gegentheil bedeuten.227,10
Jezt indes braucht man einen Tyrtäus mehr als einen Properz. Die
Oesterreicher haben sich in lauter schnelfüssige Achilles verwandelt, wie
ungefähr der behaarte Miniatür-Wiener in Ihrer Stube ist. Die
comédie larmoyante dieses Krieges gleicht den Puppenspielen,
worin kurz vor dem Fal des Vorhangs sich die Marionetten am227,15
meisten prügeln: nur daß Schläge die Puppen nicht bessern, aber die
Menschen und die Directeurs der erstern; die Menschheit und die
Braunschweigische Mumme werden unterweges einigemal sauer, aber
am Ziele kommen beide doch unverdorben an....


„Unverderbt“ sagt Adelung, der lieber Härten als Anomalien wil. 227,20
Bei Ihnen wär’ es beides, wenn Sie mir nicht eine Stunde nach
diesem Briefe, einen schrieben und schikten. Leben Sie wohl, in Ihrer
schönen Favorita, unter den Musen und Blumen und denken Sie
meiner!



Jean Paul Fr. Richter
227,25
Zitierhinweis

Von Jean Paul an Karl Ludwig von Knebel. Hof, 3. August 1796. In: Digitale Neuausgabe der Briefe von Jean Paul in der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), überarbeitet von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018). In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. Herausgegeben im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018–). URL: http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_366


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Textgrundlage
D: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958. Briefnr.: 367. Seite(n): 227 (Brieftext) und 467 (Kommentar). Konkordanzen Druck-Digitale Edition

Kommentar (der gedruckten Ausgabe)
Siglen

H: Kestnermuseum, Hannover. 4 S. 8°. K: Knebel 3 Aug. 96. i: Wahrheit 5,148×. J: Knebel Nr. 2. 227,9 erwachte K 14 den Puppenspielen] aus dem Puppenspiele H 18 werden] aus wird H 19 kommen beide] aus kömt sie H

Vgl. Nr. 348. Knebel arbeitete an der Übersetzung von Lukrez’ Natur der Dinge, die aber erst 1821 herauskam, und der Elegien des Properz, die 1798 erschien. 227, 11 Goethe bezog (kaum mit Recht) diese „arrogante Äußerung des Herrn Richter in einem Brief an Knebel“ auf sich — den „deutschen Properz“ (als Verfasser der Römischen Elegien) — und wurde dadurch zu dem Gedicht „Der Chinese in Rom“ veranlaßt (an Schiller, 10. Aug. 1796). 13 Miniatür-Wiener: vielleicht ein Hund. 17–19 Braunschweigische Mumme: vgl. I. Abt., V, 30,7–11, XV, 300,15–17. 20 Vgl. I. Abt., XI, 308,5–9 (Vorschule der Aesthetik § 86).