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[ Hof, 6. Aug. 1796 ]
229,17
Indem ich träg meine Taschenuhr über den Tisch her zerre zum
Dat[um]: bemerk’ ich, wie wenig alle Erleichterungen des Luxus das
Dasein erleichtern. Anfangs war man froh, daß man das neue229,20
Monath und den neuen Mond errieth — dan daß mans in Rom vom
Ausrufer hörte — dan daß man es im Kalender sah — endlich daß es
auf der Uhr steht. Jedes Jahrhundert vermehrt nur die Gegenstände
der Begierde und vermindert eben dadurch die Mittel, dies[elbe] zu
befriedigen, und die Kraft, sie zu besiegen. — Wie legt sich das229,25
Schiksal bald mit Jahrszeiten bald mit Heeren zwischen uns beide.
Ich wil in Sachen des Vergnügens kein Versprechen geben, weil man
sonst die Freiheit eines augenbliklichen Entschlusses verscherzt. Er
solte seine Entschlüsse wie alle, die leicht schnelle fassen, auf der Stelle
realisieren müssen, um entweder die Langsamkeit derselben oder ihr229,30
Halten zu lernen. Die jezigen Staaten zwingen den Menschen, zu
sündigen, wie die alten zwangen, gut zu handeln. Mit dem Mauth-,
Zensur-, symb[olischen] Bücherwesen getrau’ [ich] mir der Hölle so
viel dicke Betrüger und Lügner zu liefern als sie verlangt. Jezt giebts
gegen die isolierte Aufklärung, die fortschreitet ohne die Erwärmung230,1
der Brust, kein Mittel weiter als die — Fortsezung dieser Aufklärung.
Unsre Zeit kömt mir wie himmelblaue Tage vor, in denen von einer
Stunde zur andern das Wetterglas bis zu Sturm fält ohne Ver
änderung des Himmels — Wie sehr ich mich auf den Schwung230,5
brettern und Springstäben der Kritik bewege und wie wenig blos mit
den anerschafnen Schwingen der Psyche — Er [Otto] fürchtet das
Kniestük (von ihm) in Ihrer Phantasie — Auf Ihren hellen blumigen
und warmen Sommer folge ein stiller blauer Herbst in Frucht
guirlanden gewickelt. — ich verdank’ ihm den Contour des Edens. 230,10


K: Oertel Leipz. 6 Aug. 96. i: Denkw. 1,331×. B: IV. Abt., II, Nr. 125? 230 , 8 Ihren] ihren
229 , 28 ff. und 230,10 ist wohl von Ludwig von Oertel die Rede, vgl. Nr. 352†. 33 symbolische Bücherwesen: vgl. Anm. zu 232,16. 230,5–7 Vgl. I. Abt., V, 18,10–13. 7f. Otto bittet im Brief an J. P. IV. Abt., II, Nr. 107, ihn Fremden gegenüber nicht zu sehr zu loben, um nicht Erwartungen zu erregen, die er nicht befriedigen könne; er fürchte sich daher schon lange davor, daß Oertel nach Hof kommen werde.

Textgrundlage:

372. An Friedrich von Oertel in Leipzig. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 229-230 (Brieftext); 468 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Friedrich Benedikt von Oertel. Hof, 6. August 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_372 >


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