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Hof. d. 17 Aug. 1796 .
233,9
Theuerste Freundin! Wie ein Sternbild stehen Sie mit dieser233,10
Inschrift glänzend in meiner Seele. Ein Geschenk ist der geistige
Wärmemesser des Empfängers. Giebt ihm jenes den Druk der Ver
bindlichkeit, die Last der Dankbarkeit: so liebt er wenig. Aber die
Gabe aus einer geliebten Hand löset alle harte Pansterketten eher auf
und das Herz vol Liebe schlägt ungefesselt freier. Blos in der hohen233,15
Freundschaft wird es streitig, was süsser sei, empfangen oder geben. —
Empfangen sag’ ich, wenn ich an Ihre holde Gabe denke, wozu auch
Ihr geschriebenes, gleichsam aus einer Rose gezognes Blat gehört.

Zum Glük hab’ ich, der ich alles von Ihrem Gemahl von den
kritischen Wäldern und dem Torso an bis zur Gabe der Sprachen (zu 233,20
seiner) gelesen habe — nur das über die Auferstehung ausgenommen —
gerade diese 5 Bücher nicht gelesen. Ich gäbe etwas darum, ich hätte
nie eine Zeile von ihm gesehen — sondern dieser nun durchwanderte
Himmel, diese nun überlebte Jugend stünde mir erst bevor. Aber so hat
man, wie der Mensch überal, grössere Freuden in der Erinnerung als233,25
in der Hofnung stehen.

Die Gemahlin des russischen Gesandten in Dänemark (Krüdner)
die bei mir war und vor diesem Briefe bei Ihnen ankommen wird,
giebt meiner wärmsten Achtung für Ihr Geschlecht, die im Juny wie
andere Blumen so sehr wuchs, gleichsam neue schirmende Blumen233,30
stäbe. Die Engel in Ihrem Geschlecht sind nicht gefallen, sondern
bedekt wie Portici und die Schnitte der Kultur, die oft dem Manne
den Birkensaft abnehmen, geben blos der vollen weiblichen Nelken
knospe eine rhythmische Entfaltung. Jene Frau verdient Ihre Um
armung. — Leben Sie wohl und das Schiksal streue Ihnen so viel233,35
Freudenblumen herab als Sie unter andere auswerfen, z. B. an
Jean Paul (wenn Sie an ihn schreiben bald).

H: Berlin acc. ms. 1894. 90 (Berlin BJK). 4 S. 8°. K: An Herderin. 17 Aug. 96. i: Wahrheit 5,152×. J 1: Herders Nachlaß Nr. 10. J 2: Euphorion, 3. Ergänzungsheft (1897), S. 158 (irrtümlich als ungedruckt angenommen). B: IV. Abt., II, Nr. 126. A: IV. Abt., II, Nr. 208. 233 , 16 wird] aus ist H empfangen] aus nehmen H
233 , 20 „Über Thomas Abbts Schriften; ein Torso von einem Denkmal, an seinem Grab errichtet“ (1768). 20f. zu seiner: J 1 ergänzt „Zeit“, gewiß unrichtig; Herders eigne Sprachbegabung ist gemeint. 28 Der beabsichtigte Besuch der Krüdener in Weimar unterblieb.

Textgrundlage:

380. An Karoline Herder. In: Jean Pauls Sämtliche Werke, Historisch-kritische Ausgabe. Dritte Abteilung, Band 2. Hrsg. v. Eduard Berend. Berlin: Akademieverlag, 1958.

Seite(n): 233 (Brieftext); 470 (Kommentar).
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Zitierempfehlung:

An Caroline Herder. Hof, 17. August 1796. In: Jean Paul - Sämtliche Briefe digital. In der Fassung der von Eduard Berend herausgegebenen 3. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe (1952-1964), im Auftrag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften überarbeitet und herausgegeben von Markus Bernauer, Norbert Miller und Frederike Neuber (2018).
< http://jeanpaul-edition.de/brief.html?num=II_380 >


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